Luxemburgensia

About Schmit

d'Lëtzebuerger Land du 15.11.2013

Renée Wageners politische Biographie Méi Sozialismus erzählt einiges, was Sie vielleicht nie über Lydie Schmit wissen wollten – die Lektüre lohnt sich trotzdem. „Es geht nicht um eine Hagiographie“, verspricht der LSAP-Politiker und Historiker Ben Fayot im Vorwort, und das über drei Jahre im Auftrag der Fondation Lydie Schmit entstandene Buch hält dieses Versprechen über weite Strecken. Spannend ist aber weniger die Person Lydie Schmit, als der Kontext, in dem sich ihre politische Karriere abspielt. Zum ersten Mal wird hier die sozial-liberale Koalition mit den Methoden und der Distanz der historischen Forschung aufgearbeitet.

Das Buch erscheint zu einem Zeitpunkt, da die Medien verzweifelt Parallelen zwischen der Regierung Thorn-Berg-Vouel und der bevorstehenden „Gambia“-Regierung zu ziehen versuchen. Im gleichen Moment treten die letzten Achtundsechziger-LSAP-Weggefährten in den Ruhestand; Ben Fayot (geb. 1937), André Hoffmann (1941), Robert Goebbels (1944) und Jean Huss (1947) sind alle dabei, die politische Bühne zu verlassen. Einzig Astrid Lulling (1929) hält einsam Stellung. Sie war Lydie Schmits verhasste „Zwillingsschwester“. Auch wenn die Biographin der Kindheit und frühen Jugend Lydie Schmits leider nur zwei knappe Seiten einräumt, so sind die Parallelen doch kaum zu übersehen: Beide waren Arbeiterkinder, kamen aus Schifflingen, gingen zur Uni, wurden Mitglied der LSAP, blieben unverheiratet, und beiden gelang die politische Karriere im männerdominierten Nachkriegs-Luxemburg.

Was sie unterschied, war ihr Verhältnis zur Politik. Denn obwohl Schmit vier Jahre nach ihrem Eintritt in die LSAP zur Parteipräsidentin katapultiert wird (Tilly Jung spricht von einem „Rucki-zucki-Aufstieg“), zeigt sie nur wenig Interesse an der politischen Praxis. Zeitlebens blieb sie in der moralischen Geste gefangen. Nach sechs Jahren als Parteipräsidentin und einem „seltsam passiv und unbeteiligten“ Intermezzo im Parlament flieht Schmit in die Welt der internationalen Kongresse der sozialistische Fraueninternationale und schließlich 1984 in das noch völlig machtlose Europaparlament. Das von Renée Wagener geführte Interview mit Robert Goebbels ist ernüchternd: „Am politeschen Dagesgeschäft war hatt relativ wéineg aktiv, et war éischter fir déi grouss Prinzipien zoustänneg“, sagt der frühere Parteichef.

In der Tat ist Schmits Position in den LSAP-internen Flügelkämpfen meist nur schwer auszumachen (Renée Wagener schreibt von „Blackouts“), den parlamentarischen Alltag empfand sie als Zumutung („on lit des paragraphes de lois rédigées dans un jargon inintelligible“), da kam Strasburg gelegen: „Besonnesch d’Europa-Parlament vun deemols, an deem vu méindes bis fréides (...) Resolutioune gemaach si ginn iwwer iergendwelch Verstéiss géint Menscherechter  iergendwou op der Welt“, meint Goebbels. Lydie Schmit selbst wird später schreiben: „Politik darf sich nicht erschöpfen im Nur-Machbaren. Politik muss auch permanent den großen, ideellen Vorausblick beschwören.“ Renée Wagener projiziert in die Person Schmits das ewige Dilemma „zwischen Anspruch und Machbarkeit“.

„In Lydie Schmits Leben erscheint Politik wie ein gelebtes Glaubensbekenntnis“, meint Wagener über die katholisch geprägte Schmit und tappt beim  Schreiben stellenweise selbst in die Falle des Pathos. So irritiert das Buch durch die vielen Adjektive und vage Umschreibungen: „selbstbewusste Pionierin“, „ein Leben für die gerechte Sache“, „ein Suchen nach der guten Sache (...) und nach dem Weg, eine bessere Gesellschaft zu schaffen“.

