Die Uni Luxemburg möchte mehr Wissenschaft­lerinnen und Professorinnen. Noch fehlt eine überzeugende Gesamtstrategie

In der Pipeline

d'Lëtzebuerger Land du 30.09.2011

„Wir brauchen mehr Frauen in der akademischen Lehre“, hatte Universitätsrektor Rolf Tarrach eingeräumt, als er im Juli das erste Genderforum am Campus Limpertsberg eröffnete. Das klang engagiert, aber wer sich auf der Internetseite der Uni über Geschlechterförderung informieren wollte, musste merken: Nichts deutet darauf hin, dass die Verantwortlichen hier besondere Anstrengungen machen. Auf der Menüleiste von uni.lu gibt es keine Rubrik zur Chancengleichheit. Eine Anlaufstelle für Genderfragen, Standard an den meisten europäischen Universitäten, ist auch nach mehrmaligen Mausklicks nicht zu finden. Dabei gibt es sie – und deren Vertreterin entwirft sogar ein recht positives Bild der universitären Geschlechterpolitik.

„Es ist viel geschehen“, findet Christel Baltes-Löhr. Die Soziologin ist Genderbeauftragte der ersten Stunde und hat als solche ein Auge auf die Personalentwicklung der 2003 gegründeten Uni. Erst kürzlich meldete sie gute Nachrichten: Der vom Satellitenentwickler SES gestiftete Lehrstuhl für Satellitenkommunikation und Medienrecht wurde mit einer Frau, Rechtsprofessorin Mahulena Hofmann, besetzt.

Auf der Pressekonferenz zum Tätigkeitsbericht des Jahres 2010 im Frühjahr hatte Rektor Tarrach ebenfalls die Bemühungen in Sachen Frauenförderung hervorgehoben. Mit rund 22 Prozent Frauenanteil am akademischen Lehrkörper – dazu gehören Lehrbeauftragte, Assistenz- und Vollprofessuren – liegt die Uni nur noch knapp unter dem vorgegebenen Soll des Vierjahresplans. Dieser hält als strategisches Ziel einen Frauenanteil von 23 Prozent für Ende 2013 fest. Bei den Assistenz-Professuren liegt die Uni mit über einem Drittel Frauen (34,6 Prozent) sogar darüber. Allerdings Nur zwölf Prozent der Vollprofessuren sind weiblich.

„Man muss berücksichtigen, woher wir kommen“, plädiert Christel Baltes-Löhr für eine optimistische Sichtweise. Als sie ihre erste Amtszeit als Genderbeauftragte antrat, seien vier Vollprofessuren von Frauen besetzt gewesen. Insofern habe sich „einiges bewegt“. Fakt ist aber auch, dass der Anteil von Professorinnen weiterhin stark verbesserungsdürftig ist. Noch dürftiger fällt die Bilanz aus, was die Führungsetagen der Uni angeht. Im Rektorat ist Physikprofessorin Lucïenne Blessing die einzige Frau unter vier Männern, nach fünf Jahren Amtszeit will sie sich auf die Forschung konzentrieren. Des Weiteren gibt es eine Beraterin für das Rektorat. Im Aufsichtsrat der Uni, beträgt das Verhältnis gar nur eine Frau auf sechs Männer. Alle drei Fakultäten werden zudem von männlichen Dekanen geleitet. Kurz: An der Uni Luxemburg spiegelt sich wider, was für Luxemburgs Wirtschaft und Politik gilt: Die lukrativen Führungspositionen sind überwiegend von Männern besetzt.

