Die kleine Zeitzeugin

Die Fouer, ein immaterielles Erbe

d'Lëtzebuerger Land vom 30.08.2019

Erben, wow, wer wäre diesem Tuwort nicht zugetan? Ein Tuwort, bei dem man nichts tun muss, nicht mal sterben, das muss jemand anderes. Das ist der Deal. Und schon ist man – Abrakadabra Zauberstab – im Besitz von Besitztümern. Plötzlich strömt Kohle aufs Konto und das Leben wird erstaunlich lebenswert.

Aber immateriell – Huch – erben?! Kulturell – Schreck – auch noch? Vielleicht besser vererben, sicher haben die meisten von uns immateriell Wertvolles zu bieten. „Eine kulturelle Ausdrucksform, von Generation zu Generation weitergegeben und stetig neu erschaffen“, erklärt Wikipedia den rätselhaften Begriff. Anfassen kann man diese Ausdrucksform nicht, wie gutes Gold oder Geld. Aber leider können nur Staaten sich bewerben.

Und wenn die Immaterielles-Kulturgut-Jury diese Kultur als würdiges Erbgut befindet, wird sie abgesegnet im Immaterielles-Kulturgut-Katalog. Es gibt natürlich auch materielle Kulturgüter, solche, die nicht weglaufen. Unsere Festung ist so ein Fall. Und Willibrord-City. Wohingegen die Playmobil-Burg von Vianden durchfiel. Ein immaterielles Kulturgut haben wir aber auch schon, das berühmte Zeugnis einer schweren Zwangsneurose, schon wieder das echt irre Echternach.

Der Piratenpartei, selber schon ein museales Kulturgut in Europa – abgesehen vom Land, in dem die Moldau und reichlich Bier fließen, schippert sie nur noch in der Heimat von Our und Gander und reichlich Bier herum –, reicht das nicht. Ihr Vorsitzender will noch mehr Kultur vererben. Wir sind ja auch wirklich schändlich unterrepräsentiert. Weder Oh freck! hat es bisher in die Top-Liga geschafft, noch Oh Mamm, léif Mamm. Weder die Kreation von Ierbessebulli noch die von Nonnefaschten. Wo andere Länder sich fades Fladenbrotbacken patentieren lassen. Oder profanes Trockenmauern von Trockenmauern. Dabei hat Luxemburg ganze Landstriche zubetoniert, doch niemand würdigt das. Während Costa Rica für das Anmalen von Ochsenkarren gewürdigt wird und Usbekistan anscheinend sehr witzkulturell ist. Und in Venezuela, Potzteufel!, tausend Teufel zu Fronleichnam tanzen. Mexiko, drei Mal raten, macht es sich einfach und lässt seine Toten im Totenzirkus auftreten.

Die Pirat_innen, Gott segne sie, fragen also nach, wie weit der Vorstoß gediehen ist, die Schueberfouer endlich international als Kulturerbe anzuerkennen. Jaa! Was, wenn nicht die Fouer, Identitäts-Branding ganzer Degenerationen? Das erste Mal Karussell, das erste Mal Achterbahn, das erste Mal Petting, auch ein wichtiges Kulturerbe, auf der Achterbahn. Und immer gibt es neue, topaktuelle Foltermodelle. Das stets sich Verändernde ist ein wichtiges Merkmal eines immateriellen Kulturerbes.

Wir können nicht nur Festung, sondern auch Fest! Den Alten wird ganz kindisch, kindisch tappen sie durch die infernalische Kulisse, vom Herzbeat behämmert und belämmert. Ist das Apo-Calypso noch da, auf dem man einst durchdrehte? Der Zylinder, an dessen sich immer wilder drehender Wand man wonniglich klebte, während der Boden unter den Füßen versank? Angewandte Physik war das. Ewig kleben unter heiserem Rullirulli-Geschrei, gratis auch noch, zahlen mussten nur die Voyeur_innen der wolllüstig Verrenkten.

Seit 1340 geht das so, 679 Mal haben wir das schon absolviert. Das raunen wir dem Auslandsgast zu. Johann der Blinde! Was von vagabundierenden Gebeinen, durch die halbe Welt, halbes Jahrtausend, bis sie heimkamen. Heim in die Krypta. Wird einer so heimelig beim Erzählen, Auslandsgast versteht Nüsse, ist ein bisschen laut hier. Gebrannte Nüsse!, schreien wir. Eiserne Kuchen!

Während wir zwischen Backfischen herum stolpern. Es gibt gebackene Fische!, schreien wir dem Auslandsgast zu. Unbedingt! In Luxemburg marschieren nur die Hammel!, schreien wir dem Auslandsgast ins Ohr. Dann ziehen wir ihn in den Stall.

Und hier lassen wir die Säue raus! Nachhaltig. Das wird die Fouer jetzt nämlich auch. Zumindest nimmt sie sich das vor. Nicht nur der Kater soll nachhaltig sein.

Ein weiterer Pluspunkt für unsere Bewerbung bei der Unesco.

Michèle Thoma
© 2019 d’Lëtzebuerger Land