Du bist meine Mutter

Claude Mangen ist zwei

d'Lëtzebuerger Land du 30.11.2000

Die Geschichte ist in einem Satz erzählt. Ein Mann besucht seine pflegebedürftige und demente Mutter im Heim und erlebt dort den immer gleichen stereotypen Ablauf dieser immergleichen, ritualisierten Sonntagsbesuche. Ein Stück für zwei Personen, die sich in- und auswendig kennen und sich eigentlich nichts mehr zu sagen haben. 

So weit - so langweilig. Aber nur auf den ersten Blick. Die Subtilität dieses Stücks liegt im Text, die Faszination der Aufführung am Schauspieler Claude Mangen. Claude Mangen spielt beide Rollen - der Sohn schlüpft in die Haut der Mutter und vegetiert streckenweise nur noch im Text, bis er am Ende des Besuchs wieder aus seinem Kokon schlüpft und zu sich selbst findet.

Claude Mangen brilliert in dieser Doppelrolle. Schlichter kann man es nicht sagen. In den wahrhaft in-tensiven Momenten, in denen das ganze Leid, die ganze Hoffnungslosigkeit der pflegebedürftigen Mutter alles andere - ihre Wehleidigkeit, ihre Koketterie, ihre fordernde An-hänglichkeit - überdeckt, erkennt man ihn kaum wieder, so sehr verwandelt er sich in diese einstmals dominierende, von Selbstsicherheit und Widerspruchsgeist strotzende Frau, die resignierend ihren Verfall hinnehmen muss, aber nicht will.

Mehr noch, er bringt es fertig, gleichzeitig beide Personen zu verkörpern. Da spielt, die eine Hand - zittrig auf dem Oberschenkel verankert - die Mutter, die andere den Sohn, der ihr - mehr im kurz auf-flammenden Triumph denn hilfreich - die Tasse Kakao reicht. Claude Mangen dosiert das spielerische Auftauchen des Sohnes aus seiner reinen Stichwortgeberrolle mit Fingerspitzengefühl und vermittelt so unterschwellig, durch welche Funktionen das Mutter-Sohn-Verhältnis einst geprägt war, und trotz des psychischen wie physischen Verfalls der Mutter noch ist. Aus dem Sohn - einem überzeugten Benutzer der öffentlichen Verkehrsmittel - wird nie ein Held im Verkehr werden, die Mutter wird nie völlig vor der Krankheit kapitulieren, ihren Widerstandsgeist nie verlieren. Christine Reinhold hat durch ihre weise Inszenierung sicherlich wesentlich dazu beigetragen, dass dieser Drahtseilakt zwischen zwei Charakteren gelungen ist. 

Mit diesem  Stück greift der niederländische Schauspieler und Dramatiker Joop Admiraal nur vordergründig jene Probleme auf, die, in einer Zeit der Hightech-Medizin und der greifbaren Möglichkeiten, das Leben bis ins Unendliche zu verlängern, immer mehr Menschen beschäftigen werden. Die Hilfsbedürftigkeit alter Menschen, ihre Abhängigkeit von den Angehörigen, das Regredieren früher energischer Personen, die aufkeimende Lebensunlust, die Frage, ob und wann dieser Verfallsprozess vorzeitig gestoppt werden könnte - all diese Fragen werden angesprochen. Wirklich berühren kann das Stück aber durch die Intensität des engen Mutter-Sohn-Verhältnisses. 

Das schmälert jedoch nicht im geringsten den Verdienst des Kasemattentheaters, ein Stück von solch gesellschaftlicher und sozialer Brisanz auf die Bühne zu bringen, um es auf künstlerische Weise zur Diskussion zu stellen, um so auch ihre menschliche Seite zu zeigen. Vielleicht liegt ja in der Thematisierung solcher Stoffe eine der zukünftigen Stärken dieses Theaters. 

 

Zu sehen ist das Stück noch am 1., 2., 12., 13., 15., 16., 19., 20., und 22. Dezember, jeweils um 20 Uhr. Vorbestellungen unter Tel. 29 12 81

 

Jutta Hopfgartner
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