Belval-Plaza

Bummeln auf dem Baugelände

d'Lëtzebuerger Land du 30.07.2009

Wer an einem Samstag in einem Luxemburger Einkaufszentrum shoppen will, muss wissen, dass man sich das Vergnügen normalerweise mit etlichen anderen Gästen teilen wird. Ganz anders ist dies allerdings im neu erbauten Plaza I in Esch Belval, wo oft auch an Wochenenden die Kundschaft größtenteils ausbleibt. Verzögerungen des Bauplans, schlechte Ausschilderung und eine desolate Umgebung: Ein Besuch im Plaza I zeigt schnell, wer an den diversen Pannen leidet.

Eine neue „Lebenswelt“, errichtet nach einem Urban Living-Konzept, das Menschen aus allen Nachbarländern anziehen soll: Die Beschreibungen, die man sich für das Bauprojekt in Esch-Belval ausgedacht hatte, erinnern leicht an die Zukunftsvorstellung Orwells. In Wahrheit ist das Grenzgebiet in Esch jedoch immer noch die wahrscheinlich größte Baustelle des Großherzogtums. Geschäftsführer und Mitarbeiter im neu eröffneten Plaza I bangen schon seit der Eröffnung um ihre Zukunft.„Wir hatten anfangs noch einige Produkte verkauft, doch es ging bergab. Seit längerem ist hier so gut wie gar nichts mehr los“, verrät die Angestellte eines Ladens im Plaza I.

„Die Sommerpause ist sicherlich Grund dafür, dass nur wenige heu-te das Einkaufszentrum besuchen, doch es war die Monate davor nicht besser,“ erklärt sie. Die Verkäuferin erinnert sich, dass bereits zwei Monate nach der Eröffnung ein Blumengeschäft schließen musste. Diesem Schicksal könnten noch mehrere Unternehmen zum Opfer fallen. „Man hat hier viele Unkosten und die bisherigen Umsätze können das kaum begleichen. Wenn dies sich nicht in der Rentrée ändert, werden wohl einige Geschäftsinhaber gezwungen sein zu schließen.“

Die Verkäuferin eines Ladens, der sich auf dem zweiten Stockwerk befindet, klagt ebenfalls über niedrige Besucherzahlen. Sie sagt, die Umgebung lade nicht zum Shoppen ein, und außerdem lebe ja noch niemand in Belval. „Solange wir uns inmitten dieser großen Baustelle befinden, wird sich nichts ändern. Wir warten alle auf die Eröffnung von Plaza II und darauf, dass endlich Menschen hier in Belval leben.“ Von einer „multifunktionalen Erlebniswelt“, wie man auf der offiziel­len Webseite des Belval Plaza lesen kann, ist nämlich nichts zu spüren: Auf der breiten Straße, die sich über das Baugelände schlängelt, blinken die Verkehrsampeln orange; es gibt noch nicht genügend Verkehr, als dass grüne und rote Ampeln für Ordnung sorgen müssten. Von den wenigen Autos, die gerade diesen Weg eingeschlagen haben, macht eines sogar mitten auf der Straße kehrt. 

Ein Mitarbeiter in einem der Bekleidungsläden glaubt, dass die niedrigen Umsätze seines Ladens  mit der Infrastruktur zu tun haben. „Das ganze Projekt ist schlecht ausgeschildert. Man findet ja kaum zum Einkaufszentrum“, erklärt er. Tatsächlich besteht die Ausschilderung für das Einkaufszentrum nur aus kleinen Pappschildern, die an Absperrungen angebracht sind und auf denen vereinzelt die Namen Saturn, CineBelval oder Belval Plaza zu sehen sind.

Hat man den Weg zum Einkaufszentrum gefunden, merkt man, dass auch die Parkplätze  unzureichend ausgeschildert sind. Auf der rechten Seite des Plaza I, das hinter der imposanten Rockhal liegt, befindet sich zwar ein großer Parkplatz, der ist allerdings noch nicht betriebsfähig. Kunden, die das spärlich ausgeschilderte Parkhaus des Plaza I nicht sofort finden, suchen also verdutzt zwischen riesi­gen Alleen und leeren Plätzen nach einer Parkgelegenheit.

