Tock Tock

Wie heißt der Hund?

d'Lëtzebuerger Land du 10.11.2005

Kindertheater in Luxemburg weist ähnliche Problematiken auf wie sein erwachsenes Pendant. Es gibt die Luxemburger Hausmannskost, die (zu) gut gemeint und in ihrer Inszenierung so manches Mal völlig unoriginell daherkommt. Die besten Spektakel sind meist aus dem Ausland importiert - was das Problem der Verständlichkeit der fremden Sprache für die einheimischen Kinder stellt. Und dann gibt es die kleinen Perlen der Theaterinszenierung, die überraschend unspektakulär sind, aber mit wenig Aufwand und großer Wirkung überzeugen.

Tock Tock gehört in letztere Kategorie. Es wendet sich an ein Publikum, das von den Regisseuren meist übergangen wird: an die Kleinen von drei bis sieben Jahren. Für diese Altersgruppe wird so wenig geboten, dass die Eltern jedes Angebot im Nu zum kompletten Ausverkauf bringen. Der Anspruch des verantwortlichen Regisseurs Daniel Tanson ist einfach: Den Kindern modernen Tanz näher zu bringen, ihr Interesse für Klang- und Musikwelten zu wecken und sie letztendlich auch aktiv an der Kreation teilnehmen zu lassen. Im ersten Teil agiert die Tänzerin Annick Pütz, die auch für die Choreografie verantwortlich zeichnet, in einem speziell für Tock Tock konzipierten Bühnenbild. Ganz aufmerksam beobachten die kleinen Zuschauer, wie Annick auftaucht, verschwindet, über Kästen und Kisten gleitet, sich verrenkt und kurze Tanzeinlagen bietet. Wie sie schläft, Auto fährt, Blumen pflückt, an einer Gitarre zupft und einen glitschig silbrigen Fisch verspeist. Ein Leben wird dargestellt, die Darstellerin ist mal Kind mal Erwachsene. Ihre Körpersprache versteht jedes Kind. Wundervoll einfach, einfach gelungen. Das Tanzspektakel kommt ohne Dialoge aus, nur manchmal werden seltsame Worte in den Raum geworfen. So tolle Kinderlieblingsworte wie "Aquariumsspruddeler" oder "Tutebatti".   Maskénada, respektive Dan Tanson, hat sich bereits bei der Organisation des Internationalen Marionettentheaterfestivals durch ein anwechslungsreiches und anspruchsvolles Kindertheaterprogramm mit Tanz und Puppen hervorgetan. Und sich vielleicht etwas von ausländischen Kollegen abgeschaut: Einprägsam soll das Spektakel sein, Überraschungen bieten und Spaß machen. Und mitmachen soll erlaubt sein. Im zweiten Teil von Tock Tock steht genau das im Vordergrund: Kinder und Eltern lernen mit Annick Pütz einen kleinen Teil der Choreografie; sie lernen, dass der Körper auch Geräusche macht. Sie hören aufmerksam zu. Felix, Pia und Catherine finden den anderen Mitmach-Teil noch viel besser: die Kinder dürfen das Bühnenbild erobern, rutschen, flutschen, springen, fallen in Kisten und kriechen durch enge Tunnel. Sie suchen nach einem unsichtbaren Hund, der doch noch gerade eben durch leises Bellen auf sich aufmerksam machte. Beim Abschied gibt der Regisseur dem Publikum die Bitte mit auf den Weg, sie sollten doch nach einem Namen für den zugelaufenen Vierbeiner suchen. Damit es noch Diskussionsstoff fürs Abendessen gibt. Wie heißt der Hund?

Nicht sehr viel mehr gibt es zu Tock Tock zu sagen. Es ist ganz einfach - so einfach ist das nicht zu haben - ein intelligent gemachtes Kinderspektakel, das sich nicht in seinen eigenen Ansprüchen verheddert und nicht einmal den Fehler macht, in zu lange Spieldauer auszuachten. Die Maskénada asbl, umtriebig auf vielen Gebieten der Kreation, hat sich die Zusammenarbeit von 3C-L eingeholt. Hinter dem unbekannten Kürzel verbirgt sich Bekanntes: das Centre de Création Chorégraphique Luxembourgeois ist der neue Namen des Théâtre Danse et Mouvement. Maskénada, wie 3C-L, verfügen über keine festen Infrastrukturen. Für jedes Spektakel muss man sich von den kleinen und großen Theaterhäusern einladen lassen. Das Große Theater der Stadt Luxemburg hatte seinen Proberaum für die Aufführung geöffnet, anschließend zog man für einige Vorstellungen in die Escher Kulturfabrik.

Tock Tock macht den Umzug zum Programm. Wohlwissend, dass Kindertheater in der Luxemburger Kulturszene auch ein einigermaßen einträgliches Geschäft sein kann, hat man das Spektakel bewusst so konzipiert, dass es problemlos in jedem Kulturzentrum und jedem Turnsaal aufgebaut werden kann. Die Tournee der Kisten und Kästen, der Tänzerin und des Regisseurs wird sich demnach bis weit ins nächste Jahr hinziehen. Voraussichtlich vom 23. bis zum 27. Januar 2006 sind weitere Vorstellungen in Bonneweg geplant (schnell reservieren, die Plätze sind sehr begrenzt), außerdem wird Tock Tock bis Sommer 2006 landesweit programmiert werden. Und der Hund dürfte bis dahin nicht mehr namenlos sein.

Tock Tock, ein Kindertanzspektakel unter der Regie von Daniel Tanson, mit Annick Pütz. Musik: Serge Tonnar. Eine Koproduktion von Maskénada asbl, 3C-L, GTL. Informationen: www.maskenana.lu

Anne Schroeder
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