Das hat die Welt noch nicht gesehen:

Eine Million Luxemburger

Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 14.04.2017

Vor 14 Tagen teilte das statistische Amt Statec mit, dass das Statistikamt der Europäischen ­Union, ­Eurostat, seine Projektionen der einheimischen Bevölkerung geändert habe. Danach sollen im Jahr 2080 keine 1 287 296 Leute in Luxemburg leben, wie noch vor vier Jahren angekündigt, sondern nur 1 066 377. Wohin die 220 919 Leute in den Eurostat-Zahlen verschwunden sind – immerhin fast die Hälfte der heutigen Gesamtbevölkerung – interessierte kaum jemand: Eurostat geht davon aus, dass die Einwanderung langsamer wächst, als 2013 vermutet. Aber das hängt zu einem großen Teil vom Wirtschaftswachstum ab, und ernsthafte Prognosen des Wirtschaftswachstums über ein halbes Jahrhundert anzustellen, ist selbst ohne Kriege und Katastrophen nicht möglich.

Es nahm auch niemand Notiz davon, dass laut den Projektionen von Eurostat Luxemburg schon in neun Jahren, im Jahr 2026, zum 700 000-Einwohnerstaat würde, dem einstigen Alptraum von Umweltschützern und Eigenheimbesitzern zwischen Hesperingen und Strassen. Das Schreckgespenst musste inzwischen der Angst vor dem „1,2-Millonen-Einwohnerstaat“ Platz machen, mit der die CSV in den Wahlkampf ziehen will. Um so größer muss die Enttäuschung sein, dass Eurostat nun aus dem 1,2 Millionen-Staat bloß noch einen 1,0-Millionen-Einwohnerstaat machte.

In einem Zwergstaat ist das Zählen und Schätzen der Landesbevölkerung stets eine Panikwissenschaft. In den vergangen Jahrzehnten schwankte sie zwischen der Angst vor dem Aussterben und der Angst vor der Überbevölkerung, zwischen dem Raum ohne Volk und dem Volk ohne Raum. Schlüsseldaten sind der 8. April 1978 und der 20. Juli 2001.

Aussterben Im April 1978 veröffentlichte die Regierung den Bericht La démographie du Luxembourg. Passé, présent et avenir des französischen Demografen Gérard Calot (1934-2001). Dass ausgerechnet die linksliberale Koalition in Zeiten des industriellen Niedergangs diesen sehr konservativen Natalisten verpflichtet hatte, war ein Schachzug, um die CSV auf ihrem eigenen Feld, der Familienpolitik, zu schlagen und ihr Versagen für das angebliche Aussterben der Luxemburger verantwortlich zu machen. Denn laut Gérard Calot sei die Sterblichkeitsrate der Luxemburger höher und die Fruchtbarkeitsrate niedriger als in den Nachbarsaaten.

Mit ihrem politischen Schachzug nahmen DP und LSAP allerdings den hohen Preis eines aggressiven Nationalismus in Kauf. Gérard Calot warnte nämlich in Wirklichkeit weniger vor einem Aussterben des Großherzogtums als vor einer Überfremdung und riet: „il lui faut changer radicalement de médication et réduire progressivement les doses du remède immigration pour augmenter celles – actuellement beaucoup trop légères pour être efficaces – du remède justice familiale“ (S. 149).

Obwohl jahrzehntelang über den 1,2 Millionen Franken teuren Calot-Bericht debattiert wurde, erwies er sich vor allem als falsch, weil Calot sich blind für wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen stellte. „Es wimmelt in dieser Studie von tragischen Weltrekorden für unser Land“, klagte das Lëtzebuerger Land am 14. ­April 1978. Doch nach den Prognosen des Ageing Working Group der Europäischen Kommission hält Luxemburg in Wirklichkeit den EU-Rekord beim Bevölkerungswachstum, die Einwohnerzahl soll bis 2060 um 56,9 Prozent zunehmen – bei einem EU-Durchschnitt von 0,5 Prozent.

