Die kleine Zeitzeugin

Das Monster von Sommerlochness

d'Lëtzebuerger Land vom 09.08.2019

Es gibt wieder Ries_innen bei uns! Aus dem schwarzen Sommerloch kommen sie gekrochen, in Windeseile, auf verdammt vielen Beinen auch noch, sechs mehr als wir haben. Unlauterer Wettbewerb. Aber es ist ja auch kein Wettbewerb, es ist eine Jagd. Sie jagen sogar aktiv, wie es heißt, und statt Grauen Star haben sie Adleraugen.

Ries_innen on the road, auf Wald und Flur, in der Natur pur, dort, wo wir uns ergehen wollen und allem entgehen wollen, den Panzerautos, den lustigen Menschen, den Kulturfestivals. Da atmen wir tief ein, und auf. In der Flora, in der Fauna. Gibt ja keine Wölfe da. Vielleicht einen. Und der ist Tourist, Mensch frisst er höchstens aus Versehen, weil der den Wolfsknigge nicht beherrscht. Tollwütige pelzige

Freund_innen haben wir abgeschafft, ab und zu stichelt mal ein Mücklein, aber machen wir aus einer Mücke keinen Tiger. Und umschwärmt zu werden von Killerbienleinschwarm, so was passiert nur anderen in anderen Ländern.

Also heile Welt quasi, beziehungsweise relaxte Welt. Und dann, mitten im sommerlochtiefen Sommer, sind sie da. Die Ries_innen.

Kaum kommen wir angefedert über den Waldboden, humusphilosophierend, trällernd, heften sie sich an unsere Fersen. Fersengeld zu geben ist zwecklos. Mehrere hundert Meter haben die drauf wie nix! Schon sind sie drauf auf uns, drin sogar, Nein sagen geht nicht. Sie machen es nämlich unheimlich heimlich.

L‘ Essentiel spricht Klartext: Riesenzecke verfolgt Menschen auf 100 Meter! Diese Vampirin ist nicht nur teuflisch schnell, sie hat auch einen gargantuesken Durst, einen Monat lang säuft sie, bevor sie umkippt. Und sie hat ganz neue Todesangebote im Gepäck, zum Beispiel ein Fieber mit dem wohlklingenden Doppelnamen Krim- Kongo. So heißt man hier nicht.

Krim-Kongo sei wahrscheinlich nicht in Düdelingen angekommen, oder sonst wo auf unserer Scholle, da sind sich die Parasitolog_innen quasi sicher. Wobei auch dieser Beweis noch aussteht. Die einzige Riesin, die Mensch hier unter die Augen kam, bezahlte dies nämlich gleich mit dem Leben. Flugs wurde sie von ihrem Finder mit Ethanol übergossen, forsch von den Forscher_innen eines ihrer ausnehmend anmutigen, hübsch gestreiften Beine beraubt, über das sich alsbald rauchende Hirne beugten. Bis dahin hatte sich alles, was irgendwas potenziell hätte erregen können, vertschüsst.

Jetzt bewundern wir im Naturkundemuseum ein schmuckes Wesen mit sieben grazilen goldenen Beinen, ein Schmuckstück, eine Brosche, ein Amulett, so schaut Hyalomma Marginatum aus, zumindest auf ihrem PR_ Foto. Sie ist doppelt so groß wie ihre heimischen Schwestern und Brüder, uncharmant Gemeine Holzböcke geheißen. Holzziegen kommen nicht mal vor, Naturwissenschaftler_innen scheint Gendern kein großes Anliegen zu sein.

Die Riesenzecke kann über einen Zentimeter groß werden!

Gibt es jetzt eine Reisewarnung für Luxemburg? Nein, Hyalomma, die Migrantin aus Süd und Ost, den üblichen verdächtigen Himmelsrichtungen, ist ja schon längst dabei, sich in Europa häuslich niederzulassen. Auf einem Teichrohrsänger in Sachsen-Anhalt fand sie Unterschlupf und auf einem Hosenbein in Tübingen, der Heimat von Hölderlin und Boris Palmer. In Deutschland, lese ich befremdet, hat sie sich schon etabliert. Das Leben ist für sie ein Ponyhof, da fühlt sie sich pudelwohl.

Dass die schöne Hyalomma uns jetzt massenhaft besiedeln wird, befürchten Expert_innen derzeit aber nicht. Von Geburtenabstinenz hält sie nämlich viel. Sie vermehrt sich, was in dieser Peer-Tier-Group exemplarisch ist, extrem zurückhaltend. Nur einmal im Jahr gebe es einen Geburtenzyklus, beschwichtigen Hyalommaolog_innen. Kriegt sie gar nur ein Kind, wie weiland Mensch in China und möglicherweise Harry und Meghan, wegen dem Klima?

Ist sie, die uns die Klimaverwandlung beschert hat, also Klimavorbild?

Nein, lehrt mich meine vertiefende Forschung, ein Geburtenzyklus heißt 3 000 Eier, 3 000 Kids. So wenig auch nicht, liebe Expert_innen.

Michèle Thoma
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