Ländliche Werbung

Zähes Rumgeflirte

d'Lëtzebuerger Land vom 06.07.2000

Alle Jahre wieder ist Höhlentheater. Dann werden vier Wochen lang die Kasematten unterm Bockfelsen bespielt, und es gibt leichte Stücklein zum Schmunzeln und Abschalten. Wieso auch nicht! Mögen es zwar oft schwache Plots à la „Eine Oma hat ihre Brille verloren" sein, die das Kasemattentheater auf die Höhlenbühne bringt: so lange sie die Aufmerksamkeit eines Publikums zu wecken und wach zu halten vermögen, sei ihnen der Zulauf gegönnt. Besser, erwachsene Menschen sitzen im Theater, als dass sie Auto fahren oder Kinder anbrüllen.

Und doch: Die letztjährige Inszenierung konnte nicht recht überzeugen. Ein Karl-Valentin-Potpourri hatte es gegeben, an dem das Ensemble sich jedoch schon deshalb verhob, da nur Pianist Toni Schuster als gebürtiger Münchner im Stande war, überzeugend Bayerisch zu sprechen. Lobenswert, dass man nun, im Sommer 2000, auf Nummer Sicher gegangen ist und sich auf jenen Stoff besann, der schon seit Aberhunderten, wenn nicht gar Tausenden von Jahren die Menschen zu rühren vermag: Boy meets girl.

Auf einem Schiff geschieht dies, während einer Kreuzfahrt im Mittelmeer. Patrick Colling ist der Boy, ein Reiseschriftsteller, der die Tour von Berufs wegen absolviert. Christine Reinhold gibt das Girl, das es ganz offensichtlich abgesehen hat auf den Boy, der jedoch stoisch unnahbar bleibt. Erdacht hat dieses Zweipersonenstück der Ire George Bernard Shaw, es heißt Ländliche Werbung und ist ironisch gemeint. Nur zum Schein gibt es einen sozialen Statusunterschied zwischen Boy und Girl. Zwar ist er der Intellektuelle, doch aus eigener Tasche hätte er sich die Schiffsfahrt wohl genau so wenig leisten können wie sie, die die Tour im Lotto gewonnen hat und sonst in einem kleinen Dorf lebt, wo sie im einzigen Laden als Verkäuferin arbeitet.

Ländliche Werbung will das romantische Liebesideal gegen den Strich bürsten. Im katholischen Irland der 30-er mag das gewagt gewesen sein. Vor allem, da hier eine „einfache" Frau ihre emotionalen und sexuellen Bedürfnisse unüblich laut deutlich macht. Im Milleniums-Jahr aber sind schüchterne Männer und lautstark auftretende Frauen jeder Herkunft derart üblich, dass es schon inszenatorischer Finesse bedarf, um das Stück, dessen Verlauf allzu rasch keinen Zweifel daran aufkommen lässt, dass Boy und Girl einander schon kriegen werden, nicht zum Langweiler geraten zu lassen. 

Kasemattentheater-Hausregisseur Dieter Peust hat Ländliche Werbung nach eigenem Bekunden schon rund 250 Mal in Berlin erfolgreich über die Bühne gebracht - aber Luxemburg ist offenbar nicht Berlin. Zwar macht der Text durch witzige Dialogpassagen die Konfliktarmut hin und wieder wett. Der Schwachpunkt der Inszenierung aber ist der Boy: Patrick Colling gibt ihn nur stoisch und nichts als stoisch, so dass die unermüdliche Christine Reinhold derart an ihm abprallt, dass sie einem im richtigen Leben leid tun könnte. Da es sich hierbei jedoch um ein Theaterstück handelt, muss man sich fragen, ob der Regisseur nach 250 Aufführungen betriebsblind geworden ist. Leider, leider: Obwohl das diesjährige Höhlentheater nur 76 Minuten dauert, muss von der Betrachtung dieses zähen Geflirtes abgeraten werden.

Weitere Aufführungen: vom 4. bis 22. Juli dienstags, mittwochs, freitags und samstags, jeweils um 20.30 Uhr im Bockfelsen. Kartenvorbestellung über Telefon 29 12 81.

Peter Feist
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