Luxemburgensia

Nachrichten aus der Anstalt

d'Lëtzebuerger Land vom 23.02.2018

Ein Buch über Alter, Tod und Sterben: das ist das aktuelle Buch von Guy Rewenig auch, jedenfalls vordergründig. Viele der Geschichten spielen in Seniorenheimen oder in den Heimen von Senioren, Lebensläufe gehen zu Ende, der Geist lässt nach und der Körper ohnehin. Was bleibt vom Dasein übrig, wenn nach und nach das Wissen darum verloren geht, wer man einmal gewesen ist? Womit befasst man sich, wenn man seine Kinder nicht mehr erkennt und sich für seine Vergangenheit kaum noch interessiert? Ein Buch also über Vergeblichkeiten: weswegen man sich überhaupt abmüht, wenn am Ende doch nur die Auflösung steht. Darüber hinaus ein Buch, das muss gesagt werden, mit einem an Genialität kaum zu übertreffenden Titel: Do wéinstens däi Sonnebrëll aus, wann s de mam Kapp duerch d’Mauer renns. Da kann man über dem Lachen den Hinweis fast verpassen: ein Buch über Prioritäten.

Für seine neueste Sammlung mit fünfzehn Geschichten greift Rewenig in bekannt satirischer Manier auf ein altes humoristisches Rezept zurück, das besagt: zum Lachen ist, was vom Erwartbaren abweicht. Zwei ehemalige Zirkusakrobaten diskutieren am Abend vor dem geplanten Doppelselbstmord darüber, ob Wein das Unternehmen eher fördert oder gefährdet: Soll man sich lieber Mut antrinken oder riskieren, dass man vor Trunkenheit die Mauer verfehlt? Ein Mann droht mit Enterbung, falls sein Hund nicht mit ihm begraben wird, ein scheinbar begriffsstutziger Schüler überflügelt spielend die Lehrerin, sobald die Aufgabe schwieriger wird. Eine Seniorin, die sich in ihrem sozialen Umfeld immer weniger zurechtfindet, verfällt einer Staubwisch-Manie.

Ein Altenheim, ein Supermarkt, ein Hobbykeller. So gewöhnlich die Erzählräume zumindest der Bezeichnung nach zunächst wirken, so bitterernst sind die Themen, die der Autor darin verhandelt, und so überraschend der kafkaeske Dreh, mit dem sich die Alltagslandschaft in einen Albtraum verwandeln kann. Die Warteschlange an der Kasse wird länger und länger und länger, die Umgebung immer unberechenbarer und bedrohlicher. In „Am falsche Film“, einem der stärksten Texte des Bandes, sieht ein Kinobesucher mit an, wie sein Nachbar ihm das ganze Popcorn aus dem Eimer stiehlt. Er sieht den Delinquenten böse an, er schüttelt verärgert den Kopf, ist wie gelähmt vor Erbostheit, aber er wehrt sich nicht. Am Ende hatte er weder von seinem Popcorn etwas, noch vom Film. Auf nicht einmal zwei Seiten gelingt ein bestechendes Psychogramm des Klischee-Luxemburgers, der die Faust in der Tasche ballt und am Ende doch nicht den Mumm aufbringt, seine Situation zu verändern.

Bei Rewenig werden die Lachmuskeln nie nur zum Spaß gereizt; existentielle Fragen verbinden sich mit Gesellschaftskritik. Was heißt denn „in Würde altern“, zu welchen Verrücktheiten führen entfesseltes Wettbewerbsdenken und entgrenzter Konsum, wie werden aufgeblasene Popanze zu mächtigen Männern? Was im Text amüsant wirkt, muss es in Wirklichkeit nicht sein. Vom Leser fordert diese Form von Literatur den Willen, hinter die Fassaden zu blicken, das Komplexe hinter dem Banaln zu suchen, die Texte auf einer metaphorischen oder symbolischen Ebene zu lesen. Dabei gilt es auszuhalten, dass hier keine Antworten und Lösungsvorschläge angeboten werden, auch wenn die Sympathien des Autors vor allem bei den Figuren zu liegen scheinen, die in widrigen Umständen versuchen, sich selbst zu behaupten, ohne dazu andere zu unterdrücken. Dazu passt die diskrete, figurenzentrierte Erzählhaltung in diesen Texten: Bei vielen der Geschichten handelt es sich um reine Dialoge; die Figuren sprechen für sich selbst. Besonders überzeugend sind die Geschichten, in denen auch die Wertung verweigert wird, in denen sich also der Autor auf keine Seite schlägt und zwei Perspektiven, die einander gegenseitig ausschließen, gleichermaßen berechtigt scheinen.

Ob er seine Figuren in urkomische Sprachstreitereien verstrickt oder sie vor den Abgrund eines unrettbaren Daseins stellt: Was die Geschichten eint, ist – wie oft in den Texten Rewenigs – der Hang der Figuren zu obsessivem Verhalten. Da Rewenig die Handlung dieser Geschichten vornehmlich aus den Aussagen der Figuren komponiert (und nicht etwa durch den äußeren Blick eines Erzählers), kann es nicht ausbleiben, dass die Sprache dieser Figuren von ihrer Versessenheit, ihren Idées fixes bestimmt wird. Der erzählerische Kniff besteht darin, dass die Figuren oft mehrmals, mit nur geringfügigen Bedeutungsverschiebungen wiederholen, was sie sagen wollen, dass sie ablenken, sich in Details hineinsteigern, bis sie fast den Faden verlieren. In den meisten der Texte dient dieses Verfahren zur schnellen und präzisen Charakterisierung der Figuren. In den längeren Texten des Bandes jedoch wirkt es zuweilen anstrengend. Der lange, schleppende Monolog „Afenzirkus“ mitsamt den unscharfen Fotos auf Glanzpapier, die als Ergänzung des Erzähltextes dienen sollen, verleiht dem Band in mehrfacher Hinsicht eine unnötige Schwere. Schade, denn abgesehen von diesem Text zeigt sich der Altmeister des grimmigen Humors in erzählerischer Hochform.

Guy Rewenig: Do wéinstens däi Sonnebrëll aus, wann s de mam Kapp duerch d’Mauer renns. Geschichten an Erzielungen. 507 S. Editions Guy Binsfeld, Lëtzebuerg 2017. ISBN 978-99959-42-30-4.

Elise Schmit
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