Die kleine Zeitzeugin

Der Mensch ist tot

d'Lëtzebuerger Land du 23.02.2018

Die Flüchtlinge kommen, hieß es eben noch, und jetzt erkennt man sie gar nicht mehr als Flüchtlinge. Mit jedem Tag werden sie uns ähnlicher, beiger, sie gehen schon mit dem Hund spazieren. Und dann die Aliens, die kommen auch, sowieso, sagen doch alle, Hawkins, Nostradamus, die Maya, oder sie sind schon längst da. Der österreichische Bundeskanzler ist ein Beweis dafür. Oder ist er gar ein Roboter?

Die kommen auch, sowieso, aber wie! 1984 wurden sie erwartet und im Jahr 2000, aber dann ließen sie sich entschuldigen, Forscherinnen spielten noch mit ihnen. Sie waren noch im Reservat der Märchen und Sagen und Global Legends angesiedelt, so wie Mammutsperma oder Schäfchen Dolly, währenddessen tranken wir Kakao und schauten uns radikale Sexfilme von französischen Feministinnen an oder buchten eine Ausbildung zur Imamin. Manchmal hörte man schrullige Geschichten aus dem Teletubby-Land Japan, von perfekten Oldie-Nurses, Roboterhundefriedhöfen oder perfekten Zen-Mönchen, die den Stock noch zielgerichteter und noch emotionsloser auf die Wirbelsäulen sausen lassen. Aber im großen und ganzen wurden die Roboter_innen vergessen, zumindest von der quasselnden Mehrheit.

Doch jetzt sind sie da, also hier, und Robo-Ethiker_innen bereiten uns sanft, aber bestimmt auf unsere neuen Mitbürger_innen vor. In Saudi- Arabien wird eine hübsche kopftuchlose Roboterdame Staatsbürgerin; in Saudi-Arabien, sicher nicht so leicht. Wir können uns auf manierliche Wesen freuen, die wahnsinnig viel können, dabei auch noch gut aussehen und gut gelaunt sind, und zwar in mehreren Sprachen. Guter Dinge verrichten sie Dinge, von denen die meisten von uns nicht träumen, und es kostet uns nicht die Haare vom Kopf. Ist es nicht ein tröstlicher Gedanke für runzlige Mitbürger_innen, dass in naher Zukunft verlässlich lächelnde Wesen mit ihnen Gassi gehen statt Ausgebrannte am Rande des Zusammenbruchs? Während wir uns weiter entfalten und weiter spalten und uns Tolles einfallen lassen, was wir jetzt mit uns anfangen, vor allem mit denen von uns, mit denen nichts anzufangen ist.

Herren können Roboterinnen ehelichen statt Thailänderinnen, die weinen nicht so viel und sie können auch Träipen! Und wenn Damen vor kurzem noch in Hohngelächter ausbrachen bei dem Gedanken, einen Roboter zum Traualtar zu führen, so überwiegt allmählich das positive Denken. Teilte, wenn frau es genau betrachtet, sie nicht immer schon mit einem Roboter Tisch und Bett und den kargen Rest? Was spricht dagegen, wenn ein adretter Gefährte mit ihr am Frühstückstisch sitzt, der ihr die Butter reicht, nein, sie ihr aufs Brot streicht, nein, sie ihr aufs Brot streichelt und dabei in galanten Versen des 18. Jahrhunderts konversiert? Für die, die es gern mit Nestwärme haben, kann er auch rülpsen und vor sich hin brummeln oder von Zeit zu Zeit einen kräftigen Fluch loslassen oder sonst was lassen, das macht ihn menschlich, sie sind eben nicht nur übermenschlich. Mit oder von einem Roboter ein Kind zu kriegen ist sicher eine gute Zukunftsvorsorge: Es ist immer gut, sich mit der herrschenden Klasse gut zu stellen.

Denn offensichtlich entwickeln diese Kreationen, die alles andere als Kreaturen sind, sich exponenziell billionenfach schneller als wir und möglicherweise viel weiter. Sie können Kunst und Killen und besten Schach, jetzt schon. Und dass sie dann von Loser_innen wie uns, sterblichen, verderblichen, auf Dauer lächerliche Befehle empfangen wollen, diese Annahme würde ihre künstliche Intelligenz, die natürlich Quantensprünge hinlegt, schon sehr beleidigen. Was werden sie also mit uns anfangen? Mit den Unterhosenmenschen aus der Unterhosenschicht, mit komischen Künstlerinnen mit kranken Algorithmen, mit den Jachtsenior_innen und den Senior_innen ohne Jacht, mit den Sinnsucherinnen und altmodischen Junkies, mit den Bankbeamten ohne Bank, mit den Mittelmäßigen, Ehrgeizlosen? Mit Kindern, die nicht funktionieren, also mit Kindern? Mit uns allen, mit uns altmodischem Menschenmaterial?

Ein paar besonders expressive Exemplare für den Menschenzoo, ein paar Exemplare fürs Experimentelle, der Rest auf den Komposthaufen der Geschichte? Während unsere emanzipierten Ebenbilder – sie kennen natürlich ihren Nietzsche – lapidar und etwas zynisch verkünden: Der Mensch ist tot.

Michèle Thoma
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