Das tapfere Schneiderlein

"Siebene auf einen Streich"

d'Lëtzebuerger Land vom 11.12.2008

Alle Jahre wieder… Die Kinderoper des TNL, seit 2003 in der Vorweihnachtszeit programmiert, darf nun schon auf einige Jahre Bestehen in der Luxemburger Kulturlandschaft zurückblicken. Das Théâtre national du Luxembourg darf sich ans Revers heften, dass man sich für den jungen Zuschauer ernsthaft interessierte, bevor die Philharmonie mit seinen zahlreichen Abos fürs junge Publikum die kulturbeflissenen Eltern heimsuchte und bevor mit Traffo (seit 2007) ein anspruchsvolles Ganzjahresprogramm Maßstäbe in der Programmation für Kinder setzte.

Nun ist die Kinderoper zu einem von vielen Programmpunkten innerhalb des TNL einerseits und innerhalb des gesamten Angebotes fürs junge Publikum andererseits geworden. Und doch ist sie etwas ganz Besonderes. Sie ist zum einen, im Gegensatz zu der Mehrzahl der Darbietungen in den anderen Kultureinrichtungen, kein integral importiertes Produkt, sondern eine Eigenproduktion, die nicht nur den Besonderheiten des hiesigen Publikums, sondern auch den Einschränkungen durch die Begebenheiten der Bühne des TNL Rechnung tragen muss. Da sogar in der europäischen Kulturlandschaft die Form der Kinderoper eher selten zu sehen ist, muss man die Existenz dieses kleinen, aber feinen Programmpunktes im TNL hervorstreichen. In diesem Jahr erwartet uns das Team um Regisseurin Jacqueline Posing-Van Dyck mit einer Inszenierung der bekannten Gebrüder-Grimm-Geschichte Das tapfere Schneiderlein.

Mit der Rezeption der „kleinen Oper für Kinder ab vier Jahren“ ist das eine ganz eigene Sache. Während die Kinder im Theater unmittelbar in die Nar­ration einsteigen (oder auch nicht), so müssen sie sich bei der Form der Oper erst einmal mit Gesang und Musik auseinandersetzen, bevor es zur Verarbeitung der Geschichte kommen kann. Dass es für diese Bühnenstücke nicht nur eine Art der Inszenierung gibt, zeigt das Ensemble des TNL, das sich über die Jahre hindurch immer wieder in verschiede­nen Möglichkeiten der Dramaturgie und des Bühnenbildes versucht hat. Es ist ein Ausloten des Machbaren auf der Bühne einerseits, ein Erspüren der Befindlichkeiten der jungen Zuschauer andererseits. Was wäre eine besonders gelungene Kinderoperinszenierung? Woran lässt sich Erfolg messen?

Bei meinem Sohn Felix – durch einige Jahre Theater- und Philharmoniebesuche kritisch vorbelastet – hat die Kinderoper einen schweren Stand. „Zu wenig Action“ (wir durchleben ge­rade die „Starwars-Phase“) und „Oper, das rockt nicht“ (wir haben Papas Vinylsammlung herausgeholt). Gera­de mit dem tapferen Schneiderlein tat sich mein kleiner Begleiter schwer. Nicht weil die Geschichte des listigen Märchenhelden uninteressant oder zu altmodisch wäre, doch erkannte der junge Zuschauer ob all der Adaptationen an die Form der Oper die bekannte Geschich­te mit ihren vielen Episoden des listigen Kampfes nicht unbedingt wieder. Im Gegensatz zu den vorhergehenden Jahren hatte man das Stück nicht mit mehr oder minder gelungen Mitmacheinlagen fürs Publikum gespickt. Eine gewisse Schlichtheit der Form und des Inhaltes gab den Ton an.

So kam es, dass unser zweiköpfiges Kritikerteam in diesem Jahr unterschiedliche Meinungen vertrat. Ich fand die Auswahl des Stückes besonders ansprechend. Anstatt mit Mozart kommt die Oper mit den zeitgenössischen Elektronikklängen des österreichischen Komponisten Wolfgang Mitterer daher. Auf der Bühne übernimmt Jonathan Kaell die musikalische Leitung, mischt die Samples mit Tierstimmen, Fliegengesumm oder Steinschlag unter die wundervollen Gesangseinlagen, mit dem von Helga Utz entworfenen Libretto. Man wird nicht von pompösen Klassikmelodien an die Wand gedrückt, die Kraft des Ausdruckes liegt in einem präzisen Zusammenspiel von Elektronik-Klängen, Gesangseinlagen und schauspielerischen Elementen – dies alles in einem mit Bedacht einfach gestalteten Bühnenbild von Christian Klein. 

Mit Christian Kmiotek in der Rolle des Königs steht denn auch nur ein Schauspieler auf der Bühne, die anderen sind ihres Zeichens klassisch ausgebildete Sänger: Clemens Gnad, Andreas Scheel, Johann Winzer und Ljiljana Winkler. Mich wusste die Klarheit der Inszenierung, der Witz der Dialoge und die Präzision der Sound-Komposition vollends zu Überzeugen. Meinem Sohn gefiel vor allem der fulminante Kampf der Riesen, der mit ei­ner effektvollen Animation mit Schat­tenfiguren dargestellt war. Dies ist wohl eine der Herausforderungen an die Eltern dieser Tage: den Spagat zwischen Starwars und den Gebrüdern Grimm zu bewerkstelligen, Interesse an Oper zu erwecken, wenn man im Radio nur Rock und Pop hört. Vielleicht gelingt dem TNL ja die Entwicklung zur Aussage: „Oh ja, Kinderoper, das rockt!“

Das tapfere Schneiderlein von Wolfgang Mitterer und Helga Utz, unter der Regie von Jacqueline Posing-Van Dyck, musikalische Leitung: Jonathan Kaell, Bühne und Kostüme: Christian Klein, Regieassistenz: Natalie Ortner, mit Clemens Gnad, Christian Kmiotek, Andreas Scheel, Ljiljana Winkler und Johann Winzer. Weitere öffentliche Vorführungen am 14. und 21. Dezember um 16 Uhr und am 13. Und 20. Dezember um 17 Uhr im TNL. Tel: 47 08 95-1; Internet: www.tnl.lu.

Anne Schroeder
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