Gottesfürchtige Kultur

Muschiaufruhr

d'Lëtzebuerger Land vom 24.08.2012

Heute loben wir die gottesfürchtige Kultur. Aurélie Filippetti, Frankreichs Kulturministerin, hat im Vorfeld zum Schandprozess gegen die Punkerinnen von Pussy Riot (wörtlich übersetzt: „Muschiaufruhr“) unmissverständlich Stellung bezogen. In einer offiziellen Mitteilung ihres Ministeriums spricht sie vom „principe de liberté sans lequel aucune création n’est possible“. Zum Hintergrund des armseligen Gerichtsverfahrens sagt sie: „Ce qui leur est reproché est ni plus ni moins d’avoir librement exercé leur art. À travers elles, c’est la liberté de création des artistes qui est mise en accusation.“ So stellen wir uns eine Kulturministerin vor: als streitbare Verfechterin der Freiheit, zugleich als solidarische Verbündete der Künstler und Kulturschaffenden.
Und die luxemburgische Kulturministerin Octavie Modert? Hat sie zu diesem irrsinnigen Angriff auf die Freiheit etwas gesagt? Könnte man sich aus ihrem Mund Filippetti-Sätze wie diese vorstellen: „De tout temps, la création a connu une indispensable dimension provocatrice. La liberté de création est aussi la liberté de critiquer le pouvoir en place.“ Hat Frau Modert irgend etwas verlauten lassen? Zumal es um couragierte Frauen geht, die von ausgewiesenen Macho-Figuren ans Messer geliefert werden?
Wir erinnern uns an das grausame Bild, als Frau Moderts Präzeptor Juncker beim Staatsbesuch Putins in Luxemburg dem Despoten enthusiastisch um den Hals fiel. Schmatz, schmatz, Bussi, Bussi, da könnt ihr mal sehen, wir sind die Großen der Welt! Was schert uns die Freiheit der Bürger? Wir haben längst keine Bodenhaftung mehr, wir schweben in Sphären, wo der Begriff Demokratie nur mehr eine zynische Fußnote zu unserem maßlosen Machtopportunismus ist. Ist dieser provokante Kusswechsel mit dem Gewaltherrscher nicht –um bei Putins eigener Sprachregelung zu bleiben – ein Fall von schwerem staatsbürgerlichem Rowdytum?
Wo immer die Freiheit geknebelt wird, sind die religiösen Despoten nicht weit. In diesem Fall ein Patriarch, der, genau wie Putin, ein Produkt des KGB ist und sich als Kollaborateur der Staatsmacht profiliert. Diese unheilige Allianz zwischen Staat und Kirche ist auch in Luxemburg unerträglicher denn je. Wir nehmen an, Frau Modert wird uns an diesem Punkt widersprechen. Sie hat mit der hemmungslosen Verquickung von Politik und Religion kein Problem. Vor ein paar Tagen erst, mitten im Pussy Riot-Prozess, hat sie in ihrem Wahlbezirk vor der Greiveldinger Pfarrkirche gesegnetes Brot an das liebe Stimmvieh verteilt. Diese göttliche Speise hatte der Greiveldinger Pfarrer kurz zuvor mit dem Weihwasserwedel behandelt. Weil seine Kirche den sogenannten Krautwësch-Brauch kurzerhand vereinnahmt hat, so wie sie sich fast alles einverleibt, was nicht in ihrem Garten gewachsen ist. Man darf nur nicht daran denken, dass diese gleiche Kirche den gleichen Brauch einmal als Teufelswerk brandmarkte. Offenbar muss man den Teufel nur in Weihwasser tauchen, damit er genießbar wird. Jedenfalls wurde Frau Moderts erotisches Verhältnis zu Kameralinsen wieder ausgiebig befriedigt. Gesegnetes Brot, improvisierte Bäckersfrau inklusive, ist im Sommerloch ein höchst fotogener Artikel. Es ist ja so sexy, bei jeder Pfaffenkirmes die Party-Queen zu spielen. Und der elektorale Gewinn ist zumindest theoretisch beträchtlicher, als wenn sich die Kulturministerin mit ein paar russischen Freiheitskämpferinnen abgäbe, die sich zudem ungeniert über kirchliche Privilegien hinwegsetzen.
Russland ist fern, die luxemburgischen Parlamentswahlen sind nah. Jetzt wollen wir mal nicht übertreiben. Ist es nicht vermessen, überhaupt Parallelen zum russischen Trauerspiel zu bemühen? In Luxemburg ist die Freiheit der Kunst doch vom Staat garantiert, nicht wahr? Nun, dann werfen wir mal einen Blick auf ein offizielles Dokument aus Frau Moderts Ministerium (Aides financières pour projets culturels). Wer als Künstler staatliche Hilfen beantragen möchte, hat sich folgender Klausel zu fügen: „Les bourses ne peuvent pas être octroyées à la création d’œuvres contrevenant de manière générale à l’ordre public et aux bonnes mœurs.“ Fragt sich nur, was sich Frau Modert eigentlich „de manière générale“ unter öffentlicher Ordnung und guten Sitten vorstellt? Wir möchten nicht spekulieren, die Antwort wird sie be stimmt selber liefern. Diese Klausel ist im Kern genau die Grundlage, auf der die russischen Aktivistinnen vor den Kadi gezerrt wurden. Es ist der Versuch, mittels einer verschwommenen Formulierung, die jede Willkür erlaubt, Kunst und Künstler an die Kandare zu legen. Hier Unterstützungsverweigerung, dort Ruhigstellung per Richterspruch. Die Muster gleichen sich. Frau Filippetti, übernehmen Sie!
Nach der Urteilsverkündung im Pussy Riot-Prozess betonte Nadjeschda Tolokonnikowa, sie und ihre Mitstreiterinnen würden nicht im Traum daran denken, bei Putin um Begnadigung zu betteln. Umgekehrt sei es vielmehr am Diktator, Pussy Riot um Gnade zu bitten. Diese Frau wäre eine ausgezeichnete Kulturministerin.

Guy Rewenig
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