Popkultur

Die Kulturindustrie fickt alles

d'Lëtzebuerger Land vom 09.11.2018

Die popkulturelle Diskurshoheit liegt im Sterben. Das Magazin Spex wird laut Chefredakteur Daniel Gerhardt nach Erscheinen einer 384. Ausgabe im Anschluss an die weihnachtlichen Feiertage am 27. Dezember eingestellt. Diese Nachricht konnte man im Editorial des (nun also vor-)letzten Heftes lesen.

Die de:bug, Magazin für elektronische Lebensaspekte, hat es schon 2014 getroffen. Jedoch hat das so lang prophezeite Printsterben dieses Jahr verhältnismäßig wilder um sich geschlagen. Auf jeden Fall, wenn es um Instanzen in Sachen Aufarbeitung von popkulturellen Tendenzen ging. Intro, das „Magazin für Popkultur und Kontrollverlust“ verabschiedete sich schon im Sommer und die Groove, die elektronische Musik und Clubkultur zum Gegenstand hatte, erlosch vor zwei Wochen mit einer letzten Ausgabe und mit der Aufschrift „Until Then Good Bye“. Beide Zeitschriften sollten ihre Tweens nicht überleben. Nach 38 Jahren meldet sich jetzt noch die Spex ab. Spex – „Magazin für Popkultur“. Die Popkultur jedoch nicht mehr für die Spex.

Hat die Popkultur, der Pop jetzt wirklich den (Pop-)Journalismus an der Seite hinter sich und verrecken lassen? So einfach ist das nicht. Klar, so viel ist bekannt – und die Gründe zählt der Chefredakteur in seinem Leitartikel auf – das finanzielle Drumherum im Leben eines Magazins hat eine Spirale in eine alles andere als optimale Richtung genommen. Das Anzeigengeschäft löst sich für Printmedien in Luft auf und schwärmt in Richtung sozialer Netzwerke. Dieser Trend spiegelt wiederum das „neue“ Medienverhalten der Menschen wider.

Pop als kollektive Kultur, die sich vom staatlich Nationalen löst, um gesellschaftlich und individuell zu werden. Wenn diese Gleichung eine Berechtigung hat, so schreibt Georg Seeßlen, dann muss sich Pop der Ökonomie nähern. Seeßlen zeichnet hierfür ein Dreieck aus Staat, Ökonomie und Gesellschaft, in dem Pop nicht nur den Widerspruch zwischen diesen drei Akteuren ausdrückt, sondern in ihm auch entsteht. Entstehen muss. Nur, was am anderen Ende herauskommt, ist unklar. Diesem Angebot aus unter anderem auch Staat(s)-Markt-Pop oder reinem Markt-Pop stand zum Beispiel 38 Jahre lang die Spex gegenüber. Um zu benennen, anzuprangern, abzuwürgen und Gegenentwürfe im Pop anzubieten.

Wenn sich eine (journalistische) Instanz der Ökonomie gegenüberstellt, so ist es auf Dauer klar, wer dabei den Kürzeren zieht. Und dafür ruft sich die Ökonomie die düstere Schwester der Popkultur zu Hilfe: die Kulturindustrie. Die holt nämlich aus und fickt alles und jeden. Die einen härter, die anderen feinfühliger. Die einen müssen den Laden dicht machen, die anderen leben in der Annahme, dass diese (pop-)kulturellen Gatekeeper schon viel eher hätten abgeschafft werden müssen. Um dann eine persönlichere und individuellere Herangehensweise an Pop zu ermöglichen. Diese Sicht der Dinge ist eigentlich begrüßenswert. In der Regel waren es (leider immer) mehrheitlich weiße, heteronormative Männer, die von einem sehr hohen Huftier herab prophezeiten, was denn nun der neue heiß Scheiß war oder eben nicht. In Zeiten von 2.0 und Clouds kann auf diese (auf den ersten Blick erscheinende) Arroganz gemütlich verzichtet werden. Distinktion den Rücken kehren und auf eigene Faust eine Distinktion in der Distinktion aufbauen. Dafür bieten sich natürlich – ganz praktisch – allerlei Streaming-Angebote an, die ganz im Sinne des neuen illusorischen Distinktionsgefühles und mithilfe von Algorithmen arbeiten. Die Kulturindustrie hat auf dem Rücken aller – Künstler und Konsumenten – gewonnen.

Redaktionell zusammengepferchte Popjournalisten sind im besten Fall eine Ansammlung von am Rande der Selbstausbeutung arbeitende Chaoten – eine Redaktion aus IdealistInnen mit Haltung. Der Spex wurden über die letzten 25 Jahre immer wieder der Tod vorhergesagt. Scheinbar, weil sie die Haltung verloren hat oder ihre Seele verkauft hat. Umzug von Köln nach Berlin, Einkauf von Piranha Media, Abgang von Diederich Diederichsen, Dietmar Dath oder Max Dax – Gründe gab es immer. Natürlich gab es Höhen und Tiefen. Als The XX einmal die Titelseiten von Musikexpress, Intro und der Spex schmückten, war klar, dass ordentlich was schief ging und dass Medienhäuser an der Spree das Sagen hatten. Andererseits: die Einführung von Cultural- und Gender-Studies waren ein erfrischender Befreiungsschlag in der Berichterstattung. Die Spex hat in ihrer späten Phase noch immer Höhepunkte miterlebt. Unter Thorsten Groß kam die alte 80-er linke Popkritik Spex zum Vorschein. In etwa wenn 2013 das Scheitern von alles und jedem in Hinsicht auf die NSU-Morde und deren Gerichtsprozess in Worte gefasst wurden.

Das Problem ist leider eben nicht nur das Internet, wie es der ehemalige Spex-Chefredakteur Jan Kedves aus seiner gemütlichen SZ-Feuilleton Position aus formulierte. Popkritik als Differenzstrategie – Popdissidenz hat ganz einfach ihren Preis. Und falls etwa nicht genügend Menschen die paar Euro für die ausgeben wollen, dann bedeutet das auch was. Nur müssen wiederum andere Menschen darüber schreiben. Es war auf alle Fälle schön, jahrelang (für andere sogar jahrzehntelang) und zweimonatlich von einer von Ökonomie unterdrückten Spex-Redaktion mit zum Teil geistlich überfordernden Texten selbst unterdrückt zu werden.

Tom Dockal
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