Die Bil soll zum Verkauf stehen

Äddi a Merci?

Banque Internationale à Luxembourg
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 05.05.2017

Ein wenig ist es so, als ob die Immobilienhändler auf der Route d’Esch ihre Schilder eingepflockt hätten, mit der Aufschrift: „À vendre – prix à discuter.“ Denn vielleicht bewirkt die Ende vergangener Woche von der Agentur Bloomberg verbreitete Nachricht, die Banque Internationale à Luxemburg (Bil) stehe für 1,5 Milliarden Dollar zum Verkauf, dass ein paar vorbeifahrende Passanten sich beim Besitzer melden, damit dieser ein bisschen abwägen kann, was die Interessenten zu zahlen bereit wären.

Denn außer diffusen, seit Jahren kreisenden Gerüchten, der Besitzer, in diesem Fall Precision Capital, Luxemburger Investmentgesellschaft der katarischen Herrscherfamilie Al Thani, wolle eventuell verkaufen, gibt es wenig konkrete Anzeichen für tatsächliche Verhandlungen. Zum Beispiel der Einmarsch eines Juristen- und Beraterkommandos, das sich im Datenraum einschließen würde, um die Bücher der Bank unter die Lupe zu nehmen.

Mag sein, dass die Unterhändler der Kataris sehr diskret vorgehen, ihr Statthalter in Luxemburg, George Nasra, zeigte in den vergangenen Jahren kaum Präsenz in der Öffentlichkeit. Mag sein, dass heutzutage nur noch ein digitaler, kein realer Datenraum mehr eingerichtet wird. Doch sogar Bloomberg konnte nur von „preliminary discussions“ berichten und blieb eine Antwort auf die Frage schuldig, wer 2017 eine Bank kaufen würde, dazu noch für eineinhalb Milliarden Euro und an der, kleines Detail, der Luxemburger Staat mit zehn Prozent beteiligt ist.

Denn wegen der anhaltend niedrigen Zinsen im Euroraum sinken die Margen der Banken, deren Gewinne zudem durch die neue Regulierung belastet werden, mit der die EU versucht, die Spirale zwischen öffentlichen und privaten Schulden, also der Rettung von Banken und Staaten, die Banken retten, zu beenden. Auch die Bil erklärte vor einem Monat bei der Bekanntgabe ihrer Ergebnisse, ihr Gewinn für 2016 falle geringer aus, weil die Bank erstmals 11,7 Millionen Euro in den neuen Resolutionsfonds eingezahlt habe.

Auf die europäische Staatsschuldenkrise und auf den Willen der damaligen Regierung, die Bank ohne größeren Einsatz an öffentlichen Mitteln aus dem wankenden Mutterkonzern Dexia herauszulösen, ist zurückzuführen, dass sich die Bil heute zu 90 Prozent im Besitz von Precision Capital befindet. Denn 2011 geriet Dexia, nachdem Frankreich, Belgien und Luxemburg bereits 2008 mit Milliardengarantien eingegriffen hatten, erneut in Schwierigkeiten. Dexia stand besonders unter Druck, weil der Finanzkonzern sich als Geldgeber von lokalen, regionalen und nationalen Verwaltungen auf die Finanzierung öffentlicher Infrastrukturen spezialisiert hatte. Der Konzern brauchte Bargeld und ein Verkauf der Luxemburger Filiale schien eine gute Möglichkeit, kurzfristig welches zu beschaffen, ohne die ganze Struktur aufzulösen. So stimmte der damalige Dexia-CEO Pierre Mariani einem Verkaufspreis von 730 Millionen Euro zu, der in Luxemburg von vielen Beobachtern als zu niedrig betrachtet wurde und für den sie auch Jahre später noch den damaligen Luxemburger Finanzminister Luc Frieden (CSV), heute Verwaltungsratspräsident der Bil, wegen seiner guten Kontakte zum katarischen Herrscherhaus verantwortlich machen.

