Reform der Berufsausbildung

„Luxemburg ist Vorreiter“

d'Lëtzebuerger Land du 23.09.2010

D’Lëtzebuerger Land: Herr Alff, 19 Berufsausbildungen starten dieses Schuljahr nach dem neuen Prinzip: entlang von Modulen und Kompetenzen. Angesichts von über 100 Berufsausbildungen, die es in Luxemburg gibt, klingt das bescheiden.

Nic Alff: 19 Ausbildungen von 119 klingen vielleicht nicht viel, doch darf man nicht vergessen, dass auch die Arbeiten an den verbleibenden hundert zum Teil schon sehr fortgeschritten sind. Wir haben uns entschieden, mit einer gewissen Ruhe vorzugehen und so im nächsten Jahr schon von den ersten praktischen Erkenntnissen profitieren zu können.

Man hört von Streitigkeiten und Diskus-sionen in den Arbeitsgruppen, den Équipes curriculaires, die aus Lehrern und Berufspraktikern bestehen und die die Programme und Lehrpläne ausarbeiten sollen. Fällt die Abstimmung so schwer?

Es betrifft nur eine kleine Anzahl von Arbeitsgruppen, die sich schwerer tun. Das ist verständlich, denn bisher sind verschiedene Ausbildungen auch ohne Kompetenzen und Module gut gelaufen. Nun sollen die Ausbilder umdenken und ein neues System erlernen. Das braucht Zeit.

Betriebliche Ausbilder klagen, sie blickten nicht mehr durch die Module, Kompetenzen und Evaluation durch. Was sind die Vorteile?

Unser Schulsystem produziert alljährlich zu viele Schulabbrecher, die die Schule ohne Diplom verlassen. Hatte man ein Fach nicht bestanden, fiel man durch. Das können wir uns wirklich nicht leisten. Das modulare System erlaubt einem Schüler, Schwächen zu beheben, indem er das ­entsprechende Modul wiederholen kann, ohne das ganze Jahr nachsitzen zu müssen. Der kompetenzorientierte Unterricht ist europaweit anerkannt. Und es gibt einen Konsens zwischen Berufskammern, Salariat und Ministerium, dass er kommen muss.

Wie lassen sich in einem Modul von einigen Stunden wöchentlich sinnvoll berufliche Kompetenzen vermitteln?

Wir versuchen, sinnvolle Bausteine von einem Semester zu bilden. Dafür haben wir Arbeitsfelder definiert, aus denen Teilqualifikationen abgeprüft werden können. Ein Baustein (Unité capitalisable) hat eine Dauer von einem Semester oder einem Jahr, ein Modul von einem Semester. So erreicht man eine Zeitspanne, die es erlaubt, sich Teilqualifikationen anzueignen.

Bisher funktioniert die Schule weitgehend in Trimestern.

Die Formations phares (die ersten Berufsausbildungen, die dieses Jahr nach dem neuen Modell funktionieren werden, d. Red.), sind in Semestern organisiert. Die anderen Ausbildungen werden folgen. An der Organisation feilen wir noch, denn zwischen dem einen und dem nächsten Modul braucht es eine gewisse Vorlaufzeit, um das anschließende Angebot zu organisieren. Der Vorteil ist, dass der Schüler am Ende des Semesters weiß, ob er sein Modul gepackt hat oder nicht. Dann ist es an den Schulen, den Anschluss zu organi­sieren.

Sie erhoffen sich eine größere Anschlussfähigkeit zwischen dem ersten und zweiten Bildungsweg.

Ich möchte den Graben, der derzeit zwischen der Erst- und der Zweitausbildung besteht, verkleinern, so dass lebenslanges Lernen wirklich möglich wird. Da sind wir gefordert, das kommt nicht von selbst.

In der neuen Berufsausbildung entfällt das herkömmliche Abschlussexamen. Stattdessen wird jedes Modul einzeln geprüft. Anhand eines Projet integré soll der Schüler beweisen, dass er sein Arbeitsfeld beherrscht und sein Fachwissen anwenden kann.

