Minna von Barnhelm

Das Gespenst der Ehre

d'Lëtzebuerger Land vom 17.11.2005

"Wer kann in den verzweifelten großen Städten schlafen?" Lessing ist wieder in der Stadt. Mit seiner alten Dame des Lustspiels, der Minna von Barnhelm, die nunmehr 240 Jahre auf dem Buckel hat. Was kann er uns noch lehren, der alte Lessing mit seinem Lehrstück des fröhlichen Dramas? Was erzählt uns die Dame Minna im neuen Gewand? Über den Autor Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) gäbe es vieles zu berichten, auch die Entstehungsgeschichte der Minna von Barnhelm bietet interessanten geschichtlichen Stoff: das Stück, 1767 fertiggestellt, kam zwar mit dem Deckmäntelchen des Lustspiels daher, doch barg es Lessings kritische Haltung zum Krieg und zur damaligen Obrigkeit. In Preußen war das Werk jahrelang offiziell von den Bühnen verbannt, gleichwohl war seine Erfolgsgeschichte in deutschsprachigen Landen nie aufzuhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte es, neben Kleists Zerbrochenem Krug, Goethes Faust oder Schillers Kabale und Liebe, schnell zu den Publikumsmagneten der deutschen Theaterbühnen. Und das bis heute. Gerade in den letzten Jahren nahmen sich wieder zeitgenössische Intendanten dem klassischen Stoff an. Mit Erfolg, wie es scheint – was wohl auch einer wachsenden Nachfrage des Publikums nach behutsam modernisierten Klassikern entspricht. Der Regisseur muss mit gut informierten Zuschauern rechnen, die das Stück vom "Soldatenglück" mit der entsprechenden Erwartungshaltung aufsuchen. Er kann mit einer originellen Inszenierung dem alten Werk neuen Glanz verleihen. Das Publikum sollte durch gute Schauspieler die bekannte Geschichte neu entdecken dürfen. Und dann vermag er uns heute noch zu verblüffen, der alte Lessing. Die Inszenierung von Frank Hoffmann, die derzeit im TNL gezeigt wird, ist von einer Spritzigkeit, die zu begeistern weiß. Der politische Aspekt des Textes wird in den Hintergrund gestellt, um dem rasanten Reigen der Verwirr- und Intrigenspiele der Protagonisten den Vortritt zu lassen. Mit viel Liebe zum Detail und mit wirklich guten Regieeinfällen wird die Komik des alten Originals herausgearbeitet. Zu Diensten der kontrastreichen Inszenierung steht das Bühnenbild von Ben Willikens – ein Bühnenbild, das zum Besten gehört, was man in den letzten Jahren auf den kleineren Bühnen des Landes sehen konnte. Keine verstaubte Gasthofromantik, keine historische Rekonstruktion. Mit Kugel-, Pfeiler- und Treppenelementen variiert das Bühnenbild innerhalb der fünf Akte als trefflicher Hintergrund für die psychologischen Konflikte der Darsteller. "Räume zum Sprechen bringen, sie abstrakt behandeln und sie dann der Fantasie des Betrachters überlassen", so das erklärte Ziel des Bühnenbildners. Nicht im 18. Jahrhundert angesiedelt, sondern ein Bühnenbild, das durch die Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts reist.  Ebenso bemerkenswert ist die Arbeit von René Nuss. Seine Musik- und Soundeffekte bleiben nicht verstohlen in der Kulisse, sondern setzen Akzente mit Knall und Fall: Die Musikeinlagen sind bittersüß, die Soldatenstiefel knirschen wie alter Gummi, und der Ring wird mit einem märchenhaften Klirren ins Geschehen eingebracht. Es bleibt ein langes Kapitel, um die Leistung der Schauspieler zu würdigen. Dies ist eine gelungene Kombination der Charaktere: niemand spielt den Kollegen an die Wand, ausgeglichene, überzeugende Bühnenpräsenz einer ganzen Truppe. Auch diejenigen, die die bekannte Mimik von Thierry Van Werveke und Marco Lorenzini nicht mögen, müssen zugeben, dass die beiden Luxemburger selten derart gut in ein Stück und in ihre jeweiligen Rollen passten. Auf ein Neues zu entdecken gibt es das Talent der jungen luxemburgischen Schauspielerin Nora König, der Frank Hoffmann als erster Luxemburger Regisseur kleine Rollen nach ihrer Schauspielausbildung in Deutschland bot. Etwas überzeichnet wirkt David Bennent als nervöser Napoleon-Verschnitt Riccaut de la Marlinière – doch dem Publikum schien sein Spiel zu gefallen. Eine wirkliche Überraschung bietet Georg Luibl in der Rolle des aufdringlichen Hoteliers, der trotz seiner unerträglich kriecherischen Art der Negativfigur viele Facetten, ja sogar Sympathie abgewinnen kann. Zu einem amüsanten Genuss fürs Publikum wird das Stück letztendlich durch das Trio Infernale dieser Inszenierung: Dominique Horwitz als Major von Tellheim, Julia von Sell als Minna von Barnhelm und Stéphanie Gossger, das "Frauenzimmerchen" Franziska. Letztere wirkt einem Boulevard-Stück der Fünfzigerjahre entsprungen. Immer einen Tick zu schrill, zu naiv oder zu plump, so kennt sie doch die feinen Spielchen der klugen Frauen. Julia von Sell verkörpert eine raffinierte Minna, die durch ihr Selbstbewusstsein und ihren zielstrebigen Willen modernen Frauenfiguren in nichts nachsteht. Sie versteht es, die Schale des verhärmten Tellheim zu knacken und ihm ein neues Leben zu eröffnen. Der "Geist der Ehre", der den nach dem Kriege in Unehren verabschiedeten Major beseelt, ist in heutigen Tagen kein nachvollziehbares Leitmotiv für ein Drama – obschon: werden nicht noch heute, im Namen der "Ehre", junge Mädchen ermordet und blutige Kämpfe geführt? Tatsächlich ist Lessing dann erstaunlich aktuell, wenn es um das gar so schwierige Zusammenspiel der Geschlechter geht. Die dargebotene Starrköpfigkeit des Mannes und die intriganten Liebeskämpfe der Frauen, dies wird heute noch alltäglich geboten. In großen Städten und in miefigen Vororten. Und im Fernsehen.

Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück, ein Lustspiel in fünf Akten von G. E. Lessing, Inszenierung von Frank Hoffmann, mit Dominique Horwitz, Julia von Sell, Stéphanie Gossger, Thierry Van Werveke, Marco Lorenzini, Georg Luibl, Nora Koenig und David Bennent. Weitere Vorstellungen im Théâtre National du Luxembourg am 2. und 3. Dezember um 20 Uhr, am 4. Dezember um 16 Uhr sowie am 18., 19., 20. und 21. Januar 2006 jeweils um 20 Uhr. Karten: Billeterie Nationale, Tel. 4708951, oder unter www.luxembourg-ticket.lu

Anne Schroeder
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