Schweizerische Keuschheit

Schüchlädärchuttläputzätä

d'Lëtzebuerger Land du 21.09.2012

Heute loben wir die schweizerische Keuschheit. Sehr geehrter Zeitungsvertrieb Valora! Dürfen wir Ihnen unsere Mitarbeit anbieten im Kampf gegen die nackte Haut? Alles Nackte war uns schon immer ein Gräuel. Wir begreifen nicht, wieso die menschlichen Wesen bei ihrer Entbindung füdliblutt (splitternackt) ins Dasein schlüpfen. Warum wurde nicht längst die pränatale Bekleidungsindustrie erfunden? Warum erscheint die Kreatur in einer derart obszönen Hülle? Da es sich hier offensichtlich um einen Schöpfungsfehler handelt, einen so genannten Lapsus Dei, können wir Ihre couragierte Schüchlädärchuttläputzätä (Scheuklappenauseinandersetzung) mit der Zeitschrift Spex nur begrüßen.
Ihr lateinischer Firmenname Valora heißt „Werte“, sagt man uns, oder Wertli (wenn Sie es lieber auf Schwyzerdütsch mögen), und es beeindruckt uns, dass Ihre „Werte“ nicht nur kommerzieller Art sind. Natürlich werden jetzt wieder einige Quadratsploderi, Tschumpel und Säuniggel (Blödschwätzer, Dummköpfe und Schweinehunde) schreien: Zensur! Zensur! Das macht uns ganz tuubatänzig (nervös), aber wir sind sicher, werte Valora, dass Sie im Chädärätä (Streit) mit Ihren Widersachern nicht nachgeben.
Spex klingt übrigens genau wie „Sex“. Es ist das gleiche Wort, und die pägguhärige (widerspenstige) Redaktion glaubt wohl, dass sie den Sachverhalt verschleiern kann, wenn sie wasglischwashäsch (blitzschnell) ein kleines p in das schlimme Wort hineinschmuggelt. Uns ist aufgefallen, dass die Spex-Macher dieses kleine p aus ihrem Untertitel „Popkulturmagazin“ heimtückisch herausgetrennt haben. Denn richtig muss es natürlich „Poppkulturmagazin“ heißen. „Poppen“ bedeutet hierzulande – wir wagen es kaum zu schreiben – „buppen“ (Herr, verzeih uns!), obwohl die katholisch-offizielle Bezeichnung lautet: „den Geschlechtsverkehr vollziehen“, oder, da wir ja im Zeitalter der elektronischen Kommunikation leben, „geschlechtlich interaktiv werden“. Sie, verehrte Valora, haben dieser fatalen Poppkultur schtübis und rübis (radikal) den Kampf angesagt. Es wird viel zuviel gepoppt in der gottlosen Welt. Daher finden wir es richtig und wegweisend, dass Sie die letzte Spex-Ausgabe nicht ausliefern.
Uns plagt noch eine ganz andere Sorge, verehrte Valora. Sie hat unmittelbar mit Ihrem Mutterland zu tun. Liebend gern würden wir Ihre schöne Schweiz besuchen, aber das können wir unserer Tochter nicht zumuten. Unser Maltschi (Mädchen) ist ein wahres Finöggeli (zart besaitetes Kind), von Büppi und Pfyfälli (Busen und Mannsglied) will unsere Susi noch gar nichts wissen. Da sie noch nicht säbubeinig (liebesbedürftig) ist, lieber noch auf der Riitigampfi (Kinderschaukel) sitzt und sich schon gar nicht aatäpplä (unnötig betasten) lassen will, halten wir alles Nackte von ihrem Blickfeld fern. Leider ist die Schweiz in dieser Hinsicht ein schlechtes Pflaster. Hinter jeder Straßenbiegung springen einen die Alpen an, diese hoch aufragenden, nackten Brocken, ein ganzes Panorama aus lauter Poppsymbolen. Warum nur ist die Natur bei Ihnen in der Schweiz so schamlos erigiert? Könnten Sie diese horrenden phallischen Gebilde nicht wenigstens notdürftig bekleiden? Das wäre doch ein schöner Auftrag für Ihre leistungsstarke Schweizer Textilindustrie: Nacktalpenverhüllungsmanufakturen. Noch besser wäre, diese gebirgigen Nackedeis einfach wegzuräumen. Die Schweizer haben doch ein ausgesprochenes Talent für Volksbefragungen. Sie, verehrte Valora, sind als Krieger gegen die Verpoppung der Gesellschaft doch wunderbar platziert, um ein entsprechendes Volksbegehr einzufädeln: „Weg mit den nackten Auswüchsen der Natur!“
Wir warten also geduldig auf Ihre bahnbrechende Initiative und bemühen uns in der Zwischenzeit, unsere Susi aus dem Poppteufelskreis herauszuhalten. Wir haben ihr schon erzählt, dass moderne Eltern ihre Kinder gar nicht mehr per Poppen herstellen, sondern einfach im Internet googeln. Auch das Vorbild erzieherisch fortschrittlicher Länder führen wir ihr drastisch vor Augen. Wer dort zum Beispiel zuviel nackte Haut zeigt oder sich traut, Spex zu lesen, der wird in aller Öffentlichkeit mit Peitschenhieben zur Räson gebracht. Wenn er nicht gar bis zum Kinn in der Erde vergraben und anschließend definitiv von seiner Poppsucht befreit, das heißt gesteinigt wird. Das findet Susi ganz gruselig und spielt dann lieber schnell wieder mit ihrer vollbekleideten Titti (Puppe).
Es bleibt viel zu tun, werte Valora. Verbieten Sie einfach alle Zeitungen, die sich aufs Nackte kaprizieren. Damit erleichtern Sie Ihren Mitarbeitern in den Zeitungsläden die Arbeit. Bald wird kein einziges Blatt mehr auf den Ständern zu finden sein, die Verpoppten werden das Nachsehen haben und das gesamte Valora-Personal darf sich meditativen Tätigkeiten widmen. Aber Briefmarken kann man immer noch im Kiosk kaufen. Nackte Monarchen hat die Post noch nie gedruckt. Wir danken herzlichst im Voraus und grüßen hochachtungsvoll! Metti & Irmli Eng-Stirnli, 69 Hannert dem Bësch, Luxemburg.

Guy Rewenig
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