Als wir anfingen, über eine Reform der Berufsausbildung nachzudenken, gab es kaum Zweifel am 60-Punktesytem. In den Beratungen mit Lehrern und Ausbildern aus der ­Praxis aber wurde deutlich, dass ein gutes modulares System die 60-Punkte-Bewertung nicht braucht,diese sogar eher hinderlich ist. Denn was bedeuten 30 Punkte: dass jemand eine Kompetenz halb erreicht hat? Wir sind dabei, für die Berufe kompetenzorientierte Lehrpläne zu erstellen und Sockel zu definieren. Das dauert länger, aber es erlaubt uns, präzise zu sagen, was ein Schüler am Ende seiner Ausbildung können muss.

Im Cycle inférieur, wo ebenfalls Kompetenzen eingeführt werden, tun sich die Lehrer schwer damit, die entsprechenden Messinstrumente zu erstellen. Auch wird die Kritik laut, der Akzent beim kompetenzorientierten Unterricht liege zu sehr auf der Messbarkeit.

Wir haben wenig Erfahrung, um die Indikatoren zu erstellen, das stimmt. Die Schweizer Kollegen von der Uni Sankt Gallen und Experten des Bundesinstituts für Berufsbildung (Bibb) aus Deutschland helfen deshalb beim Erstellen der Stundenpläne und der Programme. Ein Problem ist sicher, dass unsere Lehrer gewöhnt sind, in Fächern zu denken. Da fällt die Umstellung nicht leicht. Aber wenn wir erst einmal die neuen Programme erstellt haben, werden wir sehen, wie wir mit den Indikatoren liegen.

Indikatoren und Lehrpläne zu erstellen, ist das eine. Eine andere Herausforderung wird sein, die neuen Inhalte und Methoden den Lehrern nahe zu bringen.

Um die neuen Inhalte und Methoden an die Lehrer zu bringen, bieten wir Weiterbildungen an. Letztes Schuljahr haben wir mit diesen Schulungen begonnen, bis Ende Oktober sind weitere geplant. Zudem wollen wir kurzfristig auf weitere Anfragen reagieren.

Sie hatten bereits Weiterbildungen im Frühjahr organisiert. Wie war die Resonanz?

Sie war korrekt.

Das klingt nicht so toll.

Wir haben jetzt rund 350 Lehrer ausgebildet. Es könnten mehr sein, aber wir rechnen damit, dass sobald die Stundenpläne bekannt sind, sich weitere Lehrer in die Weiterbildungen einschreiben werden. Wir möchten zudem Multiplikatoren aus den Équipes curriculaires rekrutieren, die dann ihr Wissen an ihre Kollegen weitergeben können.

Wie realistisch ist das? Viele haben sich doch selbst erst gerade mit der Theorie vertraut gemacht, praktische Erfahrungen fehlen noch.

Man darf nicht vergessen, dass die Mitarbeiter der Équipes curriculaires schon seit zwei Jahren an der Reform arbeiten, sie haben bereits eine gewisse Expertise. Jeder Multiplikator wird auf seine Aufgabe vorbereitet werden. Auch sollte man nicht vergessen, dass wir imso genannten Projet Prof schon vor Jahren gute Erfahrungen gesammelt haben.

Betriebe klagen seit Jahren über sinkende Motivation und fehlende Disziplin bei den jungen Berufsanwärtern. So richtig scheint niemand eine Antwort auf das Problem zu haben. Es gibt kein Allheilmittel gegen mangelnde Motivation. Sie ist vor allem ein gesellschaftliches Problem. Die Schule kann vieles auffangen, aber nicht alles. Sie soll versuchen, durch interessante Kurse das Interesse des Schülers zu steigern. Ich hoffe, dadurch dass wir die Berufsausbildung praxisnahe gestalten, der Schüler also näher an den Arbeitsabläufen ausgebildet wird, Interesse und Motivation steigen. Die Tatsache, dass ein Schüler nun Module nachholen kann, ohne deshalb ein ganzes Jahr zu verlieren, wird ihn hoffentlich zusätzlich anspornen.

Eine andere Sorge, die in den Betrieben vielfach geäußert wird, ist die sprachliche Kompetenz. Viele Auszubildende könnten nicht richtig Französisch schreiben.

