Um die Innovation hierzulande muss man sich derzeit vielleicht weniger Sorgen machen als noch vor acht Jahren. Dennoch soll sie im großen Stil angekurbelt werden

Wer ist ein „Top performer“?

d'Lëtzebuerger Land du 08.11.2013

Es sah gar nicht schlecht aus, was die EU-Kommis-sion Mitte September veröffentlicht hatte. Luxemburg liege, nach Schweden, Deutschland und Irland, an vierter Stelle in Sachen Innovation. Damit sei das Großherzogtum ein „Top performer“, hielt die Kommission fest, und ähnlich gut wie die Schweiz, wenn man den Vergleich noch über die EU hinaus anstelle.

Luxemburg, ein Inkubator für tolle Ideen, raffinierte Produkte und Technologien, neue Dienstleistungen und überhaupt auf einem guten Weg in Richtung „Wissensgesellschaft“? Die Nachricht hätte all die beruhigen können, die bisher meinten, so innovativ gehe es hierzulande nun auch wieder nicht zu. Und jene, die sagen, würde in den Betrieben nur richtig innoviert, sei auch der Hochlohnstandort nicht in Gefahr. Denn die Brüsseler Kommission hatte die Innovationsleistung pro Land mit einem ganz neuen Indikator gemessen, der ausschließlich den „Output“ von Innovationen in der Wirtschaft erfasst. In anderen Vergleichen zur Innovation schneidet Luxemburg nicht so gut ab. In den Luxemburger Betrieben sei in den Jahren 2008 bis 2012 weniger in Innovation investiert worden, hält ein anderes EU-Ranking, das Innovation Union Scoreboard, fest.

Wie das zu dem schönen Etikett Top performer passt, ist leider schwer zu sagen. Ganz ähnlich, wie das Aufstellen von Innovations-Rankings keine exakte Wissenschaft ist (siehe „Innovation messen“), weiß man nicht genau, wie innovativ es hierzulande tatsächlich zugeht. „Unter den Betrieben gibt es nach wie vor ein paar ganz große Player“, stellt Jean-Paul Schuler, der Direktor der Innovationsagentur Luxinnovation, fest. Goodyear ist so ein Schwergewicht mit dem 900 Mitarbeiter und davon 450 Forscher umfassenden Research Center in Colmar-Berg, aber auch das Delphi-Autoforschungszentrum in Käerjeng oder die Betzdorfer SES. „Insgesamt aber nimmt der Anteil privater Forschung ab“, so Schuler. Zum Teil sei das krisenbedingt, zum Teil eine Folge der schleichenden Desindustrialisierung Luxemburgs.

So sehen auch die Zahlen aus dem vergangene Woche erschienenen Bilan compétitivité 2013 aus dem Observatoire de la compétitivité und dem Statistikinstitut Statec aus: Im Privatsektor wurde 2012 mit 442 Millionen Euro zwar wieder deutlich mehr in Forschung und Entwicklung investiert als die 400 Millionen im Jahre 2010. Vom Vorkrisenstand von 2007 mit 495 Millionen und 2008 mit 482 Millionen ist das aber noch ein gutes Stück entfernt. Derweil nahmen die Ausgaben für die öffentliche Forschung kontinuierlich zu und stiegen zwischen 2006 und 2012 um rund das Dreifache auf zuletzt 235 Millionen Euro. Sie kamen der Universität und den öffentlichen Forschungszentren zugute, und weil Uni und CRPs immer mehr Wissen produzierten, wuchsen in den letzten Jahren die Wissenschaftspublikationen aus dem Großherzogtum auf einen solchen Umfang, dass Luxemburg im Union Innovation Scoreboard 2013 der EU Platz sechs unter den „Open, excellent and attractive research systems“ zuerkannt wurde – nach den Niederlanden, Dänemark, Großbritannien, Schweden und Belgien.

