"Über nichts denkt der freie Mensch weniger nach ..."

Über den Tod

d'Lëtzebuerger Land vom 09.01.2015

Über den Tod kann man immer nur hinwegreden, so will ich versuchen, einfach um ihn herum zu sprechen. Der Sprache bin ich manchmal dankbar für ihre Genauigkeit: Wenn sie von Nahtoderlebnissen spricht, versteht jeder Benutzer dieser Sprache, dass es hier nicht um etwas im oder nach dem Tod geht, sondern um Erfahrungen, die von Menschen in der Nähe des Todes gemacht werden und gerade gegen seine Unwiderruflichkeit gerichtet sind. Dass über den oder nach dem Tod der Mensch keine Aussagen machen kann, weiß jeder, der mit Hamlet so über den Tod denkt:

„Das unentdeckte Land, von des Bezirk Kein Wandrer wiederkehrt ...“

Meiner Ansicht nach ist das Richtigste und Wichtigste, das bisher je von einem Menschen über den Tod gesagt wurde, so knapp wie nüchtern. So heißt es in Epikurs Brief an Menoikos (125): „Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“ Dass diese Aussage von vielen Philosophen und noch mehr Frömmlern kritisiert wurde, ist fast ein schöner Beweis ihrer Richtigkeit. Seine Wahrheit ist so blendend, dass sie meist nicht nur nicht erkannt wird, sondern nicht erkannt werden will.

Hier schließt der Gedanke Spinozas an: „Über nichts denkt der freie Mensch weniger nach als über den Tod; und seine Weisheit ist nicht ein Nachsinnen über den Tod, sondern über das Leben.“ (Ethik, Teil IV, Lehrsatz 67) Ihn möchte ich so ergänzen: Nicht weil er (der freie Mensch) Angst vor dem Tod hätte, sondern weil dieser eigentlich kein Thema für ihn ist, sondern nur für Menschen, die ihn fürchten.

Vor kurzem las ich folgende Zeilen von Martin Walser: „Ich bin Staub, leuchtend im Weltall / voller Hoffnung auf nichts.“

Sie resümieren ziemlich präzise, was ich angesichts des Todes empfinde. Diese Verse könnte man als religiös insofern bezeichnen, als sie gerade nicht auf Gott und die Unsterblichkeit des Menschen abzielen, sondern auf unser Eingebundensein in diese Welt, was der Hinweis belegt, dass wir aus Sternenstaub bestehen. Wirkliche Religion ist immanent und empfindet jede Transzendenz als Flucht.

Warum sollten wir etwas besseres und grundsätzlich anderes sein als diese Erde mit ihren Pflanzen und Tieren? Was erlaubt diese Annahme? Ja, was bedeutet Unsterblichkeit? Ich spreche nicht mal von der unerträglichen Langeweile einer Ewigkeit ohne Ende, die an sich von den christlich imaginierten Höllenqualen nicht so weit weg ist.

Da gibt es ein anderes Argument: Unser indivi-duelles Bewusstsein ist nicht unsterblich, auch wenn es in sich die Neigung zur Veränderung und Verbesserung spürt. Denn als Teil unseres Körpers gehört es zu dieser Welt und die Transzendenz könnte man in diesem Zusammenhang als eine „schöne“ Lüge bezeichnen.

Die einen wollen ihre Unsterblichkeit religiös verankern, während andere sich dem Transhumanismus zuwenden und dabei vergessen, dass gerade die Zweiteilung des Menschen in Körper und Geist nach  der christlichen Lehre auch noch bei den Vorstellungen der Transhumanisten fröhliche Urständ’ feiert, indem diese den Körper fahren und verwesen lassen, um die Psyche auf eine solide und immer wieder erneuerbare materielle Basis zu laden, die dann dort ad aeternam vitam lebt und wirkt. Doch wo bleibt da die Einheit von Körper und Seele?

Jacques Wirion
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