Gurs

Wo man singt

d'Lëtzebuerger Land du 16.12.2004

Gurs - Eine europäische Tragödie beginnt so, wie man es erwarten konnte : man sieht eine Gruppe von Gefangenen in einer Baracke des französischen Internierungslagers im Jahre 1940. In Spanisch werden die verschiedenen Lebensschicksale dargelegt, die sie an diesen selt-samen Ort mit dem seltsamen Namen gebracht haben. Während der Dauer einer Szene bleibt der Zu-schauer außen vor -  schon wegen der fremden Sprache, und auch wegen des rapiden Erzähltempos, das da vorgelegt wird. Doch wollte man sich gerade auf eine eher klassische Theater-Inszenierung in KZ-Kulisse einstellen, wird man mit der dritten Szene aus dem Jahre 1940 in die Gegenwart einer Vorbesprechung zu einem Theaterstück gerissen. Die sechs Schauspieler diskutieren über das Stück, das sie uns gerade in Ansätzen schon dargebracht hatten, und beginnen eben, dieses Stück neu zu erdenken. Ab dieser Szene macht das Zuschauen wirklich Freude. Mit der brisanten Knappheit eines rasenden Reporters jagt uns der Autor Jorge Semprun durch seine komplexen Themen: fast wie im Vorbeigehen erzählt er das Leben des deutschen Schauspielers und Sängers Ernst Busch und dessen Frau Eva. Dazu ist Gurs auch eine Reflexion über die Migrationen der Völker und der Kulturen innerhalb Europas, eine Anklage an die zerstörende Macht im Namen der Ideologien, eine Überlegung zur Wertigkeit des Thea-ters als Ausdrucks- und Überlebensmittel und eine genaue Darlegung der historischen Fakten des Lagers Gurs in den französischen Pyrenäen. Wahrscheinlich hätte sich jeder andere europäische Autor an den eigenen Ambitionen und an dieser Auftragsarbeit die Zähne ausgebissen. Nicht so Jorge Semprun. Wie es sich für den großen Literaten gehört, sind die Dialoge in Spanisch, Französisch und Deutsch hervorragend geschrieben. Man könnte Semprun vorwerfen, das Tempo, mit dem er die vielen Themen abhandelt, verführe ihn zur Oberflächlichkeit. Doch genau diese Zeit- und Gedankensprünge vollbringt der Autor mit einer solchen Cleverness, dass man ihm nur zu gerne folgt. Jorge Semprun wählt den Rhythmus der heutigen Zeit: von den News zum Einzelschicksal, vom musikalischen Intermezzo zum einprägsamen Bild. Immer wieder eine kleine Überraschung fürs Publikum. Zum Beispiel, als Jorge Semprun in Person - via Videoleinwand - in Erscheinung tritt und sich indirekt in die Inszenierung des Stückes im Stück einmischt. Getragen wird das Ganze von der ganz und gar überzeugenden Darstellung der verschiedenen Rollen durch die sechs hervorragenden Schauspieler. Allen voran der Lu-xemburger Germain Wagner, der, unter anderem, auch jenen Ernst Busch spielt, der 1940 für einige Monate im Lager Gurs interniert war. Im französischen Gurs, das damals unter der Vichy-Regierung stand, fanden sich Gefangene aus den unterschiedlichsten Gründen wieder. Bevor man ab Oktober 1940 auch Tausende von Juden hier einpferchte, war Gurs zuerst ein Auffanglager für geflüchtete Kämpfer der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg. Unter diesen waren auch etliche Deutsche, wie  der Kabarettist und Schauspieler Ernst Busch. Hanns Eisler, der die meisten Lieder für Ernst Busch komponierte, nannte ihn das „singende Herz der deutschen Arbeiterklasse". Das Leben und Schaffen von Ernst Busch wird im Theaterstück Gurs vielfach gewürdigt. Zum einen wird seine Zusammenarbeit mit Bertholt Brecht für die Uraufführung von Das Leben des Galilei Galileo im Jahre 1957 zum Ausgangspunkt für eine Diskussion über die Themen des Brecht-Dramas. Zum anderen - und das ist origineller - greift die Inszenierung auf die ungemein ergiebige Liedersammlung zurück, die Ernst Busch bis zu seinem Tode im Jahre 1980 auf Schallplatte herausbrachte. Diese historische Reihe umfasst Lieder von den Bauernkriegen bis hin zu Freiheitsliedern des Spanienkrieges oder der Oktoberrevolution. Im Stück werden etliche dieser Lieder, etwa Die Moorsoldaten oder Die Thälmannkolonne von der internationalen Truppe angestimmt und dann vom Original übernommen. Und so gelingt Gurs auch noch das Unterfangen, einen kurzen Exkurs in die Geschichte des revolutionären Liedguts Europas einfließen zu lassen. Ganz zu Ende, in der allerletzten Szene, ist Gurs so, wie man es erwarten konnte: sechs KZ-Gefangene liegen auf ihren Holzpritschen und warten am 27.Februar 1943 auf den fünften Zugkonvoi, der 925 jüdische Frauen und Männer nach Auschwitz bringen wird. Die Listen wurden von den französischen Befehlshabern des Lagers Gurs an die Nazis übergeben. Ganz zu Ende ist das Theaterstück Gurs, was Theater nicht sehr oft gelingt: schlicht, ergreifend.

Gurs: Une tragédie européenne von Jorge Semprun; Eine Koproduktion des Centro andaluz de teatro, Séville mit dem Théâtre national de Nice und den Theater der Stadt Luxemburg; Inszenierung: Daniel Benoin, Paul Chariéras und Cécile Mathieu; mit: Ignacio Andréu Abrio, Sophie Duez, Patrick Hastert, Ane Rebolleda, José Manuel Seda, Germain Wagner. Keine weiteren Aufführungen in Luxemburg.

Anne Schroeder
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