Groundings

Peter, wir bleiben Freunde!

d'Lëtzebuerger Land du 29.01.2004

Marthaler: endlich! Frank Feitler hatte uns versprochen, auch Christoph Marthaler nach Luxemburg zu bringen, zusammen mit André Jung natürlich. Am vergangenen Sonntag und Montag gastierte das Ensemble des Schauspielhaus Zürich mit Groundings im Grand Théâtre de la Ville. Ein Stück über Katastrophen und Abstürze, der Swissair, der Banken, der Manager, des Kapitalismus ­ und des europäischen Theaters. Groundings ist auch eine Metapher auf Marthalers Untergang in Zürich. Und am Ende rät er uns durch die weibliche Hauptrolle Margot: "Wenn eines Tages in Ihrem Garten ein Ufo landet, wundern Sie sich nicht. Steigen Sie einfach ein!"

Groundings ist die in letzter Zeit schon öfters im Theater erzählte Geschichte der Bruchlandung einiger Topmanager, ihres Zynismus und ihrer erschreckenden Banalität. Die stolzen Ingenieure, Piloten und Finanzmakler, die uns zu Beginn mit geschwellter Brust von den Anfängen der Swissair erzählen, ihren Erfolgen und ihren kleinen Pannen ­ der Tod der ersten europäischen Stewardess bei einem Flugzeugunfall über Tütlingen ­ sitzen in Wirklichkeit auf dem Schleudersitz. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als Missmanagement die Verluste in Milliardenhöhe hat schnellen lassen, wird Ballast abgeworfen. Die strenge Businessfrau Margot (wunderbare Karin Neuhäuser) wird als Saniererin eingesetzt, und immer wieder verabschieden sie und ihr Verwaltungsrat sich von Peter, dem "hoffnungslos Enttäuschten": ein Ballett der Heuchler kommt ihm die Hand reichen, "Peter, wir bleiben Freunde!", und schon saust er mit dem Sessel durch die Wand. Mehrfach wiederholt sich die Szene, Hans bringt eine neue Styroporplatte, Peter saust hindurch ... Marthaler beherrscht die Komik der Wiederholung.

Doch die restlichen Manager sorgen sich deshalb nicht unbedingt mehr um das Wohl der Firma. In ihren immer absurder werdenden Versammlungen in Anna Viebrocks tristem Bühnenbild geht es nur noch um die Höhe der Abfindungen ­ "Wer die Million nicht ehrt, ist die Milliarde nicht wert!" ­ und um lächerliche Logos und Werbekampagnen, die ihnen ein geschwätziger Designer verkaufen will. "Marketing ist Gottesdienst am Kunden", heißt es, und trotz des Debakels wollen sie den Erfolg "cool" finden. Und im Publikum denkt man an Luxair und an Davos, wo die Teilnehmer des Weltwirtschaftsgipfels sich am vergangenen Wochenende unter anderem die Frage stellten, wie man "hip" wird: Casual look war angesagt, wer seine Krawatte trug, musste sogar fünf Schweizer Franken Strafe zahlen. So diskutiert es sich doch gleich besser über das Leiden der anderen.

Marthalers Figuren entwickeln ein ähnliches Verständnis der Schweiz, wie es viele Luxemburger gegenüber ihrem Lande tun: der Zwergstaat mitten in Europa, der trotz seines Reichtums immer noch erschreckend provinziell geblieben ist. Auch wenn sie ihre Gehälter in Millionen zählen, bleiben die Manager trotzdem schrecklich klein und menschlich, suchen ständig eine Apotheke, um ihre großen und kleinen Leiden zu heilen, und stimmen bei jeder Gelegenheit die peinlichste Volksmusik an ("schlechte Menschen haben keine Leader").

Und dann wäre dann noch der Fremdenhass. André Jung, arrogant und cool als "Gemütsmensch mit Sachzwang", erklärt: dass die "Kernproduktion (der Swissair und des Theaters zugleich) zu personalintensiv" ist, dass man deshalb ab jetzt leasen sollte. "Überflüssiges Menschenmaterial" sollte man nicht mehr ausweisen, sondern in Lagern unterbringen, damit sie bei Hand sind, um beispielsweise ihre Organe zu verleasen. Überwachen könnte man das Ganze von einer zentralen Stelle aus, zum Beispiel in Düdeldingen. Hoffnung sollte es geben ­ doch es konnte alles nur im Chaos untergehen.

 

 

 

 

 

josée hansen
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