Überbevölkerung Hatte Calot 1978 im Auftrag der Regierung die Angst vor dem Aussterben geschürt, so wendete Jean-Claude Juncker sie ein Viertel Jahrhundert später, in Zeiten des ungehemmten Wirtschaftswachstums, in Überbevölkerungsängste. Verbittert darüber, dass seine Drohung mit der Rentenmauer wirkungslos geblieben war, kündigte er nach dem Abschluss des Rententischs am 20. Juli 2001 an, dass nun der Marsch in den 700 000-Einwohnerstaat besiegelt sei. Denn nur ein hohes Wirtschaftswachstum mit einer entsprechend hohen Einwanderung könne die Renten finanzieren. Damit wurde Jean-Claude Juncker auch zum geistigen Vater der Bewegung „Wat fir eng Zukunft fir Lëtzebuerg?“, die mit ökologisch herausgeputzten Überbevölkerungsängsten in den Wahlkampf ziehen wollte.

Grundlage von Jean-Claude Junckers Warnung war eine Projektion des Statec aus dem Jahr 1995. Dabei berief sich der CSV-Premier aber nicht auf die vom Statec vorgeschlagene mittlere Prognose, laut der Luxemburg im Jahr 2050 558 045 Einwohner haben sollte, sondern er zitierte immer nur mit dem Unterton einer drohenden Katastrophe die höchste Variante, laut der im Jahr 2045 die Zahl von 700 000 Einwohnern überschritten würde. Und er sollte mehr als Recht bekommen: Die Projektion von 1995 bezifferte die Einwohnerzahl im Jahr 2010 auf 458 560, in Wirklichkeit waren es zu dem Zeitpunkt aber schon 502 066.

Zehn Jahre später, im Jahr 2005, machte das Statec eine neue Prognose und kam zu dem Schluss, dass die Einwohnerzahl bei jährlich drei Prozent Wirtschaftswachstum im Jahr 2055 wohl 645 500 Leute ausmachen werde. Beziehungsweise 506 500 nach der niedrigen und 724 600 Einwohner nach der hohen Variante. 2010 machte das Statec wieder eine Projektion über ein halbes Jahrhundert und kam zu dem Schluss, dass die Einwohnerzahl im Jahr 2060 vage zwischen 511 958 und 877 667 betragen wird – je nachdem, ob die Einwanderung unverändert, langsamer, schneller oder gar nicht mehr wächst.

Die großen Schwankungen bei den Projektionen sind meist darauf zurückzuführen, dass auf dem Höhepunkt eines Konjunkturzyklus durchgeführte Prognosen die Nettoeinwanderung großzügiger einschätzten als Prognosen, die erstellt wurden, wenn die Wirtschaft langsamer wuchs. 1995 ging das Statec beispielsweise von einem Einwanderungsüberschuss von 2 500 Leuten aus, 2005 von 2 800 Leuten jährlich. In Wirklichkeit lag der Saldo bis 2010 bei 7 660 jährlich.

Maastricht Dank der mit Hilfe der Maastrichter Kriterien institutionalisierten Austeritätspolitik in der Europäischen Union meldet sich nun auch die Ageing Working Group der Europäischen Kommission zu Wort. Sie nimmt die meist abenteuerlichen Projektionen, um den Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung und damit der Beitragszahler zur Rentenversicherung zu errechnen. Indem sie das Umlageverfahren der Rentenversicherung wie eine gewerbliche Privatversicherung bilanziert, errechnet sie aus den Rentenanrechten eine „implizite Staatsschuld“, deren Absicherung jährlich einen mit Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen realisierten Haushaltsüberschuss verlange. So dass es sich vergangenes Jahr wunderbar traf, dass nach oben korrigierte Bevölkerungsprojektionen der Regierung plötzlich erlaubten, auf den politisch schmerzhaften Haushaltsüberschuss zu verzichten. Aber vielleicht wird nun wieder alles anders.

Romain Hilgert
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