Ein Minister

Biltgen wird Belgier

d'Lëtzebuerger Land vom 14.09.2012

Heute loben wir ausnahmsweise einen Minister. Gewöhnlich stecken die Minister sieben Tage in der Woche nur Prügel ein. Wir Blödiane aus dem Stimmviehstall drangsalieren die armen Regierungsmitglieder nach allen Regeln der Kunst. Dabei stellen wir uns ausgesprochen dumm, also noch dümmer, als wir ohnehin sind, und tun so, als würden wir die gesammelten Weisheiten der Politiker überhaupt nicht verstehen. Damit zwingen wir diese idealistischen Menschen auf geradezu heimtückische Weise, immer wieder verzweifelt auf Interpretationsdivergenzen hinzuweisen. Mittlerweile ist unser Verhältnis zu den Ministern eine einzige Interpretationsdivergenz, also schwer zerrüttet. Aus diesem Teufelskreis möchten wir uns verabschieden. Was spricht dagegen, dass wir es für ein Mal mit ein paar Streicheleinheiten versuchen?
Der blendenste Minister im gesamten Kabinett ist ohne Zweifel Herr Biltgen. Er ist der eleganteste Gesetzesbrecher weit und breit. Wenn wir Durchschnittssterblichen gegen das Gesetz verstoßen, sieht das immer unheimlich plump und töricht aus. Man muss schon ein Feingeist wie Herr Biltgen sein, um das Gesetz mit raffinierter Grandezza auszuhebeln. Die Methode heißt: Ich schaffe ruckzuck ein Sondergesetz, mit dem das allgemeine Gesetz punktuell über Bord geworfen wird. Das sieht gar nicht kriminell aus, sondern wohlanständig und demokratisch legitimiert. Natürlich soll nicht ein jeder von uns Blödrianen in den Genuss eines Sondergesetzes kommen. Man muss schon eine Persönlichkeit von Format sein, zum Beispiel eine belgische Gräfin, um ein Sondergesetz zu verdienen. Der Pöbel soll sich bitte an die üblichen Vorschriften halten.
Eigentlich begreifen wir nicht im geringsten, wieso sich unsere sture Bevölkerung so heftig echauffiert über Herrn Biltgens zielstrebigen Gräfinnenimport. Warum sollte eine belgische Gräfin nicht über Nacht Luxemburgerin werden? Sie bringt die besten Voraussetzungen mit. Sie ist so penetrant katholisch, dass wir uns schon fast automatisch bekreuzigen, wenn sie nur auf einem Pressefoto auftaucht. Ihre Schleimspur zum Herrn Gottvater ist so breit wie eine Autobahn. Genau diese Art Frömmigkeitsbolzen brauchen wir, um unser nationales Missionierungsanliegen zu stützen. Der Katholizismus ist unser allererstes Identitätsmerkmal. Warum also sollten wir auf flugs nationalisiserte Nonnen im Gräfinnengewand verzichten?
Zudem herrscht hierzulande ein katastrophaler Mangel an Grafen und Gräfinnen. Eine kleine Leihgabe aus Belgien ist da höchst willkommen. In diesem schönen Nachbarland scheint die Aristokratie bedeutend besser zu gedeihen als im spröden Luxemburg. Praktisch in jedem Ardennerwäldchen kann man mit ein bisschen Geschick ganze blaublütige Sippschaften ausgraben. Wir sollten uns besser nicht erlauben, über diese hochwohlgeborenen Menschen herzufallen. Jeder von uns hat schließlich die Chance, Graf oder Gräfin zu werden. Wir haben es ganz einfach versäumt, uns rechtzeitig beim Herrn Gottvater unsere Blaublutkonserve abzuholen. Soviel Faulheit wird naturgemäß bestraft. Der Faule hat kein Anrecht auf ein Schlösschen mit beträchtlichem Bering. Er sollte froh sein, wenn er sich überhaupt eine Mietwohnung leisten kann.
Herr Biltgen weiß: Mit der naturalisierten Gräfin werden wir noch viel Freude haben. Die Aristokraten machen uns nämlich vor, wie man kreativ mit der verallgemeinerten Finanzkrise umgehen kann. Sie pflegen eine völlig entspannte Beziehung zu den Staatsfinanzen. Ihr beherzter Zugriff auf die Staatskasse ist legendär. Wir sollten stolz sein, den Aristokraten unsere Steuergelder zu schenken. Denn diese Menschen zeigen, wie man den schnöden Mammon behandeln sollte: Man muss ihn mit betörender Leichtigkeit unbekümmert vernichten, einfach so. Dabei spielt es keine Rolle, ob man bei seiner Geldvernichtungstätigkeit Luxemburgisch spricht oder irgend eine antiquierte Residenzklausel respektiert. Warum denn so kleinlich? Das Geld ist eine übergeordnete Größe. Es pfeift auf die Nation.
Wir könnten uns vorstellen, dass Herr Biltgen für seinen Piratenstreich mit der belgischen Gräfin fürstlich belohnt wird. Man könnte ihm zum Beispiel einen Grafentitel verleihen, quasi im Austauschverfahren. Natürlich nicht in seiner Heimatstadt Esch, denn seit dem Aussterben der Stahlbarone ist dort kein Staat mehr zu machen mit der Aristokratie. Wie wäre es denn, wenn man Herrn Biltgen zum belgischen Grafen erklären würde? Ganz bestimmt würden die Belgier nicht darauf beharren, dass sich der Minister einem flämischen Sprachtest unterziehen und mindestens sieben Jahre in den Sanddünen von Knokke-le-Zoute verbracht haben muss. Nein, nein, mit einem kleinen Sondergesetz würde Herr Biltgen förmlich nach Belgien katapultiert. Es wäre ganz einfach eine gegenseitige Freundschaftsgeste: Ihr tretet uns eine belgische Gräfin ab, wir beglücken euch mit einem luxemburgischen Minister.
Fränz Biltgen wäre dann urplötzlich ein Comte François de la Arelerknippchen et de la Sainte-Trinité. Wir verneigen uns jetzt schon vor soviel Adel.

Guy Rewenig
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