Guggenheim New York

Global artainmant

d'Lëtzebuerger Land du 22.03.2001

"Project is expected to create 2,550 jobs; attract 2-3 million visitors per year; generate $280 million in annual economic activity; and generate $14 million in city tax revenues."

Liest man diese Pressemitteilung, ist man versucht, auf ein weiteres Unterhaltungskonzept der Marke Disney zu schließen. Tatsächlich handelt es sich aber um ein offizielles Kommuniqué der Solomon R. Guggenheim Foundation, die einen weiteren Meilenstein in ihrer zuletzt auffällig aggressiven  Erweiterungspolitik zusammenfasst. Geplant ist, nach dem Hauptgebäude an der Fifth Avenue und der Dépendance in SoHo ein weiteres architektonisches Glanzlicht am East River in Lower Manhattan einzuweihen. 

Das Guggenheim ist sicher nicht für seine Bescheidenheit bekannt. Ganz im Gegenteil setzt die zunächst Museum of Non-Objective Painting benannte Institution seit jeher auf spektakuläre Gesten. Schon die Konstruktion des ausgefallenen Entwurfs von Frank Lloyd Wright im Jahr 1959 sorgte für genügend Gesprächsstoff und beschied den dort gastierenden Ausstellungen einen bis dato ungeahnten Besucherzulauf.

In den Siebzigerjahren unternahm man erste zaghafte Bemühungen auf dem alten Kontinent und brachte die Peggy Guggenheim Collection, die vom Kubismus und Surrealismus bis hin zum abstrakten Expressionismus reicht, im Palazzo Venier dei Leoni in Venedig unter. Die Stadt zeigte sich erkenntlich, indem sie der Stiftung das Schmuckkästchen am Canale Grande überschrieb. Seitdem schien es, als gebe man sich mit dem Erreichten zufrieden, bis sich mit dem Kollaps des kommunistischen Blocks neue kulturelle Betätigungsfelder auftaten, wobei der nun grenzenlose Welthandel den adäquaten finanziellen Nährboden lieferte.

Seit Thomas Krens im Jahr 1992 die Leitung der mittlerweile unumgänglichen Stiftung übernahm, schreitet das Global Guggenheim mit Riesenschritten voran. Das New Yorker Stammhaus wurde erweitert, während gleichzeitig das Guggenheim Museum SoHo seine Pforten öffnete. 1997 war ein Schlüsselmoment, da sowohl das Deutsche Gug-genheim in der Berliner Niederlas-sung der Deutschen Bank in der Straße Unter den Linden, wie auch das milliardenschwere Bilbao-Projekt fertiggestellt werden konnten. 

Die verschachtelte Extravaganza von Stararchitekt Frank Gehry im Herzen des Baskenlandes ist Teil eines von der EU bezuschussten Entwick-lungsplans, der darauf abzielt, die Gegend um Bilbao touristisch zu erschließen und damit die marode lokale Ökonomie anzukurbeln. Die Rechnung ging auf, denn über Nacht war die neue Metropole Bilbao auf der Kulturlandkarte: allein im Jahr der Eröffnung des Museums überstieg die Zuschauerzahl die kühnsten Erwartungen. Was Eurodisney in Paris nicht gelang - nämlich ein Break even in einem Zeitrahmen von fünf Jahren zu bilanzieren -, schaffte das Guggenheim Bilbao in nur zwei. Ob nun künstlerisch verunstaltete Motorräder oder italienische Modezaren das Ausstellungsprogramm prägten, spielte bei diesem Kalkül eine untergeordnete Rolle, da sich die Mehrzahl der Besucher ohnehin bloß an der verwegenen Architektur berauschen.

"The breadth and multi-faceted depth of this process of cultural engagement and education is central to the objectives of our alliance with Frank and Rem. (...) To under-emphasize the communicative potential of architecture, or to ignore specific interactions with cultures and geographies that are not our own, is to make a huge mistake." Thomas Krens, Direktor der Guggenheim Stiftung.

So ist es denn kein Zufall, dass Frank Gehry auch die Ausschreibung für das neue New Yorker Emblem konkurrenzlos für sich entscheiden konnte. "Frank Gehry-designed project will create dramatic architectural landmark for New York", verkündet, in der gewohnt großspurigen Manier des Hauses, die Pressestelle des Guggenheims. Die geplanten 18 000 Quadratmeter kosten denn auch die Bagatelle von 678 Millionen Dollar, von denen die Stadt ein Zehntel trägt. Weiterhin ließ sich Noch-Stadtvater Giuliani nicht lumpen und schenkte den Kulturmanagern die vier Hafenareale, über die sich der Bau erstrecken wird. 

Das eigentlich Interessante an der Sache ist aber, dass ein ganzer Flügel des Neubaus einen Teil der Eremitage-Sammlung beherbergen wird. Es wird somit das erste sichtbare Zeichen eines Megadeals sein, den das Guggenheim mit der altehrwürdigen, aber chronisch finanzschwachen St. Petersburger Institution geschlossen hat. Der überraschende Pakt, der Ende letzten Jahres publik wurde, sieht außerdem vor, dass die Guggenheim-Stiftung sich finanziell am Umbau des ehemaligen Generalstabsgebäudes am Palastplatz in St. Petersburg beteiligt. Die somit erschlossenen 600 Räume werden dringend benötigt, da die Eremitage mit ihren mehr als drei Millionen Werken aus allen Nähten zu platzen droht.

