Kindliche Sprachentwicklung

Reich durch Mehrsprachigkeit

d'Lëtzebuerger Land vom 26.10.2012

Mehrsprachig zu sein, ist ein Plus. Sagt die Politik, die die Dreisprachigkeit im Luxemburger Sprachengesetz 1984 festgeschrieben hat – und sagt auch die Wissenschaft. Mehrere Studien haben sich in der Vergangenheit mit den Lernvorteilen befasst, die Kinder, die zweisprachig aufwachsen, gegenüber Kindern haben, die aus einem einsprachigen Elternhaus stammen. Meistens konnten kognitive Vorteile der zweisprachigen Kinder nachgewiesen werden, etwa beim Problemlösen, dem Erinnerungsvermögen oder der Konzentration. Allerdings war nicht eindeutig, ob der Vorsprung reell war oder ob er eventuell mit der sozialen Herkunft der untersuchten Kinder zusammenhing. Denn sie stammten meistens aus typischen Mittelschichtfamilien.
Diese Forschungslücke wurde nun geschlossen. Zusammen mit Forschungskollegen der Universität Minho in Portugal, der York Universität in Kanada und der Uni Luxemburg hat die Luxemburger Psychologin Pascale Engel de Abreu von der Forschungseinheit Emacs der Uni Luxemburg portugiesische Einwandererkinder der ersten und zweiten Genera-
tion in Luxemburg, die zweisprachig aufwachsen und die erste und zweite Klasse der Luxemburger Grundschule besuchten, mit einsprachigen Kindern aus Nordportugal verglichen, die aus Familien mit niedrigerem Einkommen kommen. Zweisprachig wurde nicht verstanden als in einer Familien aufwachsend, wo beide Eltern eine andere Sprache sprechen, sondern in dem Sinne, dass die portugiesischen Kinder zuhause zwar portugiesisch sprachen, sie aber in der öffentlichen Schule in Luxemburg das Alphabet auf Deutsch lernen.
Ihr Ergebnis: Auch bei den zweisprachigen Kindern aus einkommensschwachen Luxemburger Haushalten konnte ein kognitiver Vorsprung beobachtet werden. Das heißt, sie konnten sich im Vergleich zu ihren einsprachig in Nordportugal aufwachsenden Altersgenossen besser auf ihre Aufgaben konzentrieren.
Aber der Reihe nach. Für die Studie, die vom Nationalen Forschungsfonds im Rahmen eines Forschungsstipendiums finanziert wurde, wurden rund 120 Kinder respektive ihre Eltern angesprochen. Gesucht wurden Kinder, deren Entwicklung ansonsten altersgerecht verläuft und die aus unterprivilegierten Familien kommen: in Luxemburg, quer durch das Land verteilt, und in Nordportugal. Viele der portugiesischen Kinder, die in Luxemburg aufwachsen, haben Eltern, die aus Nordportugal stammen.
Um nichts dem Zufall zu überlassen und Einflüsse auszuschließen, die das Testergebnis verzerren konnten, sollten auch die Schulen ähnlich sein: Die Klassen wurden nach ähnlicher Größe und geografischer Lage ausgewählt, die Kinder sollten in etwa gleich viele Stunden zur Schule gehen und auch das Ausbildungsniveau der Lehrer musste vergleichbar sein. „Ich habe einige der Schulen vor Ort besucht, damit wir sicher sein konnten, dass die beiden Gruppen auch wirklich vergleichbar waren“, betont Engel de Abreu. Da traf es sich gut, dass ihr Mann, ein Brasilianer, Partner im Forschungsprojekt war und sich um die Logistik kümmern konnte. Als zweisprachig galten Kinder, die Portugiesisch als Muttersprache hatten, aber in der Schule Luxemburgisch (und zum Teil Französisch) sprachen.  Die Erstsprache sämtlicher Kinder war Portugiesisch, und auch die Aufgaben waren auf Portugiesisch.
„Am Ende blieben 80 Kinder übrig, die sämtliche Kriterien erfüllten“, erklärt Engel de Abreu. Diese Kinder mussten sich dann verschiedenen psychologischen Aufgaben unterziehen. Einer, der so genannte Dot-Matrix-Test, befasste sich mit dem Arbeitsgedächtnis: Kinder mussten sich Punkte in einer gewissen Reihenfolge merken und die Anordnung später wiederfinden. Dabei schnitten Bilinguale und Monolinguale ähnlich gut ab, die Bilingualen waren ein klein wenig besser.
