Grouss Vakanz

Mit Goethe in die Normandie

d'Lëtzebuerger Land vom 24.02.2005

Damals habe ich Grouss Vakanz nicht gesehen. Grouss Vakanz, das war das Sonntagnachmittagprogramm der Großeltern. Im Neuen Theater der Stadt. Und später gab es die Aufzeichnung bei Hei Elei Kuck Elei. Ebenfalls sonntags. Das Stück hatte ich nicht gesehen, wohl kannte ich aber seine wichtigste Requisite: die Westminster-Uhr. Ein solches Exemplar stand auch bei den Großeltern auf dem Büfett. Dazu gehörte das alltägliche Aufzieh-Zeremoniell, und das charakteristische Gebimmel. Damals, das war 1980. Grouss Vakanz, 1975 von Pol Greisch geschrieben und fünf Jahre später uraufgeführt, wurde nun zum zwanzigsten Geburtstag des Kapuzinertheaters dort neu inszeniert. Es ist die tragische Geschichte eines sechzigjährigen Junggesellen, der sein bisheriges Leben dem Wohle seiner Eltern, insbesondere der autoritären Mutter, gewidmet hat. Als Frührentner möchte er sich einen Ausbruch aus dem tristen Alltag erlauben, endlich allein sein, endlich in Ruhe Goethe lesen. Die Ferien werden geplant, Ferien in der Normandie. Letztendlich wird er die Eltern doch mitnehmen, und in der Normandie ist es dann genauso wie in Luxemburg. Nur schlimmer. Damals hieß der Regisseur Marc Olinger, heute ist eben jener der verantwortliche Theaterdirektor. Auf dem Plakat standen damals die Namen von Juliette François (Ehefrau von Pol Greisch), Misch Bock, Fernand Fox und Pauline Rehlinger. Geblieben ist einzig der unverwüstliche Fox, der heute den Vater der damaligen Rolle spielt. Man kennt sich. Der Autor, die Schauspieler, die Programmdirektoren und das Publikum. Grouss Vakanz war damals ein großer Publikumserfolg. Und es wird wieder einer sein. Weil man darauf zählen kann, dass das inzwischen gealterte Publikum das Nostalgie-Event nicht verpassen wird. Und weil man dieses Publikum auch nicht mit modernen Kinkerlitzchen brüskieren wird. Was Grouss Vakanz wieder zum Erfolg machen wird, sind dreierlei Dinge: zum einen kann sich der Luxemburger an den präzisen Dialogen des Pol Greisch erfreuen. "Mundarttheater" nennt man das, und das Stück ist in dieser Gattung besonders gelungen. Die Gefahr - bei Luxemburger Mundarttheater stets gegeben - ins allzu Komödiantische abzugleiten, wird durch die raffinierte Regiearbeit von Renate Ourth und durch das Schauspiel der Darsteller vermieden. Dabei sticht vor allem Marie-Paule von Roesgen in der Rolle der ewig nörgelnden Mutter hervor. Sie hat das Alter der Dargestellten; vielleicht ist dies der Grund für die fast unglaubliche Symbiose, die sich zwischen Schauspielerin und Theaterfigur auf der Bühne vollzieht. Von Roesgen spielt, als ginge es um Leben und Tod, als wäre es die letzte Rolle ihres Lebens. Fernand Fox muss sich mit dem zurückhaltenden Spiel des kranken Vaters begnügen - trotzdem ist es ein echtes Vergnügen, sein Mienenspiel als durchgehenden Kommentar zum Drama zu beobachten. Hinzu kommen die zwei Profis der neueren Generation: Christiane Durbach in der Rolle der Haushälterin Margritt und Germain Wagner als der alternde Junggeselle, der sein Leben den Wünschen seiner Eltern opfert. Die beiden sind in ihren jeweiligen Rollen sehr überzeugend - auch wenn mancher Zuschauer den früheren Fernand Fox in der Rolle des Lucien unendlich glaubhafter als Germain Wagner fand. War Fernand Fox nicht schlicht der Inbegriff des etwas kauzigen, alterlosen Junggesellen? Der dritte Grund für einen wiederholten Erfolg von Grouss Vakanz lässt sich an einem seltenen Phänomen in den Luxemburger Theatersälen festmachen: während der Spieldauer vollzieht sich eine spürbare Identifikation des Publikums mit den Figuren. Zum einen wird es die Generation der Fünfzig- bis Sechzigjährigen sein, die sich in die Probleme des besorgten Sohnes fühlen kann. Das allzu aufopfernde Junggesellengehabe des Lucien passt nicht mehr in das heutige Verständnis, sein Bemühen um die kranken, alten Eltern allerdings schon. Manch leidvolle Diskussion um Pflegeversicherung und Altersheim wird in Erinnerung gerufen werden. Manche werden, wie Lucien, die plötzliche Senilität der Eltern miterlebt haben. Im Theater darf über das Groteske der Situation gelacht werden, zuhause wartet der bittere Lebensernst. Tragikomisch - so wollte Greisch sein Stück. Zum Nachdenken sollte es anregen. In diesem Fall genügt das Dargebotene dem Anspruch des Autors allemal. Genau so wird es sein. Zum zweiten war die Generation der Eltern im Saal - die Generation Roesgen-Fox. Welche Parallelen sich zwischen dem Erlebten und dem Dargebotenen auftun, kann man nur vermuten. Was darf man von den eigenen Kindern fordern, wenn man auf die Hilfe angewiesen ist? Welches "Opfer", welche Liebesbeweise darf man einforden? Welche Art des Zusammenlebens ist zumutbar? So ist die Fragestellung von Grouss Vakanz in seiner menschlichen Dimension auch heute noch aktuell, die Definition der einzelnen Charaktere und der Szenen ist dagegen von der Zeit überholt. Im realen 21. Jahrhundert wurde die Haushälterin Margritt durch die französichsprachigen Damen von Hëllef Doheem ersetzt. Sechzigjährige Junggesellen vom Schlage eines Lucien wird man an der Küste der Normandie kaum antreffen - schon eher am Strand von Thailand. Auch die Westminster-Uhr meiner Oma wurde ins Nähzimmer verbannt und wird seit Jahren nicht mehr aufgezogen. So verändert sich das Leben, aber auf einige Dinge kann man sich auch nach 25 Jahren verlassen: auf das Mundarttheater des Pol Greisch und auf Fernand Fox. So soll es sein.

Grouss Vakanz von Pol Greisch; Regie: Renate Ourth, Dekor: Christoph Rasche, Kostüme: Ulli Kremer; mit Marie-Paule von Roesgen, Fernand Fox, Germain Wagner und Christiane Durbach Weitere Vorstellungen am heutigen Freitag, 25., sowie am 26. und 27. Februar und am 1., 2. und 5. März jeweils um 20 Uhr, sowie am 28. Februar um 18h30 im Kapuzinertheater. Reservierung über die Billeterie nationale, Tel : 470895-1 oder im Kapuzinertheater (eine Stunde vor der Vorstellung) : Tel : 220645.

Anne Schroeder
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