Es gilt aber auch, was Luxinnovation-Verwaltungsratspräsident Raymond Schadeck unterstreicht: „Man darf Innovation nicht mit Forschung und Entwicklung verwechseln.“ Verbessere ein Handwerksbetrieb seinen Dienst am Kunden, sei das ebenfalls eine Innovation, aber nicht unbedingt wissenschaftlicher Beistand dafür nötig. Glaubt man den Daten der EU-Kommission, sind beim Top performer Luxemburg aber auch die Investitionen in diese Art von Innovationen rückläufig. Die Kommission verzeichnete zwischen 2008 und 2012 sogar einen „strong decline“ um fast ein Drittel bei der „non-R&D innovation expenditure“ hierzulande.

Dagegen kommt man bei der Direktion für Forschung und Innovation im Wirtschaftsministerium zu einem anderen Befund. „Die Zahl der von uns für eine staatliche Förderung genehmigten Innovations-Projekte hat sich zwischen 2008 und 2012 verdreifacht, der Umfang der Unterstützung hat sich verdoppelt“, sagt Direktor Marco Walentiny. Mit dieser Bilanz ist er umso zufriedener, als 2009 ein neues Rahmengesetz über die Wirtschaftsförderung verabschiedet wurde, mit dem die Zahl der Innovationsförderinstrumente angehoben wurde. Das neue Regelwerk war den Betrieben als ausgesprochenes Après-crise-Werkzeug vorgestellt worden: Staatshilfe stünde bereit, damit in den Krisenjahren bloß nicht an der Innovation gespart werde. Aus der Sicht des Ministeriums ist die Botschaft verstanden worden: „In den Neunzigerjahren sank mit jedem Konjunktureinbruch auch die Zahl der bei uns eingereichten Dossiers. Diesmal war das sogar angesichts einer handfesten Krise nicht der Fall.“ Um die Innovation im Lande müsse man sich derzeit weniger Sorgen machen als 2005, als in der EU eine Midterm-Review der damaligen Lissabon-Agenda angestellt wurde und der damalige Wirtschaftsminister Jeannot Krecké (LSAP) die Betriebe aufforderte, mehr an Innovation zu denken und die Forschungszentren warnte, nicht „l’art pour l’art“ zu betreiben.

Dass zwischen Statec und Ministerium Unklarheit zu herrschen scheint, was als Innovation zu betrachten ist, sieht zwar nicht sehr schön aus, ist aber wahrscheinlich symptomatisch für die Wirtschaftsstruktur im Lande. Nicht alles, was die Betriebe in Befragungen durch den Statec als Innovation deklarieren, ist auch staatlich förderfähig. Beilhilfen unterliegen der Aufsicht der EU-Kommission auf Wettbewerbsverzerrung, und dazu müssen Innovationsleistungen nachweisbar und am besten in Form neuer Produkte und Technologien erfolgt sein. Wenn etwa Paul Schockmel, der Präsident des Automobilzuliefererverbands Ilea, die Innovationsbeihilfen sogar für einen Standortvorteil hält und meint, „wer ein plausibles Dossier einreicht, kann mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass es akzeptiert wird“, zeigt das vielleicht, dass dies Industriebetrieben besser gelingt als der hierzulande dominierenden Dienstleistungsbranche. Vor zwei Jahren hatte das Wirtschaftsministerium ein ganzes Seminar über die Frage abgehalten, was Innovation im Dienstleistungsbereich eigentlich sei, wie man sie messen könne und wie man sie am besten fördere. Tenor der Veranstaltung: Eigentlich wissen wir noch nicht, was wir messen, deshalb fällt es auch schwer, gezielt zu fördern.

Luxinnovation mit seinem 48 Personen starken Mitarbeiterstab, seiner riesigen Kundendatenbank, seinem Technologie-Portfolio und seiner drei Jahrzehnte langen Erfahrung in der Begleitung von Innovationsprojekten will sich dennoch besonders den Dienstleistungsbetrieben zuwenden. Die Aktivitätsbilanz der Agentur ist schon jetzt ziemlich beeindruckend. 2012 begleitete sie 367 Betriebe mit ihren Projekten, organisierte mehr als 100 Veranstaltungen mit insgesamt über 4 500 Teilnehmern aus Wirtschaft und Forschung, half 200 Beteiligungen Luxemburger Firmen an EU-Forschungsprogrammen anzuschieben und beriet 34 neue Start-up-Unternehmen.

