Die kleine Zeitzeugin

Etwas liegt in der Luft

d'Lëtzebuerger Land vom 26.01.2018

Etwas kiegt in der Luft – nur was? Die Krähe, die herum scharrt auf meinem Balkon, hebt den Kopf, den Schnabel, sie wittert. Ich weiß nicht, ob Krähen offiziell wittern, aber sie tut es, etwas liegt in der Luft. Nur was? Der Frühling, ja, Sommerblumen wachen plötzlich auf, haben die Herbstblumen überhaupt geschlafen? Oder haben sie sich nur so gestellt, weil man es von ihnen erwartet, man das so tut als Blume? Es ist eben Winter, offiziell. Und alle Kinder ins Bett. Die Krähe scharrt, überdreht wie ein Hund in einer Vorfrühlingswiese, Frühling in der Luft. Die Voyeurin, alte Profi, ist misstrauisch, sie hat schon zu viele Frühlinge gesehen, sie zählt schon zu viele Lenze, der Winter, der alte Patriarch, schlägt zurück. Oder? Oder?

Oder ist das Old school-Denken, alles ist anders, alles wird anders, nur wie, wer kapiert die neuen Kommunikationsforme(l)n, enchantée, Frau Roboter? Wer versteht die jungen Teflon-Männer mit ihrer Teflon-Zaubersprache, an der alles abprallt, was nicht ins betörende Zukunftskonzept passt?

Model Trudeau tritt in Davos auf, er ist für die Ureinwohnerinnen und für die Freiheit, auch die Wirtschaft soll frei sein, nicht geknebelt oder gefesselt. Für die Freiheit der Wirtschaft sind alle im schönen Davos, auf dessen Himmel meine ausgehungerten Augen weiden. So blau! Und der Schnee, so weiß! Ein Gipfeltreffen über den Gipfeln, es ist so Schweiz, so stark und gesund, das Müesli kracht zwischen den starken Kiefern, die Luft so energetisch geladen, aber mit Frieden, immer mit Frieden! Und alles, was ich höre, ist schön, ich kann dem nur beipflichten, sie verstehen sich auch alle gut miteinander, erst morgen kommt der böse Bub, der Beelzebub aus Amerika. Der alte Protektionist, der alte, weiße Männer aus dem Schrottgürtel beschützt, jedenfalls erzählt er das den alten, weißen Männern, auch junge sind darunter, auch Frauen.

Magic Macron betritt die Bühne, ach! Energie. Tempo. France, Europa, die Welt. Der Kapitalismus entdeckt die Welt des Teilens, solche fantastischen Sachen sagt er. Aber dann kommt die deutsche Hausfrau, ein bisschen resignierte Pfarrhaus-Säuerlichkeit, bitte auf dem Teppich bleiben, mit Emmanuel könnt ihr dann wieder fliegen! Wie mühsam ist es, jeden Menschen einzeln zu sehen! Oder ihnen, also den Menschen, immer diese Menschen, Gott sei Dank übernehmen bald die Roboter_innen, also den Menschen beizubringen, wie sie sein sollen. Aber, das lässt sie sich nicht nehmen, sie will alle mitnehmen. Obschon ihre Menschen sowieso schon so mitgenommen sind. Dann verdonnert sie sie auch noch zum lebenslänglichen Lernen. Vielleicht gibt sie aber auch nur an bei diesem Heimleitertreffen, glaubt sowieso keiner.

Die Hausfrau und der Visionär mit der Frankreich-Werbung, das Dreamteam Europas. Aber dann kommt Oxfam wieder mit so blöden, altmodischen Fakten, die bremsen den Elan, und irgendwo, wo sie nicht stören, stehen die Altmodischen und schreien ein bisschen. Demokratie eben, für viele nichts.

Und ein paar Sender weiter, inmitten von ü und ö und y, Grau- und Kahlköpfe um einen langen Tisch mit langen, entschlossenen Gesichtern, eine Botox-Maske kommentiert. Schmächtige Buben gleiten aus Panzern, einer gleitet hinter dem andern durch einen Schützengraben, schon sitzen sie in einem gebuddelten Bunker und ein euphorischer Presse-Graukopf hält ihnen ein Mikro unter die Nase. Und Erdogan steht neben einem rot bedeckten Sarg, ab ins Heldentum!

Ein paar Sender weiter geht es um Me Too, es wird immer subtiler und allmählich wieder spannend, immer fallen den Frauen neue Schwächen und Stärken ein, und darüber streiten sie sich so stark, dass sie immer stärker werden und keine feministische Bewegung mehr Argumentationshilfen schicken muss. Während das Panzerpatriarchat in großen starken Panzern in einem satten Gelb das Friedenspflänzchen zermalmt. Operation Olive.

Backlash? Oder eben unterschiedliche tektonische Bewegungen, die uns bewegen, und es wird mild, oder Eiszeit, die Prophezeiungen sind so schwer zu interpretieren. Die Krähe schaut um sich, die Euphorie ist verflogen, sie fliegt, etwas schwerfällig.

Michèle Thoma
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