Dabei übersahen sie großzügig, dass die Bil ohne ihre wichtigen Beteiligungen an Dexia Asset Management und RBC Dexia Investor Services verkauft wurde, die ganz erheblich zu den Gewinnen der Bank beitrugen. Die Entwicklung der Gewinne in den vergangenen Jahren schien ihnen Recht zu geben. Nach einem bescheideneren Gewinn von 30 Millionen Euro 2012 stieg das Ergebnis 2013 auf 113 Millionen Euro, 2014 auf 123 Millionen Euro, 2015 auf 134 Millionen Euro und verbuchte vergangenes Jahr im „schwierigen Umfeld“ einen Gewinn von 110 Millionen Euro. Doch bei genauerem Hinsehen basieren die beeindruckend guten Ergebnisse der vergangenen Jahre oft in erheblichem Maße auf einmaligen Einnahmen. 2013 etwa verbuchte Bil 55 Millionen einmalige Einnahmen durch den „Liability Management Excercice“. 2015 verkaufte die Bank ihre Luxempart-Anteile für 67 Millionen Euro. Und 2016 bilanzierte sie Kapitalgewinne aus dem Investitionsportfolio in Höhe von 39 Millionen Euro.

Nichtsdestotrotz zahlte die Bil ab dem Bilanzjahr 2014 sehr anständige Dividenden an die Aktionäre; 2016 eingeschlossen zahlte die Bank 225 Millionen aus, von denen 202 Millionen den Eigentümerverhältnissen zufolge an die katarischen Investoren gingen. Die haben damit innerhalb von fünf Jahren ein Drittel ihrer ursprünglichen Investition von rund 660 Millionen Euro wieder eingenommen. An diesen Zahlen gemessen erweist sich der Kauf der Bil als weitaus rentablere Investition als die fast gleichzeitig erworbene KBL European Private Bankers, ehemalige Luxemburg-Filiale der belgischen Finanzgruppe KBC, die eigentlich ein Netz verschiedener Privatbanken quer durch Europa ist. Im Juli 2012 wurde der Verkauf von KBL an Precision Capital für 1,0021 Milliarden vollzogen. Seither hat KBL den Jahresberichten zufolge 143 Millionen Euro an Dividenden an den Alleineigentümer Precision Capital ausgezahlt.

Die beiden Banken, mutmaßten Medienvertreter vor sechs Jahren, könnten in der Folge der Übernahme durch Precision Capital fusioniert werden und der soziale Kahlschlag erfolgen. Zu einer Fusion kam es nicht, vielmehr teilten sich die beiden Banken ihre Tätigkeitsgebiete, auch geografisch, ein, KBL: übernahm die Aktivitäten der Bil in Belgien, Bil dafür die der KBL in der Schweiz. Bei der KBL fielen bereits 2012 150 Stellen einem Sozialplan zum Opfer, während sich der Bil-Verwaltungsrat 2012 in seinem strategischen Wachstumsplan „envers l’ensemble du personnel“ engagierte.

Derweil die KBL durch Zukäufe wuchs und als hochwertige Privatbank vermarktet wurde, die, wie Beobachter meinen, als Hauptkunden dem Aktionär dient, ist die Bil nach wie vor eine „Universalbank“ mit weitgefächerten Aktivitäten, mit Schaltergeschäft, Privatkundengeschäft und eigenem Handelsraum. Die Schalterkundschaft bringt Stabilität und Liquidität. Doch Luxemburg ist ein hart umkämpfter Markt, den mancher Bankier als völlig „überbankt“ bezeichnet und in dem die staatliche Sparkasse BCEE den anderen Banken, darunter viele mit direkter oder indirekter staatlicher Beteiligung, die Bedingungen diktiert. Nur die BCEE, sagte Raiffeisen-CEO Guy Hoffmann dem Land vergangenes Jahr, verfüge annährend über die kritische Kundenmasse, um die Investitionen in ein Schalternetz, in Informationstechnologie und Regulierung zu rechtfertigen, die eine Bank tätigen müsse.