Doch wenn man sich um die Innovation im Lande vielleicht doch nicht so viele Sorgen machen muss, wie manche Statistiken suggerieren, ist die nun geplante stärkere Hinwendung auf die Dienstleister eine sicherlich sinnvolle Maßnahme. Luxemburg verfügt im EU-Vergleich über besonders viele Klein- und Mittelbetriebe, die 2010 fast drei Viertel der nationalen Wirtschaftsleistung besorgten. Mit einem Anteil von fast 60 Prozent sind Dienstleistungsfirmen darunter ebenfalls deutlich stärker vertreten als im EU-Durchschnitt mit 45 Prozent. Vom Gesamtbild in Europa unterscheidet die Luxemburger KMU zudem, dass sie die Krise bislang offenbar besser überstanden haben als Firmen im EU-Ausland. EU-Statistiken zufolge war die Wertschöpfung in den Luxemburger KMU nach einem Einbruch 2008 und 2009 im vergangenen Jahr wahrscheinlich wieder über den Vorkrisenstand von 2007 gestiegen. Auch die Beschäftigung hat sich voraussichtlich wieder auf das Niveau von vor der Krise erholt. Da erhält Sensibilisierung für und Begleitung von Innovationen strategischen Belang. „Wir wollen für die KMU noch aktiver werden“, kündigt der Luxinnovation-Präsident an. Bislang habe man vor allem die betreut, „die bei uns anklopften“, sagt Schadeck. Künftig werde man noch mehr in die Betriebe gehen und einen „Bedarf“ nach Innovationen stimulieren. „Dass die Öffentlichkeit uns kennt, ist nicht so wichtig. Die Betriebe sollten uns kennen“, meint Schadeck. Noch wichtiger sei, „dass vermutlich nicht alle, die uns kennen, auch meinen, wir könnten für sie nützlich sein“. Das müsse sich ändern.

Das ist ein ziemlich anspruchsvolles Vorhaben. Wer bei den Dienstleistern Innovationen stimulieren will, kann nicht nur branchenweise vorgehen, sondern muss das häufig betriebsspezifisch tun. Das macht Arbeit, weil es dabei „bei Weitem nicht nur um Technik-Innovation und neue Produkte geht, sondern ganz allgemein um die Frage, was man besser machen kann“, sagt Agenturdirektor Schuler. Wie das gehen kann, zeigen von Luxinnovation betreute Projekte wie ein Web-Portal, über das Patienten und Ärzte Termine für Konsultationen vereinbaren können. Oder das derzeit in der Realisierung befindliche Vorhaben einer Holz- und Passivhausbaufirma aus dem Ösling, deren Kunden sich via Internet ihr Haus selber konfigurieren sollen. Auch mit der Handelsbranche will Luxinnovation verstärkt zusammenarbeiten. Oder beispielsweise auch mit dem Sektor, den man die „Kreativbranche“ nennen könnte: Ein sichtbarer Ausdruck davon soll sein, dass unter Vermittlung von Luxinnovation Designer sich in zwei Wochen am Weltcup der Kreativindustrie beteiligen, der in Kopenhagen stattfindet.

