Altersverstocktheit

Wer braucht einen Bischof?

d'Lëtzebuerger Land du 30.09.2011

Heute loben wir die heilsame Altersverstocktheit. Manchmal mögen wir sogar den Papst. Auf seine alten Tage treibt es der stockkonservative Haudegen Benedikt ganz schön bunt, um nicht zu sagen tolldreist. In der letzten Rede am Ende seiner Deutschlandreise hat er doch tatsächlich verkündet: „Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.“ Aha! Nichts anderes fordern wir Pfaffenfresser und Kirchensaboteure seit Jahrzehnten. Da ist uns urplötzlich ein fideler Verbündeter zugeflogen. Herr Ratzinger will seiner eigenen Firma wohl von innen heraus den finalen Schlag versetzen. Das wollen wir von Herzen unterstützen.

Jetzt geht uns auch ein Licht auf, wieso der Papst ausgerechnet einen Jesuiten auf den luxemburgischen Bischofsstuhl manövrierte. Im vatikanischen Waffenarsenal gelten die Jesuiten als Torpedos. Wo sie einschlagen, wächst bald kein ungläubiges Pflänzlein mehr. Vor einer Woche noch hätten wir gesagt: Niemand braucht einen solchen Bischof. Den können wir Steuerzahler uns gleich mal einsparen und das Geld in soziale Projekte investieren. Aber halt! Herr Hollerich, der dem Papst bis zur Selbstverleugnung ergeben ist, tritt ja nur an, um das päpstliche Gedankengut mit letzter Energie und Konsequenz durchzusetzen. His master’s voice ist sein schärfstes Werkzeug. Aus Japan ließ der gerissene Benedikt also vermutlich eine Art geistlichen Terminator importieren. Das kann ja noch heiter werden. Wir freuen uns unglaublich auf den kommenden Heidenspaß.

Schon bei seiner Bischofsweihe in der Kathedrale wird Herr Hollerich ganz gewaltig über die katholischen Stränge schlagen. In einer knallharten Grundsatzpredigt will er die deutsche Vorgabe des Papstes aufgreifen und das faule Bündnis mit der Staatsmacht quasi unter Orgelgebraus aufkündigen. Schluss mit dem pompösen Kathedralzauber! Aus und vorbei die permanenten unsittlichen Berührungen mit CSV- und LSAP-Ministern! Über Bord mit dem ganzen zeremoniellen Klimbim, den grotesken Verkleidungen, der schamlosen Kungelei mit der Gilsdorfer Monarchie-Fraktion! Schluss mit der heimtückischen Einmischung in gesetzgeberische Prozesse!

Und nach der feierlichen Einführung ins Amt wird der Geweihte demonstrativ in eine bescheidene Dreizimmerwohnung einziehen, wie es sich für einen Junggesellen gehört. Aus dem Bischofspalast kann der Staat schon tags darauf ein gut geheiztes und perfekt isoliertes Heim für christlich betreute Asylbewerber machen. Auf sein Staatsgehalt wird Herr Hollerich selbstverständlich fristlos verzichten, die „Privilegien“ sollen ja laut päpstlichem Willen sofort und widerspruchslos abgeschafft werden. Wie wir hören, hat sich der Papst nach seiner Rückkehr aus Deutschland in einer kargen Bambushütte an der römischen Peripherie einquartiert. Der Mann ist sich wenigstens konsequent. Der Vatikan wird meistbietend versteigert, mit dem Erlös soll die absturzgefährdete italienische Wirtschaft gestützt werden. Als gehorsamster Exekutant seines Pontifex wird auch Herr Hollerich die unübersehbaren Kirchengüter in Luxemburg an den Staat abtreten. Die sogenannten Kirchenfabriken werden nicht nur entmachtet, sondern notfalls wegen obskurer Geschäfte vor den Kadi gestellt. Flectamus genua, lacht da unser zufriedener Atheistenverein.

Sein kabarettistisches Talent hat Herr Hollerich schon bei seiner staatlichen Vereidigung unter Beweis gestellt. Mit der Hand auf einer dicken Bibel schwor er bei Gott, die Verfassung unseres Staates zu respektieren. Ganz so, als gehöre das Märchenbuch namens Bibel zu den verfassungsrechtlichen Standardschriften und als sei Herr Gott ein anerkannter Garant demokratischer Strukturen. Zynischer hätte der Episcopus in spe die konstitutionellen Werte nicht parodieren können. Der Herr Kultusminister seinerseits stand mit überaus feierlicher Miene daneben und tat so, als seien der Despotismus und das demokratiefeindliche Selbstverständnis der Kirche geradezu das Ferment unserer freiheitlichen Grundordnung. Da hatten sich offenbar zwei standup comedians vorgenommen, die Gewissensfreiheit munter durch den Kakao zu ziehen. Dies ist vermutlich der Beginn der „Entweltlichung“, die der Papst von seiner Kirche fordert: „Um ihre Sendung zu verwirklichen, wird sie immer wieder auf Distanz zu ihrer Umgebung gehen, sie hat sich gewissermaßen zu entweltlichen.“ Herr Hollerich ist im Kultusministerium schon mal mit satirischer Brillanz vorgeprescht. Sollte er geübte Entweltlichungsgehilfen brauchen, können wir ihm gern unser Adressenbuch ausleihen.

Vielleicht ist der neue einheimische Kirchenchef ja nur ein fröhlicher Hedonist, dem es gelegen kommt, den ganzen Gotteskrempel endlich hinzuschmeißen. Seine Liebe zum guten Wein hat er ausgerechnet dem Bistumsblatt Luxemburger Wort schon herausfordernd bekundet. Das verspricht. Sein Vorgänger jedenfalls sah immer aus, als sei er mit Leib und Seele dem Essig zugetan.

Guy Rewenig
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