Leitartikel

Fintech statt Bargeld

d'Lëtzebuerger Land du 23.08.2019

Der Verbraucherschutzverein ULC warnte diese Woche in einer Presseerklärung vor der Abschaffung des Bargelds, wie sie seit 2017 von der Europäischen Kommission in einer Roadmap geplant sei. Damals wurde viel über die weitere Entwicklung der Negativzinsen gerätselt, und die Abschaffung des Bargelds könnte verhindern, dass sich Leute daran vorbeidrückten, ihrer Bank Negativzinsen zu zahlen, indem sie ihr Erspartes abhoben und als Bargeld zinsfrei unter der Matratze horten.

Der möglichen Abschaffung des Bargelds kommt hierzulande eine besondere Bedeutung zu, da die Finanzbranche sich nach dem Ende des Bankgeheimnisses und der Krise der Ruling-Industrie in alle Richtungen zu diversifizieren versucht. Nach einigen Misserfolgen, wie den Şukūk, setzt sie derzeit neben angeblich klimafreundlichen Investitionsangeboten vor allem auf die Finanztechnologie. Und der Ersatz für Bargeld heißt Fintech, der Zahlungsverkehr mittels elektronischer Überweisungen, Kreditkarten, Debitkarten, Handys, Paypal, Bitcoin... Deshalb fördert der Staat direkt oder über den Umweg der Universität die Entwicklung von Fintech-Angeboten, manchmal sogar verfrüht und übereifrig, wie die 1999 eingeführte und 2011 abgeschaffte „elektronische Geldbörse“ Minicash zeigte.

Viele dieser elektronischen Zahlungsmöglichkeiten sind nützlich und bequem. Der entscheidende Unterschied ist jedoch, ob jedermann und jedefrau bei Bedarf darauf zurückgreifen können oder sie alternativlos zu ihrem Gebrauch gezwungen werden. Will man seinen Hund loswerden, nennt man ihn krank. Also wird der Kampf für die Abschaffung des Bargelds nun als Kampf gegen die Geldwäsche geführt, zieht die Europäische Zentralbank erst einmal große Scheine aus dem Verkehr und verbieten verschiedene Länder Bargeldzahlungen ab einer gewissen Höhe.

Für die Union luxembourgeoise des consommateurs laufen die Verbraucher mit der Abschaffung des Bargelds Gefahr, „in ein System gezwungen und zum gläsernen Menschen degradiert [zu] werden, wo sie permanent unter Kontrolle stehen und Spuren hinterlassen“. Bargeld gewährleiste dagegen „den Erhalt von Persönlichkeitsrechten“. Außerdem wäre „für die ältere Generation und für sozial Schwache“ das Verschwinden von Scheinen und Münzen „fatal und nicht vorstellbar“.

Die Abschaffung des Bargelds läuft jedoch vor allem auf die restlose Privatisierung und Kommerzialisierung des Zahlungsverkehrs hinaus: Der bisher gebührenfreie Tausch einer Münze gegen ein Brötchen in der Bäckerei soll durch eine elek­tronischse Transaktion ersetzt werden, deren Gebühren für den Kunden und die Bäckerin am Monatsende anfallen und auf den Brötchenpreis geschlagen werden. Was selbstverständlich auch die bis vor kurzem als schrecklichstes aller wirtschaftlichen Übel dargestellte Inflation antreibt.

Gebühren fallen heute schon bei Überweisungen, Kredit- und Debitkarten und sogar beim Bargeldverkehr an, wenn man Scheine aus dem nächsten Automaten einer Bank zieht, wo man nicht Kunde ist. Doch durch die Abschaffung des Bargelds soll jede Geste des Bezahlens zu einem zweiten Geschäft auf dem Geschäft geoutsourct werden. Ein großer Teil der Bezahlvorgänge ist heute bereits privatisiert, er heißt Visa, American Express, Six und Paypal. Doch erst die Ankündigung des Facebook-Konzerns, den Markennamen seines geplanten Zahlungsdientes Libra werbewirksam eine Währung zu nennen, sorgte für Warnungen vor einem Angriff auf die Souveränität der Zentralbanken und ihrer Nationalstaaten. In einem Land, das bis zur Einführung des Euro einen Teil seiner Münzhoheit einer Privatbank, der Bil, überlassen hatte, dürfte das aber den Spaß an der Fintech nicht schmälern.

Romain Hilgert
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