Der Blick auf die bisherigen Innovationsaktivitäten hierzulande zeigt aber auch: Es ist noch nicht gelungen, ein „Ökosystem“ für Innovationen zu schaffen – eines, in dem sich Betriebe verschiedener Größe und Ausrichtung gemeinsam mit Forschern um bestimmte, besonders vielversprechende Themen kümmern. Zwar gibt es schon seit 2002 von Luxinnovation moderierte „Innovations-Cluster“ für Schwerpunktbranchen, die besonders forschungsträchtig sind. Derzeit sind es fünf: in der Materialbranche, der Biotech und den Ökotechnologien, sowie eines im IT-Bereich und ein Cluster in der „Weltraumindustrie“. Die Aktivitäten innerhalb der Cluster aber unterscheiden sich. Im Materialbereich und in der Space-Branche findet man, gemeinsam mit Forschungseinrichtungen, eher zu gemeinsamen Vorhaben als in der noch sehr jungen Biotch, aber auch eher als im IT-Cluster, in dem besonders häufig Konkurrenten miteinander am Tisch sitzen. Ein solches Cluster organisiert dann für alle interessante Workshops, definiert aber keine Vorzeigeprojekte, mit denen sich vielleicht sogar nach außen werben ließe für den Wirtschaftsstandort Luxemburg und für jene Branche, die der Cluster repräsentiert. Das aber soll künftig möglich sein: „Wir wollen mit den Clustern auch auf internationalen Messen auftreten und an Wirtschaftsmissionen im Ausland teilnehmen“, erklärt der Luxinnovation-Direktor. Was voraussetzt, dass man sich wenigstens auf ein Projet phare pro Cluster verständigt.

Ob das klappt, wird sich auch an dem Anfang Oktober vom Wirtschaftsminister und von Luxinnovation vorgestellten nunmehr sechsten Cluster zeigen, in dem die Autozulieferer vertreten sein sollen. „Wir bringen es ja immerhin auf 10 000 Arbeitsplätze im Lande“, sagt Paul Schockmel vom Zuliefererverband Ilea, „und indirekt sind von den Zulieferern vielleicht weitere 10 000 Jobs abhängig“. Allerdings sind die Ilea-Mitglieder nicht nur keine Konkurrenten, sondern ihre Aktivitäten sind – vom Akkumulatorenhersteller Accumalux über den Ventilproduzenten Rotarex bis hin zum Sensorhersteller IEE – außerordentlich verschieden. So verschieden, dass das ab 2006 am Forschungszentrum Gabriel Lippmann in Beles für die Zulieferbranche in Bereitschaft gehaltene Labor nach fünf Jahren wieder schloss, weil die rund 20 Firmen kein einziges gemeinsames Forschungsvorhaben fanden. Im Cluster soll das anders werden. Das EU-Programm Cars 2020 könnte Themen liefern, denen man sich gemeinsam zuwendet, meint der Ilea-Präsident. Welche das sein könnten, muss sich jedoch noch zeigen.

Auch eine organisiertere Innovationstätigkeit in der Finanzbranche ist angedacht, Luxinnovation hat dazu Gespräche mit dem Bankenverband ABBL begonnen. Vorbild könne ein Cluster sein, das in Dänemark besteht, berichtet ABBL-Direktoriumsmitglied Marc Hemmerling: „Dort arbeiten Banken mit IT-Firmen zusammen und entwickeln neue computer- und internetbasierte Dienstleistungen, der dänische Staat unterstützt das.“ Die ABBL sei bereits Mitglied im Verband ICT Lëtzebuerg, und Themen wie etwa neue und sichere Bezahlsysteme würden im Grunde alle Banken interessieren. Noch kümmere sich darum jede für sich. Das, meint Hemmerling, sollte aufhören.

Solche Kooperationen sind keineswegs ein Luxus. Die ABBL nehme mit dem Engagement für gemeinsame Innovationen auch das Ende des Bankgeheimnisses vorweg, betont Hemmerling. Und der Ilea-Präsident sagt, falls die Autozulieferer sich auf eine Innovationsagenda einigen, werde man das auch als ein Bekenntnis zum Standort Luxemburg verstehen können: „In ganz Europa liegt der Automarkt am Boden, andernorts ist das gar nicht so.“ Der kleinste gemeinsame Nenner der Zulieferer aber laute derzeit, hier zu bleiben, im Herzen Europas, im vielsprachigen Luxemburg, Lohnkosten hin oder her. Was eigentlich keine schlechten Voraussetzungen sind, zum Top performer in Sachen Innova-tion zu werden, falls man es nicht schon ist.

Peter Feist
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