CD The Spy von Monophona

Symbiosis

d'Lëtzebuerger Land du 16.11.2012

Eigentlich stammen Claudine Muno und Chook aus unterschiedlichen Musikwelten. Die Sängerin und Gitarristin ist normalerweise mit akustischer Gitarre zu sehen, und das die letzten Jahre meistens zusammen mit den folkigen Luna Boots. Chook hat als DJ und Drum’n Bass-Produzent mit traditionellen Songwriting recht wenig am Hut. The Spy, das Debüt-Album ihres gemeinsamen Projektes Monophona, klingt jedoch, als hätten die beiden Musiker schon immer zusammengearbeitet.
Die ersten Töne der LP offenbaren eine atmosphärisch-melancholische Stimmung, die sich durch alle Songs ziehen wird. Cracks fängt recht düster an, sobald jedoch Drummer Jorsch Kass’ Trip-Hop-Rhythmus und Claudine Munos sanfter Gesang einsetzen, lösen sich die grauen Wolken auf. Ihr markantes Gitarrenspiel schlängelt sich durch den Hintergrund und wechselt sich in den Übergängen des Lieds mit Chooks Beats ab. Let me go ist eines der Stücke, in dem die jeweiligen Stärken der beiden Musiker gut zum Vorschein kommen und trotzdem ein homogenes Ganzes bilden. Claudine Munos introvertierter und träumerischer Songtext, den sie im melodischen Sprechgesang singt, wirkt zerbrechlich und ehrlich. Er wird von Chooks originellen Samples, die an Stellen wie ein intergalaktisches Glockenspiel klingen, untermalt.
In Give up, der ersten Single, greift Claudine Muno wieder zur Gitarre, die Samples treten ein wenig in den Hintergrund. Obschon die Gitarrenmelodien prägnant sind, schaffen sie eine weniger mitreißende Stimmung als in anderen Stücken, in denen Chook stärker experimentiert. Das Stück klingt, wie man sich ein Elektro-Projekt eines Folkmusikers vorstellen würde – was natürlich nicht von vornherein negativ sein muss. Doch neben den wagemutigeren Songs von Monophona ruht Give up zu sehr auf bereits Bewährtem. Das ist aber schnell verziehen, denn es folgt einer der Höhepunkte der Platte. Shades of grey fängt gemächlich an, mit einem Gesang, der sofort zum Ohrwurm wird. Doch nachdem die Melodie im Kopf sitzt, bewahrt Claudine Muno sie bis zum letzten Teil des Songs auf. Chook kompensiert mit einem fetten Synth-Teppich, der an The Knife erinnert und dem Lied ein wenig Kante gibt.
Andere Titel der Platte sind regelrecht tanzbar. So wie Sleep, das mit einer Art Minimal House ausklingt, nachdem Claudine mit viel Delay verrät, dass manche Dinge besser im Schlafzustand sind. Boy ist das kantigste Stück, das wohl Chooks Drum’n Bass Vergangenheit am nächsten kommt. Claudine Muno singt hier von dreckigen Schuhen, die an dreckige Füße angezogen werden, und die ungeschliffenen Synth-Töne passen hervorragend zum düsteren Sound. Ribcages und Humming sind angenehm Down-Tempo-Nummern, die erste atmosphärisch und teils minimalistisch, die zweite warm und sehr persönlich.
The Warrior hebt sich vor allem wegen Claudine Munos Gesang hervor, der dank Sampling und Verzerrung in ihrem Folkrock sonst so nie zu hören ist. Obwohl man klar die Stimme der Sängerin wiedererkennt, zeigen Melodie und Rhythmik, dass Claudine Muno hier neues Terrain beschreitet. Das Resultat klingt umwerfend – und überraschend natürlich. Das Gleiche gilt für das Titelstück The Spy, dessen sehnsüchtiger und hoher Gesang einen nicht mehr loslässt. Die Percussion, die live von Jorsch gespielt wird, treibt das Lied mit Wirbeln voran und wird später von Chooks bombastischen Samples begleitet. Still ist wiederum sehr gitarrenlastig. Das Stück könnte von weniger oberflächlichen Tegan and Sara stammen (die Stimme erinnert an das Duo) und ist außerdem überraschenderweise sehr RnB. Unfold klingt poppig, mit einem weiteren Ohrwurm-verdächtigen Refrain, der wohl sicherlich bald auf kommerziellen Radiostationen zu hören sein wird.
Nach Jahren Erfahrung in einem Genre muss es ein aufregendes Abenteuer sein, sich in eine vollkommen neue Richtung zu wagen. Die Musiker scheinen sich gegenseitig zu inspirieren. Diese verspielte Entdeckung ist hörbar und macht selbst bei den melancholischsten Songs viel Spaß. The Spy ist professionell produziert und originell, mit eingängigen Melodien und deftigen Beats. Die poppigeren Songs überzeugen, doch die Höhepunkte der Platte sind die, in denen Chooks originelles und kantiges Sampling Claudine Munos experimentierfreudiger Stimme begleitet. In diesen Momenten hört man heraus, dass es sich bei Monophona nicht nur um eine Zusammenarbeit dreier ganz unterschiedlicher Musiker handelt, sondern um eine Symbiose. Und diese wird die luxemburgische Musikszene sehr bereichern.

Claire Barthelemy
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