Doch damit nicht genug: Aus der Zweierbeziehung wurde schnell ein Trio, denn bei dieser Fusion der Giganten wollte das Kunsthistorische Museum Wien nicht außen vor bleiben. Wilfried Seipel, Leiter des für seine Meisterwerke flämischer Malerei renommierten Museums, wirft etwa zwei Millionen Objekte aus dem Habsburger Fonds in den gemeinschaftlichen Topf, was die Dreier-Allianz zur umfangreichsten Sammlung der Welt aufsteigen lässt. Aus diesem unermesslichen Fundus, der einen Bogen über knapp 5 000 Jahre Kulturproduktion spannt, können alsbald die drei Institutionen schöpfen, um den internationalen Ausstellungsmarkt faktisch zu beherrschen. 

"Las Vegas receives an astonishing 35 million visitors a year. The Hermitage-Guggenheim Museum will be a tremendous attraction for those visitors." Sheldon Adelson, Vorstandschef des Venetian.

Der Appetit kommt bekanntlich bei Tisch, was erklären mag, wieso Krens flugs das nächste Projekt in Angriff nahm, das die russisch-amerikanische Kulturverbrüderung besiegeln soll. Ausgerechnet in Las Vegas entsteht derzeit das Guggenheim-Eremitage Museum, auch Eremitage-Guggenheim Museum genannt, um auf die nur scheinbar gleichberechtigte Partnerschaft hinzuweisen. Das vom Pritzker Preis-Gewinner Rem Koolhaas entworfene Gebäude ist in den Kasinokomplex des Venetian eingebunden, einer, wie der Name es schon befürchten lässt, schrillen Kopie venezianischer Sehenswürdigkeiten. Krens: "We believe that Las Vegas presents a unique opportunity to communicate with millions of people from all over the world that visit this extraordinary city." 

Es wird die vielen Baccara-Süchtigen sicherlich freuen, dass der Eintritt in die heiligen Hallen des kulturellen Welterbes gleich im Übernachtungspreis mit einbegriffen ist. Überhaupt kann das Gambler's Paradise in Sachen Entertainment noch so manches von den geschäftstüchtigen Guggenheim-Kuratoren lernen. So wird das Augenmerk dieser Kulturenklave in der Wüste auf weltweit bekannten Werken liegen, die sich im hauseigenen Shop gut als Poster und Bettlaken verkaufen lassen. Klotzen statt Kleckern also, und so verwundert es nicht, dass die erste Ausstellung mit Masterpieces and Master Collectors auftrumpft und sich dem Vegas-Publikum mit Highlights des Impressionismus anbiedert. "Oh, how nice!", möchte man da glatt sagen.

Nach einem Abstecher in London möchte die Eremitage Amsterdam erobern, wo ab dem Jahr 2006 neue Räumlichkeiten gewinnbringend erschlossen werden. Damit der Expansionskurs nicht durch langwierige Auswahlprozeduren gebremst wird, hat man Gehry und Koolhaas kurzfristig zu den offiziellen Hofarchitekten erkoren. Diese wiederum haben sich an der Guggenheim-Taktik inspiriert und einen Mini-Merger unter Dach und Fach gebracht: Ein gemeinsames Architekturbüro ist mit allen Projekten, die unter dem Banner des Guggenheim laufen, be-fasst, wozu natürlich auch die Bauvorhaben der Eremitage gehören.

"By joining forces with the Guggenheim, we hope to bring to Brazil - and to the world - our collective resources." Edemar Cid Ferreira, Gründer des Brazil - U.S. Council und von Brasil +500

Dieser Tage muss Feldherr Krens auf die Weltkarte geblickt haben, um mit Schrecken festzustellen, dass man den ganzen amerikanischen Subkontinent sträflich vernachläs-sigt hat. Prompt wurde eine Studie in Auftrag gegeben, die herausfinden soll, ob Brasilien erstürmt werden kann. Die Feasibility study, die unter der Leitung von Gehry und Koolhaas läuft, geht auf eine Initiative der Vereinigung Brasil +500 zurück, die mit der Organisation des 500-jährigen Jubiläums der Entdeckung des südamerikanischen Kontinents beauftragt war. In Bälde, so hofft man, strömen Rio de Janeiros Cariocas von den sonnigen Stränden unter dem Zuckerhut in das klimatisierte Ambiente postmoderner Architektur: Monet statt Pelé.

Es besteht kein Zweifel, dass das eigentliche Potenzial dieser Strategie der Megamergers, die sich an das gängige Modell neoliberaler Ökonomie anlehnt, im Merchandising liegt. Damit keine Zweifel bei den potentiell drei Millionen jährlichen Käufern weltweit aufkommen, hat man ein neues Corporate design entworfen, das alle Partnerinstitutionen mit dem Qualitätssiegel amerikanischer Herkunft versieht. Genau genommen ist dieses Vorhaben ein Paradebeispiel dafür, was Großunternehmen tatsächlich unter Globalisierung verstehen. 

Aus dem finanztechnischen Jargon der Pressemitteilungen geht unzweideutig hervor, dass nicht die Vermittlung kultureller Werte, sondern Profitability, Cost sharing und Lean management im Vordergrund stehen. Ganz nebenbei entsteht ein global operierendes Instrument kultureller Hegemonie, anhand dessen Kulturgeschichte unter dem nordamerikanischen Blickwinkel neu geordnet und dem sich weltweit durchsetzenden Massengeschmack angepasst werden kann. Kulturerbe, das hat das Guggenheim längst verstanden, lässt sich ohne weiteres als Unterhaltungsprodukt wie jedes andere Informationsangebot vermarkten: Artainment ist der Schlüssel zum großen Geld.

Vielleicht sollte Eurodisney den Sanierer Krens mal um Rat fragen.

 

Boris Kremer
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