Ein Verkäufer benötigt andere Sprachkenntnisse als ein Techniker, der komplizierte Bedienungsanleitungen lesen und verstehen muss. Diese Überlegungen fließen in unsere Stundenpläne mit ein. Beim Techniker ist Englisch obligatorisch. Durch die Équipes curriculaires, in denen Vertreter des Patronats, des Salariats und der Schule sitzen, sind wir näher dran an den Bedürfnissen der Arbeitswelt. Es gibt jedoch einen kleine Wermutstropfen: In einigen Arbeitsgruppen sitzen mehr Funktionäre aus den Berufskammern. Das ist legitim, darf aber nicht überhand nehmen, denn sie sind auch nicht unbedingt nahe an der Betriebswirklichkeit. Im Großen und Ganzen aber funktioniert die Plattform als Schnittstelle zwischen Schule und Berufswelt gut. Im Januar wollen wir ein erstes Feedback über die neuen Berufsausbildungen ziehen.

Der Anteil frankophoner Schüler steigt ständig. Trotzdem werden von insgesamt rund 110 Berufausbildungen lediglich knapp 20 auf Französisch angeboten. Warum wird nicht das gesamte Angebot bilingual aufgezogen?

Alle Berufsausbildungen, die wir neu überarbeiten, sollen bilinguale Programme bekommen. Außerdem versuchen wir da, wo es möglich ist und die Schülerzahl es erlaubt, französischsprachige Klassen anzubieten.

Wäre es nicht höchste Zeit, das systematisch für sämtliche Berufsausbildungen vorzusehen?

Wir tun, was wir können. Jedem muss bewusst sein, dass wir es uns nicht leisten können, zwei Systeme nebeneinander laufen lassen. Wir haben jetzt schon Probleme mit den Infrastrukturen und den Personalressourcen. Wir versuchen, so gut wir können, auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes zu reagieren. Wenn sich genügend Schüler für eine Ausbildung anmelden, versuchen wir, sie zu auf die Beine zu stellen. Wir haben übrigens auch zweisprachige Klassen, in denen deutsch- und französischsprachige Schüler zusammen lernen.

Man wird den Eindruck dennoch nicht los, dass die Schule den Entwicklungen hinterherläuft.

Die Schule hinkt immer einen Schritt hinterher. Wir müssen es fertig bringen, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Zum Beispiel nicht zu früh zu spezialisieren. Das ist auch eine Gefahr bei der Reform.

Inwiefern?

Lehrer wollen ihre Schüler so gut wie möglich auf die Berufswelt vorbereiten. Es ist aber falsch, zu früh zu spezialisieren, denn damit verbauen wir jungen Leuten spätere Berufswege. Die Spezialisierung soll, wenn überhaupt, so spät wie möglich erfolgen. So wird zum Beispiel der Elektroniker, der heute schon ab der 11e in den Kommunikations- und den Energieelektroniker aufgeteilt wird, mit der Reform erst ab der 12e getrennt werden. Die Spezialisierung erfolgt dann ab der 12e. So kann der Energieelektroniker auch in den Kommunikationstechnologien eingesetzt werden und umgekehrt. Dadurch werden die Ausbildungsgänge durchlässiger.

Betriebe wünschen in der Regel eine Arbeitskraft, die sie möglichst wenig zusätzlich ausbilden müssen.

Das ist ihr gutes Recht. Aber wir müssen auch eine Schule organisieren. Es bringt nichts, Ausbildungsgänge anzubieten, die dann nur von zwei oder drei Betrieben im Land gewünscht werden. Was sich machen lässt, ist am Ende der Ausbildung vertiefende Optionen anzubieten. Im Bereich Handel wird darüber nachgedacht.

Im Prinzip bildet also der DAP-Abschluss den Kernpunkt der Berufsausbildung, so wie es die Berufskammern fordern?

Eine dreijährige Berufsausbildung mit Lehrvertrag ist für uns der Idealzustand. Das hat den Vorteil, dass die Zusammenarbeit mit den Betrieben von Anfang an gepflegt wird, und die Schüler nicht nach zwei Jahren Schule auf die Suche nach einer Lehrstelle gehen müssen. Beim Schreiner war das zum Beispiel bisher so, nun beginnen wir direkt mit einem Lehrvertrag in einem dualen System, das es uns erlaubt, näher an der Betriebsrealität auszubilden.

