Nach dem COP21

Das Momentum von Paris

d'Lëtzebuerger Land du 18.12.2015

Politiker sind begeistert, Wissenschaftler skeptisch bis enttäuscht. Für François Hollande endete der Pariser Klimagipfel mit einer „Revolution“, für Barack Obama ist er ein „historischer Wendepunkt“. Der deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber findet, in dem vergangenen Samstag vereinbarten Abkommen stehen Dinge, „die wir jetzt zusammen erst einmal hinkriegen müssen“. Der Klimaforscher James Hansen von der US-Weltraumbehörde Nasa nennt das Gipfelresultat „Betrug“.

Warum? Weil hinter dem Abkommen jene Selbstverpflichtungen stehen, die 188 der 196 Teilnehmerstaaten schon vorab eingegangen sind. Sie reichen bis zum Jahr 2030 und ihre Auswirkungen wurden bereits hochgerechnet. Im besten Fall, dass alle Verpflichtungen eingehalten und über 2030 hinaus fortgeschrieben würden, ließe sich der mittlere Temperaturanstieg bis 2100 auf 2,7 bis 3,7 Grad Celsius begrenzen. Blieben schlimmstenfalls die Absichtserklärungen nur das Papier wert, auf dem sie stehen, müsste man mit weit über vier Grad rechnen. Oder mit noch mehr. Denn die aktuellen Klimamodelle beziehen nicht die von Klimaforschern so gefürchteten „Umkippeffekte“ ein. Durch sie könnte das globale Klimasystem in einen neuen Zustand gelangen, aus dem es kein Zurück mehr gäbe und der zusätzliche Erwärmung mit sich bringen könnte, über die sich nur spekulieren lässt. Doch schon eine mittlere Erwärmung um zwei Grad dürfte in weiten Teilen der Welt zu Dürren und neuen Wüstenbildungen führen, in anderen zu veränderten Monsunverläufen und starken Überschwemmungen. Dann könnten, so heißt es, hunderte Millionen „Klimaflüchtlinge“ allein aus China und Pakistan in gastlichere Regionen des Planeten aufbrechen.

Die Hoffnung, dass das Pariser Abkommen solche Szenarien abzuwenden und tatsächlich „deutlich unterhalb zwei Grad“ zu bleiben hilft, wie es im Text heißt, ruht vor allem auf dem Ratchet mechanism: Alle fünf Jahre soll überprüft werden, wie weit der Klimaschutz gelangt ist und ob nachgebessert werden müsste. Die erste richtige Überprüfung findet aber erst 2023 statt. Die EU wollte 2018, China 2029; am Ende traf man sich in der Mitte. Das Problem ist nur, dass beim aktuellen Kenntnisstand der Zeitraum zwischen 2025 und 2030 sehr entscheidend sein soll: Was bis 2030 an Emissionen nicht abgebaut sein wird, lasse sich anschließend nur zu viel höheren Kosten schaffen. Und vielleicht nur, indem auf technischem Wege CO2 aus der Atmosphäre entfernt wird. Technologien hierfür sind derzeit aber bestenfalls in der Erprobung und welche Nebenwirkungen sie haben könnten, weiß noch keiner.

Ist das Abkommen von Paris also ein Betrug? Zumal nicht klar ist, ob es je in Kraft tritt, weil wenigstens 55 Staaten, die zusammen mindestens 55 Prozent der Treibhausgasemissionen verursachen, es zunächst ratifizieren müssen? Und weil ein Austritt aus dem Vertrag ebenso einfach möglich ist wie zum Beispiel der Kanadas vor Jahren aus dem Kyoto-Protokoll?

Nein, denn beim derzeitigen Stand der Weltpolitik ist es bemerkenswert, dass dieses Abkommen überhaupt zustande kam. In Paris saß der Nato-Westen genauso am Verhandlungstisch wie Russland; Israel ebenso wie seine Feinde Syrien, Libanon und Iran. Und was Nordkorea sich an CO2-Reduktion vorgenommen hat, liegt nur 2,6 Prozentpunkte unterhalb des Ziels der EU. Nach Paris sieht es so aus, als sei der Klimawandel allgemein als politisches Problem akzeptiert. Weil das Abkommen aus Verpflichtungen „von unten her“ entstand, kann man es auch für fair halten. Das ist das eigentlich Neue. Und man möchte sich wünschen, dass mit dem „Momentum von Paris“ noch andere politische Probleme gelöst werden könnten. Etwa alle, die einem dauerhaften Frieden im Nahen und Mittleren Osten entgegenstehen. Schließlich sind heute schon Millionen Flüchtlinge unterwegs in sicherere Regionen des Planeten.

Peter Feist
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