Noch größer wurde dieser Vorteil bei Tests, die die selektive Konzentrationsfähigkeit prüften. Im so genannten Flanker-Test mussten die Kinder bestimmen, in welche Richtung ein Fisch in einer Reihe von Fischen schwamm: nach links oder nach rechts. Dabei geht es vor allem darum, sich nicht durch die anderen Fische, die mal in dieselbe und mal in die andere Richtung schwimmen, beirren zu lassen und sich allein auf den Fisch in der Mitte zu konzentrieren. Und dies unter Zeitdruck, denn die Uhr tickte.
„Bilinguale und monolinguale Kinder haben zwar beide gleich oft die richtige Richtung des Fisches erkannt, allerdings waren die zweisprachigen Kinder deutlich schneller als die einsprachigen“, erklärt Engel de Abreu. „Das spricht dafür, dass die bilinguale Kinder sich weniger ablenken lassen und sich besser auf das konzentrierten, was wichtig ist“, schlussfolgert die Forscherin.  Statt also die kognitiven Fähigkeiten insgesamt zu fördern, scheint es eher so, dass zweisprachig aufwachsende Kinder gegenüber einsprachigen ganz spezifische Vorteile in bestimmten Bereichen entwickeln – nämlich in jenen, wo es darum geht, sich zu konzentrieren und nicht ablenken zu lassen. Engel de Abreu und ihre Kollegen führen das darauf zurück, dass zweisprachige Kinder beim Kommunizieren die zweite Sprache sozusagen kontrollieren müssen. „Durch die Mehrsprachigkeit wird die zweite Sprache immer mitaktiviert, die jeweils andere Sprache muss quasi unterdrückt werden. Dadurch wird das Exekutive System stärker trainiert.“ Eine Fähigkeit, die den Kindern beim Fisch-Test zugute kommt. Und dies unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund.
So weit zu gehen, dass Mehrsprachigkeit insgesamt ein Vorteil ist, wäre demnach zu viel gesagt; das gibt die Studie nicht her. Denn bevor die Kinder mit den kognitiven Tests begannen, wurde ihr Vokabular, also ihr Wortschatz abgefragt: Er war bei den zweisprachigen Kindern deutlich schwächer ausgeprägt. Die Gründe zu untersuchen, war aber nicht Ziel dieser Forschungsarbeit. „Es könnte mit der Immigration zusammenhängen“, mutmaßt Engel de Abreu.
Dass die Kinder im Wortschatztest schlechter abschneiden, sieht Engel de Abreu nicht dramatisch: „Ein bilinguales Kind stellt nicht zwei monolinguale Personen in einer dar. Das Ergebnis war zu erwarten, wenngleich nicht in dem Ausmaß“, so Engel de Abreu. Die Resultate würden vielmehr belegen, dass auch zweisprachige Kinder, die aus benachteiligten Einkommensverhältnisse kommen und sprachliche Schwierigkeiten haben, dennoch gewisse kognitive Fähigkeiten besser entwickeln.
Die Studie, die im August abgeschlossen wurde, ist international auf reges Interesse gestoßen. Im Oktober wurde sie in der Online-Version des renommierten Fachmagazins Psychological Science vorgestellt, im November soll die Printausgabe folgen.
Engel de Abreu arbeitet derweil an einer Folgestudie, mit der sie erhofft, tiefere Kenntnisse über die Mehrsprachigkeit in Luxemburg zu gewinnen: „Wir sitzen hierzulande diesbezüglich auf einer Groldgrube“, so die junge Wissenschaftlerin, die große Hoffnung und Ambitionen mit der Universität Luxemburg verbindet und nicht vorhat, fortzugehen.  Als nächstes möchte sie untersuchen, wie Kinder, die zuhause Portugiesisch sprechen und in Luxemburg zur Schule gehen, sich in verschiedenen Bereichen von der Spillschoul bis zum zweiten Schuljahr sprachlich entwickeln. Ein entsprechender Antrag auf Finanzierung wurde beim Nationalen Forschungsfonds eingereicht.

Ines Kurschat
© 2017 d’Lëtzebuerger Land