Wie steht es mit den Praktika? Gewerkschaften und Lehrer fürchten, die Betriebe könnten nicht genügend Prakitkumsplätze anbieten.

Ich habe die Sorge eigentlich nie geteilt. Im alten System, als ein Praktikum noch zwei Wochen dauerte, haben die Betriebe geklagt, das sei zu kurz – und die Schüler sind dennoch meistens untergekommen. Ich gehe davon aus, dass die Verlängerung im Interesse der Unternehmen ist. So können Kontakte zwischen Betrieben und Schulen entstehen, vielleicht nicht sofort, aber über die Jahre. Und für den jungen Menschen ist es eine gute Gelegenheit, sein Können zu beweisen.

Was ist dran an der Kritik, das modulare System könnte Schüler und Schulen gleichermaßen überfordern?

Es gibt auch Leute, die werfen uns das Gegenteil vor, die Module seien nicht flexibel genug. In der Berufsausbildung wird es auch weiterhin einen geregelten Tagesablauf geben. Von 30 Stunden, die ein Schüler durchschnittlich wöchentlich hat, sind 28 fest verplant. Zwei bis maximal sechs Stunden stehen den Schulen zur Verfügung für fakultative Kurse wie beispielsweise Englisch, oder um ein verpatztes Modul nachzuholen. Das ist ein zusätzliches Angebot, um einerseits starke Schüler zu fördern und andererseits schwachen Schülern die Möglichkeit zu geben, das eine oder andere Modul nachzuholen.

Dafür braucht es eine kritische Masse.

Mit der Reform sind Schulen gesetzlich dazu verpflichtet, die Sperrmodule (Modules fondamentaux) innerhalb des nächsten Jahres anzubieten. Das kann in Form eines regulären Kurses sein, durch einen Intensivkurs oder ähnliches. Das entscheidet jede Schule frei. Sollten nur ein paar Schüler in einem Jahrgang solch ein Modul wiederholen müssen, was hoffentlich die Ausnahme ist, wäre das vielleicht ein teurer Kurs, aber immer noch billiger als die vielen Sitzenbleiber, die unser System heute produziert.

Im Gesetz ist die Möglichkeit für Schulen vorgesehen, sich regional zu vernetzen. Warum nicht mehr Synergien in der Großregion suchen? Auch andere Länder gehen in Richtung kompetenzorientierten Unterricht.

Die Berufsausbildung durchgängig modular zu organisieren, da ist Luxemburg Vorreiter in der Großregion. Das gibt es bei unseren Nachbarn so nicht. Eine Zusammenarbeit im Bereich Berufsausbildung in der Großregion existiert seit einigen Jahren. Wir bilden zum Beispiel Buchbinder aus dem Saarland und Rheinland-Pfalz hier in Luxemburg aus. Dafür haben wir einen Kooperationsvertrag mit den Bundesländern unterschrieben. Wir bilden sie nach unseren Standards aus, die in Deutschland anerkannt werden. Zudem arbeiten wir an einer Rahmenkonvention, die eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der beruflichen Erstaus­bildung regeln soll. Mit ihr können wir schneller Bedarfe diagnostizieren und entsprechend reagieren. Dafür braucht es Vertrauen in die Qualität der Ausbildung des Partnerlandes.

Sie wollen sämtliche Ausbildungen bis 2011/2012 umgestellt haben. Ist das nicht zu ehrgeizig? Immerhin müssen nicht nur Lehrpläne ausgearbeitet werden, auch die Weiterbildung der Lehrer steht noch an.

Gemeinsam mit unseren ausländischen Experten haben wir einen Zeitplan erstellt. Der hängt an meiner Wand und erinnert mich jeden Tag daran, was noch gemacht werden muss. Das Pensum ist hart, aber es ist machbar.

Weitere Infos zur Reform: www.men.public.lu/priorites/formation_professionnelle/index.html
Ines Kurschat
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