Sekundarschulreform

Die Schule muss es richten

d'Lëtzebuerger Land du 22.01.2016

Seine Reform der Sekundarstufe werde die Unzulänglichkeiten und Lücken der Vorlage seiner Vorgängerin beheben, wollte Erziehungsminister Claude Meisch am Mittwoch glauben machen. Ob ihm das wirklich gelingt, oder ob der DP-Politiker Vorwände suchte, um den umstrittenen Vorschlag von Mady Delvaux irgendwann zurückzuziehen, konnten die Journalisten nicht beurteilen: Seinen Gegenentwurf hatte Meisch nicht mitgebracht und die sechsseitige Pressemitteilung ließ viele Fragen offen. Auch der Bildungsausschuss im Parlament tappt noch im Dunkeln, Claude Meisch will die Eckpunkte der Reform dort Mitte oder Ende Februar vorstellen.

Bis dahin sollte der Minister aber eine Schippe drauflegen, denn am Mittwoch präsentierte er viel Bekanntes: Die Sekundarschulen sollen mehr Autonomie bekommen, bei der Personalauswahl, bei den Finanzen und in pädagogischen Fragen sowie Fragen zur Schulentwicklung. Ohne freilich konkrete Zusagen zu machen, werden ihnen dafür Ressourcen, Weiterbildung und Beratung zugesagt. Dahinter steht die Auffassung, dass mit mehr Entscheidungsspielraum und Entfaltungsmöglichkeiten für die Schulen mehr Innovation, stärker differenzierte Lernangebote und so mehr Qualität für eine vielfältige Schülerschar kommen.

Das klingt plausibel: Wenn Schulen selbst bestimmen können, wie sie ihr Personal, ihre Energie und Ressourcen einsetzen können, sind sie motivierter, können sich spezialisieren und – so die Hoffnung – besser auf ihre Klientel eingehen. Leider verriet Meisch aber nicht, wie er sicherstellen will, dass Schüler auch nach seiner Reform dieselben Bildungschancen haben. Wenn Lyzeen ihr Profil definieren, Sektionen und Lehrpläne selbst bestimmen und zugleich Schüler auswählen, wie bleibt garantiert, dass ein Diplom überall im Land den gleichen Wert hat – und jeder Schüler dieselbe Chance auf Bildung? Nur Lernziele vorzugeben, wie der Minister angekündigt hat, wird nicht reichen. Die Schulen müssen unbedingt Rechenschaft darüber ablegen, dass sie die Ziele umsetzen. Doch zu Reizwörtern wie Inspektion oder Qualitätskontrolle verliert Meisch kein Wort. Beides fehlt hierzulande.

Überhaupt lesen sich seine Vorschläge bisher so, als gehe es Meisch in erster Linie darum, erst einmal keine Seite zu verschrecken und heikle Klippen zu umschiffen. Es klingt, als sehe er keinen großen Reformbedarf mehr: Die Innovation sei in den Schulen angekommen, die Lyzeen dem alten Reformtext teils „ein, zwei Schritte voraus“, lobte Meisch, der in diesem Monat mit seiner Tour durch die Lyzeen begonnen hat. Was er sah, hat ihn so beeindruckt, dass er das umstrittene Tutorat nicht mehr vorschreiben will: Viele Schulen böten es ohnehin an. Bloß: Wenn das Tutorat nicht bindend ist, wie wird gewährleistet, dass ein Schüler im Norden genauso gut und individuell betreut wie im Zentrum oder im Süden? Schon jetzt sind Leistungsunterschiede zwischen den Schulen in den Regionen enorm, bekommen Schüler aus dem Norden viel seltener eine Empfehlung fürs Classique als im Zentrum. Gar nicht zu reden von den Unterschieden zwischen Arbeiter-/Einwandererkindern und Kindern aus besser gestellten Elternhäusern. Nur auf eine bessere Remédiation zu bauen oder auf Kompetenzzentren, reicht nicht, um der strukturellen Bildungsungerechtigkeit beizukommen.

Auch zur Sprachenproblematik äußerte sich der Minister nur vage (in der Pressemitteilung steht dazu: nichts), so dass niemand Anstoß nehmen kann: Die Sprach­anforderungen sollen nicht heruntergeschraubt werden, dagegen waren vor allem ­Classique-Lehrer Sturm gelaufen. Schüler mit Sprachschwierigkeiten sollen unterstützt und Antworten im Rahmen des Unterrichts gefunden werden. Anders ausgedrückt: Die Schulen müssen es richten und das meiste bleibt wie gehabt.

Ines Kurschat
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