Now here & nowhere

Mit der Sprache der Sprachlosen

d'Lëtzebuerger Land du 11.10.2007

Der Autor „in residence“. Das klingt nach einem gemütlichen, nach einem gemachtem Bett für den Kulturschaffenden. Nach Zeit und Muße fürs intellektuelle Kopftreiben. Nach einem Sofa zum Überlegen, nach offenen Türen für eine Spezies im Überlebenskampf: den freischaffenden Autor, noch dazu in der Gattung „Theater“. „In residence“ im Théâtre National wird für die Saison 2007/2008 Nico Helminger empfangen. Nach Guy Rewenig im letzten Jahr scheint es logisch, dass die Wahl diesmal auf den emsigen Schriftsteller Helminger fiel. Den beiden freischaffenden Autoren sind verschiedene Themen gemein, eine kritische Auseinandersetzung mit der Luxemburger Gesellschaft, die Einbeziehung der aktuellen politischen und sozialen Problematiken des Landes in ihre Texte. Seit den Siebzigerjahren publizieren beide vornehmlich in Deutsch und Luxemburgisch. Aus seiner Schriftstellerresidenz heraus zeigt Helminger dreimal Helminger in der neuen Saison des TNL: Now here [&] nowhere wird aktuell im Rahmen des Festivals Total Theater in Luxemburg und in der gesamten Großregion aufgeführt. Total viel Helminger erwartet den Fan am 7. März 2008 beim Stückemarkt Texte 5, wo die noch ungespielten Stücke Western blot, Southern blot und Eastern blot integral vorgelesen werden. Abschluss im Helminger-Reigen wird die Aufführung von Seven up [&] some down im Mai 2008 sein. „Ehre, wem Ehre gebührt“, mag man sagen. Schließlich kann man die Luxemburger Autoren, die sich seit Jahrzehnten um Qualität und Authenzität der einheimischen Theaterkultur bemühen,an zwei Händen abzählen (Frage: Wie viele Jahre „Residenz“ benötigt das TNL, um mit allen „Residenz-würdigen“ Luxemburger Autoren durch zu sein?). Guy Rewenig und Nico Helminger gehören zudem zu den ganz wenigen Autoren, die im Lande einem breiteren Publikum bekannt sind. Dieser relativ zu bemessene Bekanntheitsgrad kommt denn auch nur teilweise vom Theater – wer es in Luxemburg zu Autorenehren (und auch zu einem einigermaßen erkläglichen Entgelt) bringen will, schreibt und publiziert so ziemlich alles, was man sich an Geschriebenem ersinnen kann. Das Werk Nico Helmingers zeichnet sich durch die eher ungewöhnliche Zusammenarbeit mit dem Komponisten Camille Kerger aus, aus welcher bis dato vier Kammeropern entstanden sind. Ebenso wie bei Rewenig im letzten Jahr legt der Direktor und eigentliche Regie-Star des TNL Frank Hoffmann bei der Inszenierung des ersten „Residenz“-Stückes mit Hand an. Das nackte Theaterstück mag so gut, oder so schlecht, geschrieben sein wie es eben ist – letztendlich ist der Autor dem Gelingen oder Erliegens der Regiearbeit ausgeliefert. Frank Hoffmann inszeniert mit dem üblichen Hoffmann-Schmackes, während Helminger seine Sprache so serviert, wie es ihm eigen ist. Dies ist dann mitunter ein sehr gelungenes Mahl, aber mit dem Beigeschmack des Abgestandenen, oder eher: des schon Gesehenen. Hoffmann inszeniert mit üppigen Zutaten: Vierzehn Schauspieler bevölkern das effektvolle Bühnenbild von Christoph Rasche. Hinzu kommen die sehr gelungene Musik von René Nuss und originelle Entwürfe der Kostümbildnerin Dagmar Weitze – als Salz in der Suppe sozusagen. Und so wird alles aus dem Helminger-Text herausgekitzelt, was er eben hergibt. Reingesteckt wurde einiges: Dialoge in vier Sprachen, Luxemburger Kultur- und Asylpolitik, der Herr Hirsch und der Blaue Hirsch, Robbie Williams und ein affiger Polizist, Identitätssuche in Zeiten der Großregion-Zeugung. Tolle Zeiten für Sprach-Akrobaten wie Helminger. Die Kraft dieses Autoren ist gleichsam seine Schwäche: seine Sprache. Er schaut den Sprachlosen aufs Maul, er redet mit den Geschwätzigen, mit den nichtssagenden Vielrednern. Und so zieht die Sprache des Nico Helminger an uns vorbei wie die verworrene Rede des „Nowhere“-Kulturministers. Viel Sprache, wenig Inhalt. Wie Luxemburg halt ist.

Now here [&] nowhere oder Den Här Io Ming Pei hätt mueres gär Krewetten von Nico Helminger, in einer Inszenierung von Frank Hoffmann, im TNL noch am 24., 25. und 26. Oktober um 20 Uhr zu sehen; www.tnl.lu. Der Text wurde in der Reihe Amphitheater (n°73) bei Phi verlegt.

 

Anne Schroeder
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