Dennoch hat Wagener keine Hagiographie verfasst, sie spart nichts aus: weder Schmits symbiotische Bindung zu der sehr dominanten Mutter, noch ihre multiplen politischen „Entsagungsszenarien“. Größtes Manko des Buches bleibt aber dessen wenig eleganter Aufbau; Wagener geht chronologisch-thematisch vor, und der Leser springt von feministischen Unterorganisationen der LSAP zu einer Detailbeschreibung der Niederungen Schifflinger Lokalpolitik zurück auf das nationale Parkett und schließlich ins EU-Parlament. Der narrative Aufbau der Biographie wird ebenso dürftig problematisiert, wie die Hintergründe der Ereignisse selber. Das Verhältnis zur Gewerkschaft, zum Koalitionspartner oder zu anderen Parteien werden nur am Rande erwähnt, abgehakt werden die Stahlkrise und die Einführung des „Luxemburger Sozialmodells“  (Letzteres in knapp vier Zeilen). Mehr Konzept und mehr Kontext hätten dem Buch gut getan. Wagener liefert sie, jedoch zu spät und zu spärlich in einer Synthese am Ende des Buches.
Richtig spannend wird die Lektüre im Kapitel über die innerparteilichen Dynamiken der LSAP der 1970-er und die sozial-liberale Koalition. Schnell wird klar: Der Vergleich mit Gambia hinkt. Denn Mitte der 70-er Jahre erlebte die Luxemburger Gesellschaft einen verspäteten Linksruck, es herrschte allgemeine Aufbruchsstimmung und die LSAP konnte diese für sich verbuchen, indem sie die sozialen Bewegungen (Feminismus, anti-autoritäre Pädagogik) zum Teil vereinnahmte. Nach dem Abgang der antikommunistischen Fraktion um Lulling und Cravatte, verankert das Wormeldinger Programm die LSAP in einer marxistischen Rhetorik. Die LSAP will unter anderem „die demokratische Mitbestimmung über Produktion und Verwaltung“ erstreiten, und Jeannot Krecké fordert auf Kongressen die Verstaatlichung der Arbed. Die Regierungsbeteiligung lähmte diese Dynamik. In den Beziehungen zwischen Parteibasis, Fraktion und Regierung hatte die Parteileitung um Lydie Schmit das Nachsehen. Sie musste vermitteln und klagte über ein ständiges Informationsdefizit gegenüber den Genossen an den Schalthebeln der Macht. Die Fäden liefen beim Generalsekretär der Fraktion, Robert Goebbels, zusammen; eine schwache Parteipräsidentin kam diesem Arrangement gelegen.

Wagener stellt fest: „Je mehr die Koalition fortschreitet, umso stärker spürt man, dass Offenheit und Diskussionskultur wieder in Frage gestellt werden.“ Trotzdem bietet die Koalition reichlich Stoff für parteiinternen Zwist: Abschaffung des Geheimdienstes, Moratorium für den Bau des geplanten Atommeilers in Remerschen, integrative Gesamtschule, Abtreibungsreform, Austritt aus der Nato. Und die Jusos – damals noch unverfrorener – fragten, „inwiefern das kapitalistische System sozialistischen Parteien die Möglichkeiten bietet, Strukturreformen durchzusetzen“. Doch die Thorn-Vouel-Regierung, „die ausgezogen ist, um die Gesellschaft zu verbessern, muss diese zuerst vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch retten“, wie Ben Fayot 1989 schreibt. Renée Wagener nach ist die Bilanz für die LSAP am Ende eine negative: Die Partei „erlebt eine zunehmende Abwendung linker Kräfte“, auch wenn dies wegen dem „eher leisen Abgang“ nicht gleich wahrgenommen wird.

Lydie Schmits „Positionen glichen gegen Ende ihres Lebens immer stärker jenen der linken und alternativen Strömungen jenseits der Sozialdemokratie“, schreibt Renée Wagener. Die sozialen Bewegungen der 80-er finden abseits der Sozialdemokratie statt. Sie „dockten anderswo an“ schreibt Wagener am Ende ihres Buches mit Verweis auf die Grünen. Hier fängt die noch ungeschriebene politische Biographie Renée Wageners und ihrer Generation an.

Renée Wagener: „Méi Sozialismus!“ – Lydie Schmit und die LSAP, 1970-1988 – Eine politische Biografie; Fondation Lydie Schmit, Luxemburg, 2013; ISBN: 978-2-919908-07-3; 288 Seiten.
Bernard Thomas
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