Schadstoffbelastung

Dreck im Haar, Gift im Blut

d'Lëtzebuerger Land du 26.10.2012

Als im Frühjahr Resultate aus dem grenzüberschreitenden Gesundheits-Forschungsprojekt Nescav veröffentlicht wurden, erregte das einiges Aufsehen. Denn offenbar unterliegt, wie die Studie des Centre de recherche public de la Santé ergab, nicht nur ein beträchtlicher Teil der erwachsenen Luxemburger Bevölkerung einem erhöhten Risiko, an Herz-Kreislauf-Leiden zu erkranken. Im Vergleich der Großregion ist die Risiko-Belastung hierzulande überdies besonders hoch.
In ein paar Monaten könnte Nescav erneut von sich reden machen: In der letzten Phase der Untersuchung waren den teilnehmenden Personen Haarproben entnommen worden. An ihnen soll ermittelt werden, inwiefern die Bevölkerung von Umweltschadstoffen betroffen ist, die in den Geltungsbereich der Konvention von Stockholm fallen. Noch sind die Resultate nicht publik; das mit der Untersuchung befasste Labor für analytisches Biomonitoring am CRP-Santé will sie zunächst in Fachzeitschriften veröffentlichen. Brice Appenzeller, der Koordinator des Labors, kann aber schon so viel sagen: „Keine der untersuchten Personen war völlig frei von diesen Schadstoffen und bei allen wurde mindestens ein Schadstoff nachgewiesen.“ Insgesamt wurde nach 21 Substanzen gesucht.
Die Untersuchung ist deshalb so interessant, weil sie sich auf jene Stoffe bezieht, die im Volksmund unter Namen wie DDT oder PCB schon als gefährlich bekannt sind. Sie werden „Pops“ genannt, Persistent organic pollutants, und noch vor drei, vier Jahrzehnten galt ihre Anwendung zur Unkrautvertilgung oder zur Insektenbekämpfung als Triumph der modernen Chemie über die Natur. Bis sich die Anzeichen verdichteten, dass diese Stoffe, die so langlebig sind, weil sie sich am Ende der Nahrungskette im menschlichen Fettgewebe ablagern, eine Vielzahl von Krankheiten und Störungen auslösen: von Krebs über Herzkreislauf-Beschwerden und neurodegenerative Erkrankungen bis hin zur Unfruchtbarkeit bei Frauen. Durch die Konvention von Stockholm wurden 2001 die ersten zwölf Pops als „dreckiges Dutzend“ verboten – darunter DDT und PCB. 2004 trat die Konvention weltweit in Kraft. 2009 wurden weitere neun Substanzen in die Liste aufgenommen, darunter war zum Beispiel auch Lindan – bis dahin ein häufiger Bestandteil in Holzschutzmitteln und Insektiziden.
Die Schadstofftests im Rahmen von Nescav sind die ersten, die in Luxemburg an einem Be­völkerungs-Querschnitt zu den Stockholm-Pops vorgenommen wurden. Konvention hin oder her: „Diese Substanzen sind so langlebig, dass sie sogar Jahrzehnte nach der letzten Exposition im menschlichen Körper noch nachweisbar sind“, erklärt Appenzeller.
Gezieltere Untersuchungen an kleineren Personengruppen hat das Labor am CRP-Santé schon in der Vergangenheit gemacht: Von 14 Mitarbeitern des Labors, die sich vor ein paar Jahren selber untersuchten, war keiner frei von den Pops; die Konzentrationen hätten zum Teil um den Faktor 200 gestreut, so Appenzeller. Eine weitere Untersuchung, die diesmal an 18 Luxemburger Landwirten erfolgte, habe eine „hohe Gesamtkonzentration“ ergeben. „Diese Leute waren wahrscheinlich demselben Grund-Schadstoffniveau ausgesetzt wie die Durchschnittsbevölkerung, plus einer berufsbedingten Exposition.“
Was sich mit den Resultaten aus der großen Untersuchung anfangen lassen wird, ist jedoch keine leicht zu beantwortende Frage. Im Rahmen von Nescav wird nach den Pops gefahndet, weil sie als Faktor für Herz-Kreislauf-Krankheiten gelten; damit wird das Bild aus Nescav insgesamt komplettiert. Davon abgesehen, ist es natürlich wichtig, in Luxemburg genaueren Aufschluss über den Stand der Dinge im Zusammenhang mit einer internationalen Konvention zu erhalten, der man vor Jahren beigetreten ist. Welches Krankheitsrisiko für eine Person besteht, wenn bei ihr Pops gefunden wurden, ist dagegen noch unklar. „Grundsätzlich muss man unterscheiden zwischen einer akuten und einer chronischen Exposition“, erklärt Appenzeller. „Während bei einer akuten der Einfluss des Schadstoffs so drastisch war, dass sofort eine Wirkung eintritt, kann bei einer chronischen Belastung die Präsenz des Schadstoffs in Blut oder Urin Tausende, vielleicht Zehntausende Mal kleiner sein.“ Dann spiele auch eine Rolle, wie alt man ist und wie lange man was ausgesetzt war.
Gemein ist den Pops, dass sie die hormonalen Steuerungsfunktionen beeinflussen können. „Damit sind sie“, sagt Brice Appenzeller, „nicht nur als Chemikalien toxisch. Sie können auch auf Zell-Ebene in einer Weise wirken, die zu überblicken man erst beginnt.“ Nachgewiesen sei jedoch, dass die Sterilität einer Frau daher rühren könne, dass ihre Mutter einem Schadstoff ausgesetzt war, der während deren Schwangerschaft auf die werdende Tochter einwirkte.
Bis die Wissenschaft genauer weiß, welche akuten Erkrankungen aus einer chronischen Belastung mit diesen Schadstoffen herrühren, verbessern sich in der Zwischenzeit die Mittel der Labordiagnostik: Sie kann auf immer empfindlichere Nachweistechniken zurückgreifen. Innerhalb der letzten zehn bis zwölf Jahre habe sich die Empfindlichkeit der Analysen um den Faktor tausend erhöht, sagt Appenzeller. Dass die Proben für die Nescav-Studie an Haaren genommen wurde, liegt daran, dass Schadstoffe im Haar zuverlässiger nachgewiesen werden können als in Blut und Urin: „Sie werden in die Haarzellen bei deren Wachstum eingebaut. Blut und Urin dagegen werden von Leber und Nieren immer wieder gereinigt.“ Was auch heißt, dass dabei eine Reinigung von Rückständen an DDT oder Lindan erfolgt. Aber eben leider nur ganz, ganz langsam.

Peter Feist
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