Komik

Humorvoller Glaube?

d'Lëtzebuerger Land vom 23.09.2011

Jüngst nahm ich teil an einer Tagung an der Uni Luxemburg, auf der das uralte Thema der Komik behandelt wurde. Mir ist besonders ein Beitrag in Erinnerung, der auf eine Frage aufmerksam machte, die den Ungläubigen berührte. Sind die Atheisten zutiefst humorlos? Oder so fragte ich mich Partei ergreifend: Sind es eher die Gläubigen, deren oberster Gott sich das Lachen – Goethe oder seinem Mephisto zufolge – abgewöhnt hat. In Umberto Ecos Roman Der Name der Rose steht folgender Dialogauszug zwischen Adson von Melk, dem Ich-Erzähler, und William von Baskerville, dem Hauptprotagonisten: „‚Warum steht eigentlich nirgendwo im Evangelium, dass Christus gelacht hat‘, fragte ich ohne vernünftigen Grund. ‚Ist es wirklich so, wie Jorge sagt?‘ ‚Viele Leute haben sich schon gefragt, ob Christus gelacht hat. Ich finde die Frage gar nicht so interessant. Ich glaube, dass Christus nie gelacht hat, weil er in seiner Allwissenheit sicher schon wusste, was wir Christen alles anstellen würden...‘“ Da kommt Schwester Katharina Deifel aus dem Orden der Dominikaner/innen zu einer anderen Schlussfolgerung: „JESUS, der menschlichste Mensch, war also sicher humorvoll und hat selbstverständlich gelacht, so selbstverständlich, dass das NT gar nicht extra darüber erzählt.“ Die Antwort auf die Frage nach dem Lachen Christi wollen wir auf sich beruhen lassen und zum Beitrag der Tagung zurückkehren.

Ein Schriftsteller und evangelischer Theologe (Klaas Huizing) verteidigte den Humor des Glaubens gegenüber dem Mangel an Humor bei Atheisten, indem er über «Das Humorgefälle in Atheismus-Debatten» zu referieren versprach. Sein Paradebeispiel war das Kinderbuch von Schmidt-Salomon: „Wo bitte geht’s zu Gott? fragte das kleine Ferkel“. [-]Komik sprach der Referent diesem Buch ab; dann meinte er, sei der tiefe Humor etwa im neutestamentlichen Gleichnis vom barmherzigen Samariter doch wesentlich höher einzustufen. Er war nicht gegen jede Form von Komik der Ungläubigen, so sah er das ganz anders im Werk „Nichts wovor man sich fürchten müsste“ des Agnostikers Julian Barnes.

In der sich anschließenden Diskus-sion gab es Einwände von Teilnehmern, die zum Beispiel betonten, dass ihnen das Gleichnis vom barmherzigen Samariter keineswegs als komisch vorkomme. Noch lange nachher hat mich die „Humorlosigkeit“ mancher Atheisten beschäftigt. Und ich komme zu der Folgerung, dass man über Humor und seine Wirkung, – gerade in Fragen des Glaubens – nicht streiten könne, weil diese Wirkung genau wie der Glaube das Produkt einer bestimmten Sozialisation und der daraus sich ergebenden Denkweise sei. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Menschen gibt, die als Atheisten über Witze lachen, die bei ihnen einen Reflex der Befreiung bewirken, bei denen aber dem Gläubigen nicht mal ein müdes Schmunzeln zu entlocken ist.

Es ist schon interessant, wie sehr um Komik und Humor als menschliche Eigenschaften gerungen wird, wie gern man sie dem eigenen Lager zukommen lassen will. Der Ungläubige will nicht weniger an diesem Gut teilhaben als der Gläubige. Und so sucht man einander diese Qualität zu bestreiten, wobei man aber vergisst, dass die Lacher als Zeugen des Humors vorzüglich in der Gruppe derjenigen zu finden sind, die längst überzeugt sind und bloß eine Bestätigung für die eigene Position suchen.

Etwas haben manche Atheisten von ihren gläubigen Feinden übernommen: den Mangel an Humor. Einfach deshalb, weil es ihnen – wie den Gläubigen mit dem Glauben – nicht weniger ernst ist mit dem Unglauben. Vermutlich ist diese Frage so unsäglich wichtig, dass angesichts ihrer Komik und Humor den Geist aufgeben und ein tödlich-verkrampfter Ernst einspringt.

Jacques Wirion
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