Die kleine Zeitzeugin

Hagondange, Resig_Nation

d'Lëtzebuerger Land vom 21.04.2017

Zuerst kam Lothringen. Nach der Grenze, unterwegs ins Ferienland, ins Land des Mittags. Das Land des Mittags war blau wie das Meer und der Himmel. Lothringen, das Land hinter der Grenze, grau unter einem schwefelgelben Wolkendeckenungetüm, das über den Industrieanlagen lungerte. Wenn man das Autofenster öffnete, drang stechendfaulige Luft ins Innere. Vor den schmalbrüstigen Häusern magere Menschen mit Hautfarben, Kinder lugten aus Türspalten. Sehnsüchtig bildet sich das Kind im Auto mit dem L-Schild ein, sie sähen uns sehnsüchtig hinterher. Menschen aus einer anderen Welt, unterwegs in eine andere Welt. Sie blieben neben diesen Teufelswerken, die Feuer und Schwefel in den Himmel spuckten, unter diesem giftgelben Höllenhimmel. Wir fuhren weiter, Verdun, wo der Vater jedes Jahr ins Leere zeigte, Schlachtfelder, Schlachten, Helme auf Gräbern, skelettierte Hände, die aus der Erde ragten. Noch mehr Lothringen, auf der langen Reise ins Licht.

Später spazierte ich auf meiner Weltreise, die in Spanien etwas vorzeitig endete, zu besessen inspizierte ich Hinterhöfe, Graffiti, Festungsgemäuer schon in jener Gegend, die wenig später ein Teil des optimistisch als „Grande Région“ bezeichneten Gebiets werden sollte. In dem die kleinsten Dörfer die längsten und pompöstesten Namen haben, gern mit dem Anhängsel „ville“ versehen . Die Welt war Metz, das unerwartet mystische Metz. Die Welt war Longwy. Der Himmel spie nicht mehr Feuer und Schwefel, Gras wuchs allmählich über die Wunden der Erde. Es schoss aus den Ritzen der Bürgersteige kleiner Orte, desertierter Goldgräberorte. „Fermé“ stand auf ergrauten Schaufenstern.

In der Mitte von Nirgendwo stieß ich auf Kathedralen, zwischen Misthaufen gestrandete Kirchenschiffe, Treffpunkte von Außer- und Überirdischen. Ein Chor von Kühen muhte. In einigen Höfen hatten sich Freunde niedergelassen, das Billigbillig der Jetztzeit hatten ein paar Pionier_innen schon damals mitgekriegt. Obschon es mindestens genau so viel regnete wie im Nachbarland, konnte man inmitten von von modernden Gattern umgebenen Pferchen aufatmen: Es gab wenigstens Unkraut. Es war weit vom sterilen Luxemburg, „menschlicher“ nannte es ein Auswanderer.

Derzeit wird Lothringen entdeckt. In der medialen Berichterstattung hat Nordostfrankreich Hochkonjunktur, europäische Journalist_innen schnuppern Depri-Flair. Es scheint nicht schwer zu sein, es einzufangen. Weltuntergangsstimmungsbilder werden gezeigt, sie passen nicht zur Rotweinromantik der Frankreichfans. Ein düsteres Panorama wird entworfen, taugt es zum düsteren Orakel? Medienvoyeur_innen lassen sich an den Comptoirs übrig gebliebener Cafés du Coin nieder und schauen Langzeitarbeitslosen beim Biertrinken zu, vielleicht fällt ein Kommentarkrümel für sie ab. Ja, es ist beschissen. Nein, es wird nicht besser. Mit wem denn? Wer erinnert sich nicht an Florange, die Kapitulation des Sozialisten Hollande vor dem Kapital?

Besucher_innen lebloser Märkte in Ortskernen ohne Kern werden interviewt. In Grenzgebieten, die zu Schlafstädten von Grenzarbeiter_innen mutierten, privilegierten Bezieher_innen des luxemburgischen Mindestlohns. Jene, die auf luxemburgischen Hassseiten als Heckenfranzosen beschimpft werden, die den Croissant nicht mal in luxemburgisch über die Ladentheke schieben können, nicht hinreichend devot sind und wegen denen das Land im Dauerstau steckt. Sie hören, dass FN-Leute sich in Schweinemastfabriken sehen ließen und in Kuhställen die Seele der Bauern streichelten.

Sie führen Interviews mit einem kommunistischen Bürgermeister, der wohl bald von einem Faschisten abgelöst wird. Nicht wegen dem Hass, wegen der Resignation, lautet der Befund des Bürgermeisters. Sie schauen nach Hayange, wo der FN schon länger das Sagen hat. Was ging dort weiter? Wie versprochen, wurden Katzen sterilisiert, Obdachlose und orientalische Bauchtanzkurse verbannt. Und neuerdings das sehr beliebte, mit einer hochsymbolischen Botschaft befrachtete Schweinefest.

Michèle Thoma
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