Minetti

Warten auf Flensburg

d'Lëtzebuerger Land vom 09.11.2006

Mit jenem Silvesterschneesturm in Ostende schneit auch "ein komischer Herr" in das Hotel herein, in dem eine Frau mit Affenmaske sich eben alleine mit Champagner betrinkt (Christine Reinhold) und ein "stummer Diener" mit Faschingshütchen gelangweilt herumsteht (Jean-Paul Maes, mit Haaren). Vor genau 32 Jahren war der "komische Herr" zuletzt hier gewesen – er liebt Ost­ende und die Nordsee überhaupt –, hatte damals sogar den Maler James Ensor in der Hotelbar getroffen. Der "komische Herr" ist Bernhard Minetti (1905-1998), einer der großen Charakterköpfe der deutschen Bühnen des 20. Jahrhunderts, "der König der Theaterkunst", wie ihn Regisseur Claus Peymann bei seinem Tod nannte. Minetti war der Inbegriff des Schauspielers schlechthin, hatte alle großen Rollen der Klassik ge­spielt, er war der einzige Schauspieler, der in den Augen des österreichischen Autors Thomas Bernhard Gnade fand. Bernhard bewunderte ihn dermaßen, dass er Minetti 1977 ein gleichnamiges Stück auf den Leib schrieb. Der Schauspieler spielte den Stoff unter der Regie von Claus Peymann – auch wenn der Mensch und die Kunstfigur kaum etwas verbindet –, 30 Jahre später erweist ein anderer Theatermann einem Schauspieler die Ehre: Claude Mangen inszeniert Pol Greisch in der Rolle des Minetti. Ein Unterfangen, das sich als nicht ganz unproblematisch erweist. Einerseits haftet der Hommage an einen großen alten Mann immer etwas Makabres, der bittere Geschmack der Abschiedstränen an. Andrerseits fehlt dem ruhigen, ausgeglichenen, ja manchmal durchaus resignierten Pol Greisch das Dämonenhafte, die Rage des Schauspieles Minetti – und besonders der gleichnamigen Bühnenfigur. Der Minetti des Stückes hat seit über 30 Jahren nicht mehr gespielt, da ihm in Lübeck vorgeworfen worden war, sich "der Klassik verweigert" zu haben. Er wurde geschasst und zog sich in eine Dachwohnung bei seiner Schwester in Dinkelsbühl zurück, wo er ganz alleine Shakespeares Lear spielte, seine Traumrolle, das einzige Stück der Klassik das er je spielen wollte. Komplett verarmt, vereinsamt und verbittert sieht Minetti eine letzte Chance einer Bühnenrückkehr in Flensburg, mit dessen Schauspieldirektor er sich ihn Ostende verabredet hat. Zur Zweihundertjahrfeier des Flensburger Schauspielhauses soll Minetti dort den Lear spielen – mit der Maske, die ihm James Ensor persönlich vor 30 Jahren gefertigt hat, und die er seither wie seinen Augapfel hütet und permanent mit sich herumschleppt. Bernhards Minetti ist ein langer Monolog – die anderen Figuren stehen bloß stumm herum und hören zu –, in dem der Menschenfeind Bernhard lange Hasstiraden auf das Theatermilieu und sein Publikum abschießen kann. Wie: "Die Welt will unterhalten werden, aber sie gehört verstört", "Das Leben ist eine Posse, die der Intelligente Existenz nennt", "Der größte Feind des Schauspielers ist das Publikum" oder "Der Künstler ist erst der echte Künstler, wenn er durchaus wahnsinnig ist." Obwohl der Monolog nur knappe 90 Minuten dauert, wird er auf die Dauer langweilig, ist die Geschichte um die Provinzialität des viel zu kleinen Dinkelsbühl für ein Genie wie Minetti, etwas dünn, um die Spannung aufrecht zu halten. Claude Mangen, der vor drei Jahren Pol Greisch in dessen eigener Tschechow-Übersetzung (Kiischtebléien) am Kapuzinertheater inszeniert hatte, begegnet dem Bernhard-Stoff hier mir einem erstaunlichen Respekt, verleiht dem Umgang mit dem theaterimmanenten Stoff eine fast religiöse Gegenstandslosigkeit. Ist es die Stille (keine Musik, kaum Geräusche außer den des Windes...), die Schwierigkeit des Textes, das Thema des Scheiterns am Theater oder die Aura der großen Meister Bernhard – Minetti – Greisch, auf jeden Fall fehlt es dem Stück an Körper, Geist und Seele. Dabei ist alles allzu Menschliche sonst Mangens große Stärke. Für seine Schauspielleistung wurde besonders Pol Greisch am Premierenabend tosender Applaus und sogar eine Standing Ovation zuteil. Verdienterweise.

Minetti, von Thomas Bernhard, in der Inszenierung von Claude Mangen, mit Pol Greisch, Christine Reinhold, Jean-Paul Maes und Julie Conrad; Bühne und Kostüme: Dagmar Weitze, Produktion: Theater der Stadt Luxemburg; im Kapuzinertheater; weiter Aufführungen am 11., 14., 18. und 23. November um 20 Uhr sowie am 17. November um 18.30 Uhr. Reservierungen unter www.luxembourgticket.lu oder über Telefon: 47 08 95-1.

 

josée hansen
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