Das Schalternetz der Bil ist nicht so groß wie das der BCEE, aber mit 40 Filialen auch nicht klein und die Bank versucht sich als Vorreiterin der digitalen Kommunikation mit den Kunden und Bankgeschäften darzustellen, was früher oder später dazu führen wird, dass weniger Personal am Schalter gebraucht wird. Dabei ist die Informationstechnologie die Achillesferse der Bil. Im Juni 2014 kündigte die Bank gemeinsam mit dem Schweizer Unternehmen Avaloq eine strategische Partnerschaft zum Aufbau eines Business-Process-Outsourcing Zentrums in Luxemburg an, das auch andere Banken bedienen sollte. Kurz davor hatte Bil die Avaloq Business Suite als neue IT-Lösung ausgewählt, um seine eigenen Bankgeschäfte abzuwickeln. Rund 400 Beschäftigte der Bank, hatten IT-Nachrichtendienste damals berichtet, sollten in die neue Struktur wechseln. Das neue IT-System habe einer Investition im dreistelligen Millionenbereich entsprochen, so ein Insider. Doch nur Monate später stoppte Bil in einer Entscheidung, die an die von Qatar Airways stornierten Cargolux-Boeing erinnert, erstens die Pläne für das Joint Venture mit Avaloq und bestellte außerdem deren Business Suite ab. Man werde mit dem alten System weiterarbeiten. Weil die notwendige Modernisierung nicht erfolgte, assoziieren heute manche Branchenkenner mit dem Stichwort Bil spontan „marode IT-Infrstruktur“. Die Bil gab vergangenen Sommer bekannt, nun das Avaloq-Konkurrenzunternehmen Temenos ausgewählt zu haben, um eine neue IT-Plattform zu liefern. Im Jahresbericht 2016 kündigt die Bankleitung „significant investments to upgrade the operating platform, enhance digital capabilities“ an. Genauere Angaben darüber, wie viel „significant“ sei und welche Folgen das für die Gewinne haben werden, sagten sie darin nicht. Doch KBL, die ihre Bilanz fürs vergangene Jahr diese Woche vorstellte, erklärte besipielsweise den spektakulären Rückgang ihres Gewinns von 81,3 auf sechs Millionen Euro mit Sondereinnahmen 2015 einerseits und anderseits mit gewichtigen Investitionen in die IT-Infrastruktur 2016.

Großzügiges Schalternetz, viel Personal, das bereits einmal ausgelagert werden sollte, dann bei der Bank blieb, die nun doch eine externe IT-Lösung kauft – vielleicht käme ein neuer Referenzaktionär da auf die Idee, dass die Bank über zu viel Personal verfüge. Wie also sollte sich der Minderheitsaktionär Staat verhalten, falls es einen Käufer für die Bil geben sollte?

Genau wie Precision Capital hat der Staat durch seine Bil-Beteiligung bisher beachtliche Dividenden kassiert, 22,5 Millionen Euro, dabei hatte er noch nicht mal Schulden aufgenommen, um die Anteile zu kaufen. Anders als bei der BGL BNP Paribas, wo ein Verkauf der staatlichen Beteiligung bisher auch daran scheiterte, dass Luxemburg ebenfalls Aktien des Mutterkonzerns BNP Paribas besitzt, deren Kurs seit Herbst 2008 nur selten ein Niveau erreichte, das es erlaubt hätte, sie ohne Verluste abzustoßen, gibt es eine solche Problemstellung bei der Bil nicht. 2015 bestätigte Finanzminister Pierre Gramegna (DP) in einer Antwort auf parlamentarische Fragen die „intention de vendre à terme dès lors que les conditions seront jugées favorables“.

Sollte die Bil tatsächlich für 1,5 Milliarden Dollar verkauft werden können, was immerhin einer Wertsteigerung von fast 100 Prozent entsprechen würde, würde auch der Staat viel Geld verdienen können, Geld, das er allerdings derzeit nicht dringend braucht. Darüber hinaus, riskiert ein möglicher Verkauf der Bankenbeteiligung politisch unangenehm zu werden, unabhängig davon, wie sich der Staat verhält. Man stelle sich die Vorwürfe der Gewerkschaften Richtung Regierung vor, wenn es innerhalb der Bank zu größeren Personalbewegungen käme und sie hätte kurz vorher ihre Beteiligung versilbert. Man stelle sich die Vorwürfe der Gewerkschaften Richtung Regierung vor, wenn sie einen solchen Umbau als Aktionär absegnen würde...

Michèle Sinner
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