Stahlbranche

National vs. global

d'Lëtzebuerger Land du 31.08.2012

Wir erleben nicht nur bewegte Zeiten wegen des Euros. Wir beginnen auch zu verstehen, wozu eine überschnelle, unkontrollierte und unregulierte  Globalisierung der Wirtschaft führt. In einem offenen, grenzenlosen kapitalistischen Marktsystem führt sie zu Weltmärkten, auf denen sich global agierende  Unternehmen und Banken tummeln. Kapital, Arbeitskräfte und andere Produktionsmittel sind quasi global verfügbar. Leider nehmen dann auch Negativerscheinungen, wie Massenarbeitslosigkeit, Prekarität und Armut, globale Züge an. Wir tun uns alle schwer mit global agierenden Firmengruppen, besonders dann, wenn sie – auf Rentabilität und Gewinnmaximierung fixiert – die Welt wie ein gigantisches Schachbrett behandeln. Da gibt es Bauernopfer, Ablenkungsmanöver, gewollte und ungewollte Tausch­aktionen, Rochaden, Gabelangriffe und manchmal auch richtige Gemetzel.
Nehmen wir Arcelor-Mittal. Größter Stahlproduzent weltweit (92 Millionen Tonnen 2011), gut 260 000 Mitarbeiter, in 60 verschiedenen Staaten präsent, immer auf Einkaufstour (Minen sind zur Zeit sehr gefragt) und auf der Suche nach Joint Ventures, immer mal bereit (hauptsächlich in Europa), ein Stahlwerk stillzulegen, nach dem Motto: „Wat mutt, dat mutt.“ Und permanent auf Sparkurs. Für die Gruppe ist die Welt ein einziger Markt. Wenn man weltweit operiert, kennt man weder Staatsgrenzen (außer bei Steuerfragen) noch Nationalitäten. In Europa besitzt sie (im Moment noch) 25 Hochöfen. Zwei Drittel davon würden anscheinend genügen, um den aktuellen Stahlhunger zu stillen. Im Moment laufen ja auch nur 16. Die Nachfrage ist in der Tat schwach, es wird global gesehen (schon wieder dieses Wort) viel weniger gebaut – man denke nur an die krisengeschüttelten europäischen Südstaaten – und Teile der Automobilindustrie befinden sich in einem tiefen Loch (PSA in Frankreich, Opel in Deutschland und anderswo).
In jedem Land, einzeln gesehen, versteht man überhaupt nicht, warum ein an sich vielleicht lebensfähiges Stahlwerk nicht produzieren darf.  Warum, wenn die Struktur nicht mehr „up-to-date“ ist, nicht massiv investiert wird. Warum man es vorzieht, ganze Züge mit Roh- und Zuliefermaterial quer durch Europa zu schicken, als den einen oder anderen Hochofen wieder anzublasen. Betrachtet man aber, wie Arcelor-Mittal das tut, den europäischen Markt oder gar den Weltmarkt als Ganzes, kommen andere Kriterien ins Spiel: Produktionskosten, Produktivität, Produktqualität, Größe und Nähe der Absatzmärkte.
Was hat der Rodinger Schmelzarbeiter davon, wenn von der Qualität der Belvaler Spundwände geschwärmt wird? Was hat Luxemburg davon, wenn Brasilien boomt, wenn in Indien eine neue Erzmine erschlossen wird und China sich zum größten Edelstahlproduzenten entwickelt? Leider nicht viel, da heute jedes Teil im Unternehmen – auch Großbanken wenden das Prinzip gerne an – als eigenes „Cost-Center“ angesehen wird. Leider ist da, wo es ein „Cost-Center“ gibt, der gefürchtete Kostenkiller nicht weit. Wir wollten offene Märkte, jetzt haben wir sie. Anders ausgedrückt: Wir werden den Teufel, den wir gerufen haben, nicht mehr los. Ein Kampf „Jeder gegen jeden“ ist angesagt. Auf eine  Möglichkeit sollten wir jedoch bestehen, und zwar, dass ein Unternehmen, das eine Schließung oder eine Verlagerung Richtung Billiglohnland vornimmt, gezwungen wird, den alten Produktionsstandort auf- beziehungsweise abzugeben, und zwar – um Spekulation und Missbrauch zu vermeiden – an die öffentliche Hand.

Claude Gengler
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