Schloss Ansemburg

Die Zerstörung der Vernunft

d'Lëtzebuerger Land vom 30.08.2019

Das knapp 60 Seelen zählende Dorf Ansemburg im Eischtal, zwischen saftig grünen Weiden und Wäldern, ist durch das imposante Barockschloss bekannt, mit seinen stattlichen Gebäuden, seinen gepflegten Gärten, blankgeputzten Skulpturen und munteren Springbrunnen. Am für Schaulustige großzügig geöffneten Tor wirbt ein Plakat für die Journées du patrimoine Ende nächsten Monats mit einer Ausstellung von Renaissance-Stichen aus einer belgischen Privatsammlung und einem Vortrag über „L’empreinte de la Renaissance depuis Leonard de Vinci“. Die Veranstaltung der „LH Europe-Grand-Château d’Ansembourg“ steht stolz „[s]ous le patronage du Ministère de la Culture“, wie es auf der Einladungskarte zur Vernissage am 19. September heißt.

Die LH Europe, deren Veranstaltung die Schirmherrschaft des Kulturministeriums genießt, ist die Zentrale der japanischen Sekte Sûkyô Mahikari für Europa und Afrika. Ein Delegierter namens Lefebre der Generalversammlung des belgischen Sûkyô Mahikari a.s.b.l. hatte im Januar 1997 dem Ermittlungsausschuss des belgischen Parlaments (Rapport au nom de la commission d’enquête, 313/7-95/96, S. 262) erzählt: „En janvier 1987, le ‚Grand Château‘ d‘Ansembourg fut acheté directement par la maison-mère de Sûkyô Mahikari au Japon“.

Der japanische Generalmajor a.D. Yoshikazu Okada (1901-1974) hatte nach einem Fiebertraum 1959 Sûkyô Mahikari gegründet und sich selbst Kōtama („Lichtkugel“) Okada genannt. Okada stammte aus einer wohlhabenden Offiziersfamilie und gehörte der kaiserlichen Garde an. Ein Jahrzehnt nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg, nachdem der Kaiser nicht mehr als Gottheit verehrt werden durfte und die Staatsreligion abgewirtschaftet hatte, trug Okadas Bewegung auch revanchistische Züge. Sie soll laut Zeugenaussagen vor dem Ermittlungsausschuss des belgischen Parlaments anfänglich den Gruß mit ausgestrecktem Arm und Hakenkreuze (S. 353) benutzt, aber rasch darauf verzichtet haben. Nach Okadas Tod stritten seine Erben jahrelang vor Gericht über seine Nachfolge.

Die Bewegung wirbt mit schintoistischen, buddhistischen und christlichen Versatzstücken für die Ansicht, dass ein Gott die Welt und die Menschheit als deren Krönung erschaffen habe, und dass es neben der materiellen Existenz eine astrale und eine göttliche gebe. Im Laufe des 21. Jahrhunderts soll Gott die Welt mit Feuer reinigen, bis sie von den auserwählten ­Mahikari-Anhängern regiert werde.

Bis dahin veranstalten die Mahikari-Anhänger Sitzungen, in denen die Gläubigen das Licht der Wahrheit (japanisch: „Mahikari“) und geheime Amulette weitergereicht bekommen. Mittels Handauflegens soll das göttliche Licht sogar Krebskranke heilen. Mit Blick auf das Strafgesetz schließt die Sûkyô Mahikari G.D. de Luxembourg a.s.b.l. aber in Artikel zwei ihrer Satzung Wunderheilungen ausdrücklich aus.

Wie Mahikari-Sprecher Lefebre den belgischen Abgeordneten erklärte, „il fut décidé de créer une société anonyme distincte, L.H. Yoko­shuppan Europe SA (devenue L.H. Europe SA), pour l’organisation matérielle du mouvement (ges­tion des bâtiments, publications, conférences,...). Le capital social, fixé au départ à 1,5 million de francs, est passé aujourd’hui à 3,5  mil­lions de francs. Cette société, dont le siège social se trouve au château d’Ansembourg, est sous le contrôle de Sûkyô Mahikari” (S. 263).

Der Ende März 2007 verstorbene Gaston de Marchant, Graf aus dem Geschlecht der Schmelzherren und Großgrundbesitzer von Ansemburg, war Mitbegründer und bis 1998 geschäftsführendes Verwaltungsratsmitglied der im Oktober 1986 gegründeten, L.H. Yoko Shuppan Europe S.A. Ihr Gesellschaftszweck ist laut Artikel vier der Statuten die Verbreitung von Schriften, die Veranstaltung von Seminaren und Begegnungen „avec ou sans restauration“, der Verkauf von Kultgegenständen, die Erziehung oder „toute autre activité pouvant servir à l’expansion de MAHIKARI dans le monde“.

Graf Gaston de Marchant äußerte sich zeitlebens nie öffentlich zu seiner Mitgliedschaft bei Sûkyô Mahikari. Der Ermittlungsausschuss des belgischen Parlaments schätzte, dass „le profil des membres recrutés soit celui de personnes précarisées, ayant rencontré des problèmes sentimentaux ou autres. Ce sont apparemment souvent des personnes aisées sur le plan financier“ (S. 356).

