Zeitgenössischer Tanz

Verschwendete Welt, einstürzende Ikonen

d'Lëtzebuerger Land du 26.01.2018

Wie kommt man darauf, eine Tanzbühne mit 3,5 Tonnen Ton auszustatten? Ein Hinweis auf unsere Ressourcenverschwendung? Keine Frage! Aber nicht nur das. Der belgische Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui vergleicht den Werkstoff mit dem Körper des Tänzers. Beide haben das Potenzial zur Transformation. Im Mittelpunkt seiner Choreographie Icon steht die Frage nach der Erschaffung und Verehrung, aber auch der Zerstörung und Ersetzung von Ikonen in unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen und über verschiedene Kulturen hinweg. Wer sind wir? Wer werden wir sein? Wie transformieren wir uns? Und wieso und wie erheben wir andere zu Göttern? 18 Tänzer interagieren in der Produktion der Göteborgs Operans Danskompani zu Musik und Gesang mit den Ton-Massen, die der britische Bildhauer Antony Gormley auf die Bühne bringt. Und das funktioniert auf eine faszinierende Art und Weise. Denn Tänzer und Bühnenbild verschmelzen in Icon regelrecht miteinander. Der Bildhauer Gormley setzt den schlichten Werkstoff Lehm unserer blinkenden kapitalistischen Konsum-Welt entgegen, Sidi Larbi Cherkaoui führt sie zurück zu den Anfängen der Welt.

Eine Menschenkette sich windender Körper bildet zu Beginn eine harmonische Einheit. Dann schert einer aus und die Tänzer beginnen damit, die kleinen, auf der Bühne stehenden Tonfiguren eine nach der anderen zu zerstören. In weichen, fließenden Bewegungen werden sie niederknien und Neues formen. Jeder hat die Möglichkeit, zu gestalten und etwas zu erschaffen!

Schwingend und mit weichen Pirouetten schaffen die Tänzer in ihren erdfarbenen wallenden Gewändern so traumhafte Bilder und scheinen mit der apokalyptisch wirkenden Bühne zu verschmelzen. Da setzt sich ein jeder eine Krone auf, krönt sich zum Herrscher. Andere formen aus dem Lehm fratzenhafte Masken und versetzen sich schalkhaft in die Rolle eines Diktators. Doch die politische Realität ist so brüchig wie der Lehm und so fallen die Masken zusammen, klappen die Tänzer zusammen wie Kartenhäuser. Bisweilen finden sie zueinander, um dann wieder auseinanderzustieben. Was ist Schein? Und wie lange lässt sich an einer Farce festhalten? Ein Mann fällt sprichwörtlich in sich zusammen, im Hintergrund zerstreut sich die lärmende Menge, bevor sie zusammenrücken wird, um ein Gruppenfoto zu machen.

Dann ein abrupter Umschwung: Die Menge wütet euphorisch, tanzt sich in Ekstase. Eine Tänzerin formt aus dem Ton riesige Brüste vor ihrem Körper. Während ein anderer sich einen gigantischen Tonphallus ansteckt und sie kopulierend verschmelzen, wird die Bühne sukzessive zum Schlachtfeld. Die Tänzer formen Tonmasken aus dem Stoff und transformieren sich zu bedrohlichen Geschöpfen (das Böse schlummert in jedem!), die sich auf einen Menschen einschießen und das schwarze Schaf mit dem Schlamm bewerfen.

Dann wieder finden Menschen wie beiläufig zusammen und suchen beieinander Trost. Vereinzelt werden sie sich am Ton abarbeiten, entstehen martialische Schlachtszenen, bei der eine Tänzerin schon einmal unter einer Tonschicht begraben wird. Der Gesang (Anna Sato) wird dann sakral. Die erdverbundenen Gestalten kauern auf der Bühne und erinnern gar an die christliche Schöpfungsgeschichte. Am Ende werden die Tänzer sich ihren Götzen aus Lehm bauen, der, oh Wunder, einstürzen wird! Bisweilen wirkt das Zusammenspiel von Tanz und exotischen Klängen reichlich esoterisch, und dennoch beeindruckt und verzaubert einen Icon vor allem durch das gigantische Bühnenbild.

Anina Valle Thiele
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