Die Leiterin eines anderen Unternehmens zeigt sich trotz all den offensichtlichen Pannen jedoch geduldig: „Man muss dem Projekt Zeit geben, es ist ja erst seit ein paar Monaten eröffnet. Es muss sich erst einmal alles herumsprechen, bis man von Besucherzahlen re­den kann.“ Die Umsätze, beschreibt die Frau als „ganz ok“. „Unsere Kunden besuchen uns mehrmals, bevor sie sich für ein Produkt entscheiden. Das ist allerdings normal, wenn man ein Unternehmen ist, das keine Kleider oder Zeitschriften verkauft.“ Kurz darauf fragt die Frau jedoch, dass man „Plaza I in einem guten Licht präsentieren“ solle, denn das „sei wichtig“.

In einem guten Licht wurde Esch Belval seit der Eröffnung von Plaza I im November nur selten gezeigt. Dazu gab es auch wenig Anlass: Anfang Fe­bruar, also knapp drei Monate nach der Eröffnung, musste das unterirdische Parkhaus im Plaza I kurz wegen Sicherheitsmängel komplett geschlossen werden. Den Kunden wurde der Zugang zum Parkhaus verwehrt wegen angeblicher Routine-Arbeiten. Diese Schließung galt wohl kaum als Routine, da überraschte Geschäftsinhaber sich sogar an die Polizei wandten. In der folgenden Nacht wurden Arbeiten unternommen, so dass das Parkhaus am nächsten Tag wieder zugänglich war. Was es genau mit den Sicherheitsmängeln auf sich hatte und wie diese Mängel in einer Nacht behoben werden konnten, bleibt ungeklärt. 

Ein wenig später kam es dann zum absoluten Stillstand der Bauarbeiten: die Baufirmen CBL und CIT Blaton, die mit dem Rohbau und Fassadenarbeiten von Plaza II beauftragt wurden, erklärten, dass sie die Bauarbeiten wegen unbeglichener Rechnungen eingestellt hatten. Es kam zu Verhandlungen zwischen Multiplan, dem Bauträger der Belval-Plaza-Gebäude, und CIT Blaton und CBL, die gemeinsam bereits den Rohbau des Plaza I fertiggestellt hatten. Die Unternehmen fanden dann angeblich einen außergerichtlichen Vergleich, doch die Arbeiten am Plaza II verliefen immer noch langsam. Multiplan drückte sich vor öffentlichen Stellungnahmen, so dass die Gerüchteküche bald brodelte. Dass Plaza II im Frühjahr noch nicht eröffnet werden konnte, war jedoch deutlich sichtbar.

Anfang Juli trat Multiplan dann mit einer internen Reform an die Öffentlichkeit. Walter Laarhoven, Direktor, gab den Namen des neuen Generaldirektors von Belval Plaza bekannt: Von nun an sollte Jos de Moel dem Unternehmen aus der Plaza-Krise verhelfen. Dieser erklärte auch sofort offen, warum es zu den Verzögerun­gen auf der Baustelle kam. Nicht nur die Finanzierung musste  überdacht werden, sondern auch die Zeitplanung. Belval Plaza soll nun einen Gesamtbetrag von 250 Millionen Euro kosten, und die Fertigstellung von Plaza I und II wurde um ein Jahr verschoben. Die Wohnungen im Plaza I, die schon im Sommer als Teil des „Urban-Living Konzept“ beziehbar sein sollten, sollen jetzt im Herbst fertig gestellt werden. Diese neue Transparenz des Bauträgers war nach all den Gerüchten natürlich dringend nötig und hat dem Unternehmen vielleicht sogar geholfen, das angeknackste Image zu verbessern (Jos de Moel und Walter Laarhoven stritten beide nämlich ab, dass Multiplan vor der Insolvenz stünde).

Ob die neuen Ziele vom Wohnraum für rund 5 000 Menschen und von der Bürofläche für 25 000 Menschen bis 2010 erreicht werden oder ob sich wieder als zu hochgesteckt herausstellen, ist noch unklar. Wie es in einem Jahr aussehen soll, daran denkt man im Plaza I jedenfalls noch ungern. Geschäftsinhabern steht nämlich mit dem jetzigen Sommerloch bereits eine harte Probe vor der Tür. 

Claire Barthelemy
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