Die kleine Zeitzeugin

Cocooning im Klo

d'Lëtzebuerger Land du 23.11.2018

Drei Viertel der Belgier_innen interessieren sich vorwiegend für die Gestaltung ihres trauten Heims. Mehr als für Sport! Mehr als für Klamotten! Sogar mehr als für Politik. Das ergab eine Umfrage. Wobei man natürlich die Frage stellen kann, wie repräsentativ 1 037 Befragte sind, die mediale Aufbereitung der Umfrage kommt aber nicht ohne großes Staunen, gar kokette Bestürzung aus: Schnödes Gestalten des Heims, statt Politik mitzugestalten? Alle sollen doch mitgestalten, sich einbringen, mündige Bürgerin und so weiter. Außerdem ist Vorwahlzeit, warum hängt Volk nicht an den Lippen der Elefant_innen in den Elefant_innenrunden, warum kämpft es nicht für Nordseewale, für Vrouweke Piss, für die Seligsprechung der Fritt? Das sind doch die Themen, das Kopftuch haben wir noch nicht mal erwähnt.

Nein, Volk erneuert den Bodenbelag und streicht in schreienden Farben, die gerade letzter Schrei sind, oder ist gerade graue Dezenz in?, immer kommt ein noch letzterer Schrei, es stellt einen römischen Brunnen auf oder eine fleischfressende Palme, Buddha war gestern. Warum eigentlich?

Warum wohnt Volk nicht mehr in den beigen Blumentapeten von Tantetje Trees, warum immer was Neues? Gut, das kann man ja noch verstehen, es kann nicht immer früher sein, es kann nicht immer „Die kleinen Leute aus Flandern“ sein, aber alle drei bis vier Monate ein Schub, zumindest der Salon aufgepeppt, ist das nicht schon pathologisch? Anstatt ein gutes Buch zu lesen. Anstatt das Parteiprogramm des Vlaams Blok eingehend zu studieren. Statt selber eine Partei zu gründen, es gibt sicher noch Bevölkerungsatome, die nicht repräsentiert sind, sie könnten sich mit anderen Atomen verbünden und einen Atomkrieg starten. Irgendetwas Sinnvolles halt. Stattdessen geben sie die ganze Kohle für eine Kücheneinrichtung aus, und dann bestellen sie Pizza. Volk kopfschüttel!

All das hat die „Cocoon-Umfrage“ an den Tag gebracht. Findet doch gerade in der Brussels Expo die Cocoon-Messe statt, die diesem schreienden Bedürfnis entgegenkommt. Ein Event, das sich dem Anti-Event- Leben verschrieben hat, dem Cocooning, angeblich ein Lebensgefühl, die Sehnsucht nach der Höhle, die seit 30 Jahren immer wieder als ganz was Neues ausgerufen wird. Menschen wollen ihre Ruhe haben, wollen sich in unruhigen Zeiten in Rückzugsgebieten verschanzen, in ihren vier Wänden, wie prekär auch immer die sind, sie sogar heimelig gestalten. Im Ernst, in echt, wirklich? Hat man dies nicht sogar in Flüchtlingslagern gerührt zur Kenntnis genommen?

Und was kostet das? Und ist Uromas Koksofen nicht auch gemütlich? Nein, nein, die neue Gemütlichkeit ist nicht einfach so zu haben, mit Füßen auf dem Tisch in alten Wollsocken, es gibt jede Menge Zeug, das die ultimative Gemütlichkeit zu verbreiten hilft. Zum Beispiel Spiegel, von Cocoon als Symbole von Harmonie und Wahrheit gepriesen, als Möglichkeit, sich selbst zu begegnen, Cocoon-Narziss_a lächelt sich betört zu.

Die Umfrage hat Cocoon jede Menge Infos geliefert. Zum Beispiel, dass das stille Örtchen das Styling-Stiefkind ist, diese Belgier_innen sind wirklich sonderbar. Das war’s, das Aus für die gestaltungsfreie Zone, in der Mensch aufatmen konnte, endlich kein Etwas mehr, endlich nichts, nur noch das Wesentliche. Gut, bei Hippies hing auch in den belgischen Ardennen der letzte Indianer mit dem letzten Fisch am Klo, bei Volk Sinnsprüche mit Lokuskolorit, ganz sicher, und Hipsterin drängt seit jeher wehrlosen Sitzungskandidatinnen ihren Kunstgeschmack auf. Aber bei den wenigsten schwammen bisher jodelnde Koi-Fische in der Klomuschel, oder gab es sonstige Kreativitäten. Es blieb kreatürlich, im Großen und Ganzen ein verschonter Raum, das Ende der Welt, der letzte leere Winkel, der blinde Fleck. Der geheimnisvollste Weltraum überhaupt. Der Ab-Ort, an dem Mensch zu sich kam, ohne jede Ablenkung.

Nirwana, ganz ohne Buddha, das schreit geradezu nach Wellness, nach Chillfaktor! Am Welttoilettentag lädt Cocoon zur Geschmacksoffensive, freier Eintritt für alle, die bewaffnet mit Utensilien und Ideen anrücken. Dann dürfen sie ein Klo gestalten.

Ist doch viel geiler als Politik, als mitgestalten. Kommt wenigstens was dabei raus.

Michèle Thoma
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