„Es ist ungerecht, wenn eine Bevölkerungsgruppe, die eigentlich die Mehrheit stellt, derart unterrepräsentiert ist“, sagt Christel Baltes-Löhr. Das allein rechtfertige es, gezielt Frauen, und, wie die Genderforscherin unterstreicht, andere unterrepräsentierte Gruppen zu fördern. Der Luxemburger Unileitung bescheinigt die Triererin, das Thema ernst zu nehmen. „Der Rektor unterstützt unser Anliegen sehr.“ Dass die Universität das Genderforum, eine Plattform, auf der nicht nur Wissenschaftlerinnern und Wissenschaftler, sondern Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Bereichen der Luxemburger Gesellschaft zusammensitzen, um über Geschlechterfragen zu diskutieren, ist nicht von ungefähr: Die Uni will damit ein Signal setzen, dass ihr an Gleichstellungspolitik gelegen ist.

Wie aber passt dazu, dass der früher eine halbe Stelle umfassende Posten als Genderbeauftragte inzwischen auf ein Viertel geschrumpft ist? Christel Baltes-Löhr hatte den Job selbst vor zwei Jahren hingeworfen, als die Unileitung nach dem Fortgang der Sekretärin das Gender-Sekretariat nur noch mit einer halben Stelle besetzen wollte. Doch weil Studentinnen und Doktorandinnen weiterhin zu ihr kamen, um nach Rat zu fragen, habe sie sich entschieden, die Arbeit fortzuführen. Die derzeitige Lösung, Viertelstelle plus halbe Stelle Sekretariat, sei „ein klassischer Kompromiss“, erklärt Baltes-Löhr., die die „projektbezogene Finanzierung“ befriedigend findet.

Bleibt die Frage, was eine Genderbeauftragte auf einer Viertelstelle bewirken kann, noch dazu, wenn sie zahlreiche andere Projekte betreut? Tatsache ist, dem guten Willen und der guten Worte zum Trotz, dass eine nachhaltige, auf mehreren Ebenen ansetzende Genderpolitik über sieben Jahre nach der Gründung noch immer fehlt. Sicher scheint nur, dass Quoten, wie sie in der Wirtschaft neuerdings für Verwaltungsräte diskutiert werden, für die Gremien an der Uni kein Thema sind. Nicht zuletzt, weil die Genderbeauftragte selbst dem Instrument eher skeptisch gegenüber steht. „Wie soll eine solche Quote aussehen, und was bringt sie?“ Es gehe nicht nur um das „quantitative Argument“, es sei schon so schwierig, qualifizierte Akademikerinnen für offene Stellen zu finden. „Man findet sie wirklich nicht“, betont Baltes-Löhr.

Sie setzt darauf, zunächst die Arbeitsbedingungen potenzieller Kandidatinnen zu verbessern. Bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie etwa, um Frauen und Männern mit Kindern den Gang an eine ausländische Hochschule zu erleichtern. Einen Beitrag leistet die Uni mit „ihrem“ Kindergarten. Ganz richtig ist die Bezeichnung nicht, denn eigentlich hat das Babbeltiermchen auf dem Limpertsberg eine Konvention mit dem Familienministerium und der Stadt Luxemburg. Aber die Uni, die das Projekt entwickelt hat, mitfinanziert und wissenschaftlich begleitet, hat Anrecht auf eine gewisse Anzahl an Plätzen für ihre Mitarbeiter und Studenten. Der Kindergarten wird von Interactions geführt, dient aber zugleich auch Forschungszwecken: So untersuchen Wissenschaftler beispielsweise, wie zufrieden die Eltern mit dem Betreuungsangebot sind, ein Forschungsprojekt gilt der Qualitätsentwicklung. Das Angebot an Akademiker-Mütter und Vätern, weniger zu unterrichten, um Familie und Beruf besser vereinbaren zu können, wurde bisher lediglich einmal in Anspruch genommen: von einem Vater.

Eine andere wichtige Stellschraube für mehr Geschlechtergerechtigkeit sind die Berufungskommissionen. Sie werden vom Dekan berufen und sind es, die Bewerbungen prüfen und Kandidatengespräche führen. Zahlen liegen nicht vor, sicher ist aber, dass auch in diesem Gremium die Männer dominieren. Da die Stellenvergabe oft über informelle Netzwerke verläuft, kann dies für Kandidatinnen ein Nachteil sein. Wobei die Genderbeauftragte das relativiert: Ein Garant für Frauenförderung seien paritätisch besetzte Gremien nicht, so Baltes-Löhr.