Als Grund für den Verkauf des Schlosses nannte der Mahikari-Vertreter Lefebre dem Ermittlungsausschuss des belgische Parlaments, dass „le comte d’Ansembourg, membre du mouvement, n’était plus en mesure d’en assurer l’entretien“ (S. 262). Der Kurator einer Ausstellung zu Ehren des Grafen, Marc Schoellen, schrieb in einem Leserbrief, dass „l’État luxembourgeois s’est vu offrir le nouveau château pendant un quart de siècle et qu’il en a décliné l’offre malgré un prix honnête“ (d’Land, 27.5.2005).

Anfang der Achtzigerjahre sollte eine Gesellschaft Grand Château d’Ansembourg s.a. ein Luxushotel mit Golfclub in dem Schloss einrichten. Der Preis des Schlosses war dabei auf 50 Millio­nen Franken veranschlagt worden, Mahikari bezahlte laut Erkenntnissen des belgischen Ermittlungsausschusses schließlich 39 Millionen Franken (S. 149). Als 20 Jahre später der im alten Schloss oberhalb des Dorfes wohnende Graf mit Mahikari über den Verkauf weiterer Immobilien handelseinig wurde, hatten sich im Februar 2007 elf Bürgermeister des Kantons Mersch hilfesuchend an Kulturministerin Octavie Modert (CSV) gewandt, um das Geschäft zu verhindern.

Der damalige Schatzmeister und Sprecher von Mahikari in Belgien, De Groeve, wies die belgische Abgeordneten darauf hin, dass „les jardins ont été restaurés grâce à des subsides octroyés par la Commission européenne, ce projet ayant été sélectionné comme projet pilote de conservation du patrimoine architectural européen. Les frais liés à l’achat du terrain et des bâtiments, ainsi qu’à leur restauration ont été supportés par la maison-mère“ (S. 262).

„À partir de 1987“, so Lefebre, „les activités régionales pour l’Europe et l’Afrique se concentrent de plus en plus à Ansembourg [...], le 11 juillet 1996, l’association internationale belge est mise en liquidation et les actifs et passifs sont transférés à la nouvelle ‚Association international Sûkyô Mahikari A.S.B.L.’, fondée à Ansembourg le 9 juillet 1996, selon le droit luxembourgeois“.

In dem Sektenbericht des belgischen Parlaments wird Sûkyô Mahikari vorgeworfen, ihre gutgläubige Gefolgschaft auszunutzen, ihr neben Mitgliedsbeiträgen größere Opfergaben, Spenden von etwa zehn Prozent ihres Einkommens oder unentgeltliche Arbeit abzuverlangen. Mit autoritären und manipulativen Mitteln würden sie ihren Familien und ihrem gesellschaftlichen Umfeld entfremdet. Durch den Verzicht auf medizinische Behandlung zugunsten des Handauflegens brächten sie ihre Gesundheit in Gefahr. „Selon un témoin, il s’agirait d’une des organisations sectaires les plus dangereuses dans notre pays“ (S. 353). „Selon deux témoins, les objectifs de Sûkyô Mahikari sont l’attrait de l’argent et une volonté expansionniste“ (S. 354).

„Un témoin affirme que les dirigeants de Sûkyô Mahikari tirent des bénéfices financiers importants de toutes ces opérations. L’installation du centre continental pour l’Europe et l’Afrique au Grand-Duché de Luxembourg, place financière importante, ne serait à cet égard pas un hasard. Selon un témoin, les investissements réalisés au Grand-Duché ont été réalisés avec les ‚dons‘ des adeptes“ (S. 357).

Während hierzulande die Geschäfte in den letzten Jahren langsamer liefen, expandierte die Ansemburger Zentrale für Europa und Afruka in einem Dutzend afrikanischer Länder. Am Ende des Geschäftsjahrs 2017 wies die Gesellschaft L.H. Europa nach einem Verlust von 26 585,25 Euro einen übertragenen Gewinn von 307 733,21 Euro und Rücklagen von 31 050,00 Euro aus; sie beschäftigte drei Angestellte.

Als Sûkyô Mahikari 1987 das Schloss erwarb, stellte der damalige Kulturminister Robert Krieps (LSAP) die Gebäude und die Gärten durch Regierungsbeschluss vom März 1988 unter Denkmalschutz. Seither legitimierte das Ministerium immer wieder Veranstaltungen von Mahikari in Ansemburg mit seiner Schirmherrschaft. Das ist offenbar eine Erkenntlichkeit für die Zusammenarbeit von Mahikari mit dem staatlichen Denkmalschutzdienst.

Denn ob LSAP-, CSV-, DP oder grüne Kulturminister, Trennung von Kirche und Staat hin oder her, ihr Kulturverständnis zielt stets darauf ab, zum Preis der Kompromittierung die Zerstörung der Steine zu verhindern. Als ob es nicht zuerst die Pflicht eines Kulturministers oder einer Kulturministerin sein müsste, gegen die laut György Lukács vom Irrationalismus ausgelöste Zerstörung der Vernunft zu kämpfen.

Romain Hilgert
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