Klerikaler Übermut

Willibrord rüstet auf

d'Lëtzebuerger Land vom 06.12.2013

Heute loben wir den klerikalen Übermut. Der Herr Papst aus Rom gab kürzlich folgendes zu Protokoll: „Eine verbeulte Kirche, die verletzt und schmutzig ist, weil sie auf die Straße hinausgeht, ist mir lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist“ (keine Satire). Daraufhin trat der Generalvikar des Luxemburger Erzbistums sofort vor die Presse und beschwerte sich bitterlich: „Der Papst hat zu keinem Augenblick den Dialog mit uns gesucht. Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Diese Vorgehensweise des Pontifex ist völlig unseriös. Der Vatikan, der nicht einmal 0,0002 Prozent der katholischen Glaubensgemeinschaft repräsentiert, nimmt sich heraus, der Luxemburger Kirche einfach eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zu verweigern. Wir erwarten uns, dass man uns im Rahmen des herrschenden Pluralismus zumindest konsultiert. Wir sehen uns übrigens gezwungen, die Legitimität des Vatikans in Frage zu stellen“ (das war die Satire).

Nun, die neue Regierungskoalition ist dabei, der Luxemburger Kirche ein paar Beulen zu verpassen. Damit kann sie sich zugute halten, das Erzbistum endlich auf Vatikankurs zu bringen. Die taufrischen Landeslenker sind also objektiv die munteren Helfershelfer des Papstes. Und wie wird ihnen diese christliche Handreichung gedankt? Mit Häme und Entrüstung, Zeter und Mordio und allerlei unfrommem Getöse. „Wie unsere Vorfahren seit über tausend Jahren, so flehen auch wir dieser Tage am Grab des Heiligen Willibrord, dem unermüdlichen Verkünder des Evangeliums. Ja, dieses Anliegen ist aktueller denn je, denn unser Glaube ist ernstlich in Gefahr. Zwar gibt es keine offene Christenverfolgung mehr, doch die Parteien, die jetzt das Sagen haben, wollen die Religion zur Privatsache erklären und sie ins Hinterstübchen verbannen“ (Marie-Andrée Faber-Schanen, Luxemburger Wort, 23.11.2013).

Ja, worüber beschweren Sie sich denn, verehrte Gläubige? Sind Sie nur dann gläubig, wenn der Staat Ihren Glauben finanziell unterfüttert? Da sehnt man sich ja förmlich danach, dass einmal klipp und klar festgestellt wird, wie viele Gläubige eigentlich im Großherzogtum leben. Da hierzulande immer alles mit Geld geregelt wird, ist auch diese Frage wohl nur auf dem Geldweg zu beantworten. Und zwar, indem endlich eine Kirchensteuer eingeführt wird. Jede Wette, dass dann jene frei erschwindelte, gigantische Zahl von 97 Prozent Katholiken, die leider immer noch durch offizielle Statistiken geistert, schlagartig auf unter ein Prozent fallen würde. In diesem Fall, verehrte Gläubige, stünden ebenso schlagartig alle Kirchen und Kapellen hierzulande leer und könnten sinnvoll in Sozialwohnungen, Buchhandlungen, Theatersäle oder Unterkünfte für Asylbewerber verwandelt werden.

Und was haben Sie eigentlich am „Hinterstübchen“ auszusetzen, verehrte Gläubige? Es ist doch höchst gemütlich im Hinterstübchen, Sie sitzen geborgen im Kreis von Gleichgesinnten und müssen nicht ständig fürchten, von herumstreunenden Gottlosen belästigt zu werden, die immer schamloser unsere Straßen bevölkern. Schnell werden Sie feststellen, dass Ihr Glaube überhaupt nicht in Gefahr ist, sofern Sie nicht stur darauf bestehen, unbedingt die öffentliche Schule zu missbrauchen, um Ihre waghalsigen Schauermärchen zu verbreiten. Denn, sehen Sie, die öffentliche Schule ist so ausgerichtet, dass zum Beispiel reguläre Lehrer ihre Überzeugungen auf keinen Fall den Schülern aufschwatzen oder gar aufzwingen dürfen; sie werden sogar ausdrücklich kontrolliert, ob sie nicht hier und da gegen das weltanschauliche Neutralitätsgebot verstoßen. Allein Ihre Sekte, verehrte Gläubige, durfte bislang ungehemmt die Kinder mit Hirngespinsten eindecken, und den regulären Lehrern wiederum war es untersagt, diesen einseitigen Zauber zu kritisieren. Das konnte auf Dauer nicht gutgehen. Reden Sie doch bitte nicht so herablassend vom Hinterstübchen. Es ist der ideale Ort für Ihre erbauliche kathoulesch Uucht. Jeder hat das Recht auf seine eigenen Hirngespinste, falls er findet, dass sie ihm das Leben erleichtern. Er sollte nur bedenken, dass es eben konkurrierende Hirngespinste gibt, die allesamt als reine Privatsache einzustufen sind.

Vielleicht schaut ja Pater X oder Pater Y bei Ihnen vorbei im Hinterstübchen und erzählt Ihnen, wie wunderbar doch überall in der Schulwelt die klerikale Bekehrungsarbeit verläuft. Sicher können die geistlichen Herren viele Anekdoten auftischen über ihr Bemühen, ihre intimen Missionsstationen sogar bis in die Unterhosen von Internatszöglingen hinein zu installieren. Und bestimmt werden sie leuchtenden Auges berichten, wie die Hand Gottes vieltausendfach zwischen Kinderschenkel greift, um die frohe Botschaft hautnah zu vermitteln. Verstehen Sie, verehrte Gläubige, wir sehen diese Geschichte sehr viel nüchterner, jedenfalls ganz ohne Verklärung, und fordern ganz einseitig, dass Ihr weltweit aktiver christlicher Kinderschänderring gar nicht mehr in Berührung mit Schulunterricht kommt. Herr Willibrord darf sich ruhig umdrehen im Grab.

Guy Rewenig
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