Frischen Wind erhofft sie sich vom neu aufgelegten Gendermainstreaming-Komitee, das einen Aktionsplan zur „besseren Gender-Balance“ entwickeln soll und in dem Vertreter der Fakultäten sowie des Rektorats sitzen. „Wichtig ist, dass wir auf mehreren Ebenen ansetzen und mehr Bewusstsein schaffen“, sagt Baltes-Löhr, die das Komitee leitet. Eine Liste von Vorschlägen, wie die Uni ihre Attraktivität für Frauen steigern könnte, wurde bereits zusammengetragen, darunter eine Babysitterbörse, flexiblere Arbeitszeitmodelle, Mentoringprojekte oder die Vernetzung von Gleichstellungsinitiativen in der Großregion. Sie sollen nun diskutiert und Prioritäten gesetzt werden. Wichtiger Ansatzpunkt laut Baltes-Löhr sind die Rekrutierungsprozeduren, ein anderer die Netzwerke. „Wir müssen Stellenausschreibungen noch stärker als bisher in Frauen- und andere Netzwerke tragen“, betont die Genderbeauftragte. Für die Arbeit im Komitee kann das Dekanat auf Anfrage einen/n Vertreter von zehn Prozent seiner Arbeitszeit freistellen.

Vielleicht möchte sich Luxemburg ja etwas von Bremen abgucken? An der Bremer Uni, eine der jüngeren im deutschen Hochschulbetrieb, sind 73 von 291 Professuren mit einer Frau besetzt. Im bundesweiten Ranking liegt die Uni damit ganz oben. Für ihre Geschlechterpolitik wurde die Uni kürzlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet. Die DFG-Jury hatte insgesamt 68 Unis in Deutschland auf ihre forschungsorientierten Gleichstellungsstandards begutachtet. Bremen wurde als besonders vorbildlich für eine „überzeugende Gesamtstrategie“ eingestuft. Zu ihr gehören: das Programm Perspektive Promotion, das Doktorandinnen besser vernetzen will. Teilnehmer/innen erhalten gezielt Unterstützung in Vortragstechniken, es gibt Workshops zum Thema Wie schreibe ich ein Exposé? Das Mentoring-Programm Plan M wird jeweils abwechselnd für Natur- und für Geisteswissenschafterlinnen aufgelegt. Ziel ist es, besonders talentierte Absolventinnen und Promovierende bei der Karriereplanung zu unterstützen. Mit dem Grete-Henry-Programm, benannt nach einer Bremer Mathematikerin, werden gezielt Professorinnen geworben. Um Partner/innen von neu berufenen Professor/innen bei der Arbeitsplatz- und Wohnungssuche zu helfen, gibt es das Dual Career System, das auch in Luxemburg auf Interesse stößt. Schließlich unterstützt die Bremer Uni Mitarbeiter, wenn sie für höhere Stellen kandidieren wollen. Mit der Reform des Universitätsgesetzes soll der akademische Aufstieg auch in Luxemburg einfacher werden, so Baltes-Löhr: „Dafür braucht es klare Kriterien.“ Welche Probleme unklare Prozeduren mit sich bringen, und wie wenig zuträglich sie für ein „geschlechterfreundliches“ Image sind, erlebt die Uni gerade im Fall der ehemaligen Assistenzprofessorin Gudrun Ziegler (siehe Randnotiz).

Ihre Gleichstellungsstrategie bewirbt die Uni Bremen übrigens intensiv im Internet. Eine Homepage über die Gleichstellungspolitik der Uni Luxemburg soll noch in diesem Jahr kommen. Sie sei „in der Pipeline“, heißt es dazu.

Ines Kurschat
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