Der Spielverderber

Bühnenleiche Beethoven

d'Lëtzebuerger Land du 23.12.2004

Was lange währt, wird endlich gut. Und allzu lange, vom Merscher Stückemarkt im März 1998 bis heuer, das heißt bis zur Uraufführung des 18. Dezember 2004 haben leider formale, terminliche und personelle Hindernisse einem unübersehbar hochgespannten Publikum den ga-rantierten Spaß an Roland Harschs Bühnenerstling verdorben. Vermutlich, hoffentlich gibt es auch gute Gründe, das knapp einstündige, sprachliche Bravourstück Der Spielverderber vorerst lediglich an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im proteisch wandelbaren Studio des Grand Théatre de la Ville steigen zu lassen. Die lange Wartezeit auf Harsch ist im nachhinein schwer nachzuvollziehen, da die Hauptstadt zwar mittlerweile nicht nur über drei echte Bühnen und mehrere achtbare Theaterensembles gebietet, das Angebot an wirklich neuen produktionswerten Stücken von Luxemburger Autoren jedoch bedrohlich gegen Null tendiert. Roland Harsch war fürwahr gut beraten, die seinerzeit in Mersch vorgestellte, auf vier Personen berechnete Urfassung des Spielverderber gnadenlos auf  Monodrammaß zusammenzustreichen und daraus buchstäblich eine Partitur für das Rezital eines Komödianten vom begnadeten Format André Jungs zu destillieren. Trendige, modengläubige Kritiker werden ihm aber vermutlich ankreiden, nicht nur traditionelle Dramatik zu pflegen, sondern, o Frevel, unter einem Titel à la "Spielverderber" Theater zu schreiben, das nicht nur ihm, dem Autor, sondern auch seinem Interpreten und nicht zuguterletzt seinem Publikum sichtlich und hörbar Spaß am Spiel verschafft. Roland Harschs inzwischen bereits ansehnliches Oeuvre speist sich aus zwei, allenfalls drei Hauptquellen: Lust an der Spracharbeit schlechthin, tiefer und weiter musikalischer Bildung und Praxis und/oder der in köstlichsten Humor und hemmungslose Selbstironie verwandelten Desillusion durch seinen Beruf als Sprachlehrer. Das zu einem Einakter-Monolog verschlankte Vier-Personen-Urstück verrät denn auch biographische, psychologische und dramaturgische Konsequenz und Stringenz: Aus Harschs Jugendtraum von einer Karriere als Klaviervirtuose hätte banalerweise der an die 40 Berufsjahre dauernde Solo-Alptraum des Deutsch- und Lateinlehrers vor immer defizienteren Gymnasialklassen werden können, wenn, ja wenn es dem Wortakrobaten nicht gelungen wäre, diesen tristen Werdegang nicht bloß in eine Stretta, eine Suada, eine Philippika aus zündenden Geistesblitzen, spirituellen Anspielungen, anekdotischen Boshaftigkeiten, virtuosen Wortspielereien und grotesken Lautmalereien, respektlosen Titelverballhornungen und üblen Namensverdrehungen zu packen, sich in einem langen, lauten Atemzug selber zu veräppeln und gleich auch den bastardisierten internationalen E-Musikbetrieb gnadenlos auf die Schippe zu nehmen. Vielleicht liegt, nach Harsch, in der historischen Tatsache, dass sich der olle Beethoven, Schöpfer der pianistischen Dauerlutscher Pathétique, Mondschein und Appassionata frühzeitig in die Taubheit verabschiedet, ein tieferer Sinn, auch er hätte sich wohl in seinem legendären Groll genauso wie heuer André Jung als Aussteiger aus der völlig entleerten, banausischen Konzertroutine eben-falls am Ende unter seinen Konzertflügel gelagert und das Publikum seiner geistigen Verarmung und künstlerischen An-spruchslosigkeit überlassen. Roland Harsch streift in Der Spielverderber beinahe schon ionescisch ab-surdes Theater, erinnert im Mittelstück seines von Adagio über Allegro di molto e con brio zu Prestissimo gesteigerten Einakters famos an Handkes frontale Publikumsbeschimpfung und braucht sich zwischendurch auch nicht der Inspiration bei Patrick Süsskinds brillantem Kontrabass zu schämen. Einen genuineren, kongenialeren Interpreten als André Jung, dem möglicherweise Der Spielverderber in seiner Endfassung insgeheim von Anfang zugedacht war, hätte für Harschs ersten Bühnenversuch nicht aufgetrieben werden können. Am Abend des 18. Dezember 2004 hat sich also aufs Sinnigste der Lebens- und Schaffenskreis eines großartigen Mimen geschlossen: André Jungs Karriere hat vor Jahrzehnten bescheiden beim Kasemattentheater begonnen, Roland Harschs Spielverderber hat ihn aufs dankbarste in eine Produktion dieser Off-Bühne heimgeholt.

Keine weiteren Aufführungen vorgesehen

Michel Raus
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