Urfaust

Baukastenfaust

d'Lëtzebuerger Land vom 18.01.2001

"Da steh ich nun ich armer Tohr und bin so klug als wie zuvor." Ein Spruch, der in keinem Lexikon für Sprüche und Redewendungen fehlen darf. Er stammt aus Goethes Faust, einer wahren Goldgrube für jeden Bildungsbürger, Leserbriefschreiber und zitierfreudigen Mittelklassejournalisten, und er ist schon so im Urfaust vorhanden. Das Fragment zur großen Tragödie, das Goethe bereits 1775 ein erstes Mal vorlas und dessen Abschrift die Literaturgeschichte dem Hoffräulein Luise von Göchhausen zu verdanken hat. Als sei's eine Reaktion auf Peter Steins megalomanen 24-Stunden-Marathon des Gesamtfaust letztes Jahr, als habe sie sich für Deflation entschieden, hat Guig Jost nun im Centaure den Urfaust inszeniert. 

Eine Miniaturbühne für eine Faustminiatur? Guig Jost würde das Argument nicht gelten lassen. In der Januarnummer der FLTP-Publikation Theater erklärt sie: "Meinen Einstieg zu dem ganzen Faust-Themenkreis bekam ich über den Urfaust, der eine kondensierte Form des Faust I ist. Die Hauptfiguren sind da, die Haupterzählstränge auch." Allerdings handelt es sich um eine Skizze, ein Fragment, mit allen Nachteilen, besonders dem Fehlen jedweder Dramaturgie und psychologischen Entwicklung der Figuren. 

Und so sitzt er da, der arme Tohr, Faust (Uwe Neumann) und muss die sinnschwangeren Zeilen des großen, wissbegierigen Gelehrten einfach so ins Schwarze hinein rezitieren. Keine Zueignung, kein Vorspiel auf dem Theater, kein Prolog im Himmel. Uwe Neumann tut sich schwer, versucht, Rodins Denker zu mimen oder durch Schreien Fausts unstillbaren Wissensdrang darzustellen. Oder Mephisto (Christian Kmiotek): er tritt auf einmal einfach so auf, kein Pudels Kern, nichts. Da werden Primaner etliche Szenen su-chen, die sie gerade am Büffeln sind.

Goethes Urfaust, in der Sturm- und Drangzeit des Dichters entstanden, konzentriert sich noch quasi ganz auf die Gretchentragödie, gespickt mit deftigeren Szenen, besonders in Auerbachs Keller. Für Bert Brecht war klar, dass die Scherze in der Tragödie ganz darauf zurückzuführen waren, dass Goethe noch unter dem Einfluss seiner Shakespeare-Lektüre stand. Und den Faust-Stoff an sich hatte er auf der Puppenbühne kennen gelernt. Demnach lag Guig Josts Auslegung des Stücks auf der Hand: sie hat sich für eine verspielte, streckenweise sogar schrille Komödie entschieden, und überall dort, wo diese Absicht klar umgesetzt ist, ist ihr Urfaust gelungen.

Wenn Claude Mangen mit luxemburgischem Akzent den depperten Studenten spielt, der Mephisto Löcher in den Bauch fragt; wenn Anette Daugardt (die übrigens in Frank Hoffmanns Faust-Inszenierung das Gretchen interpretiert hatte) Frosch als lüsterne Wirtin oder Frau Marthe als Nymphomanin anlegt; wenn Christian Kmiotek das schelmische Teufelchen raushängen lässt, dann bricht alles Eis in den Zuschauerreihen. Trixi Weis' einfallsreiche Bühne und ihre ebenso schlichten Kostüme funktionieren nach dem Bauskastenprinzip: mit Reißverschlüssen, Kasten, Deckel und Klappen lässt sich die gesamte Ausstattung verändern und im Handumdrehen umbauen, verbirgt hier einen Synthesizer oder offenbart dort einen Miniaturgarten. Wie das Faust-Fragment deutet sie an und lässt sich aus- und umbauen.

Die klarste Figur im Urfaust ist zweifelsohne das Gretchen, sie ist quasi schon in ihrer endgültigen Form hier skizziert. Und Guig Jost ist in ihrer Besetzung ein Volltreffer ge-lungen: Shirin Fabeck, die schon mehrere Male in der unabhängigen escher Jugendtruppe Independent Little Lies aufgefallen war, war bis dato den professionellen Bühnen unbekannt geblieben. Ihre unverbrauchte Frische verbirgt eine entschlossene Schauspielerin, ihr Gretchen ist zerbrechlich und grazil, wunderbar naiv und empfindsam. Der Urfaust endet mit ihrem Tod, als könnte es anders nicht sein.

 

Urfaust von Johann Wolfgang Goethe; Regie: Guig Jost, Bühne und Kostüme: Trixi Weis, Musik: Jean-not Sanavia, Licht: Véronique Claudel, Produktionsleitung: Renée Maerz, Regieassistenz: Andreas Mayer; Produktion: Théâtre du Centaure und Theater GmbH; mit: Shirin Fabeck, Anette Daugardt, Uwe Neumann, Christian Kmiotek und Claude Mangen. Weitere Vorstellungen: heute und morgen abend sowie am 24., 26., 27., 31. Januar und am 2. und 3. Februar um 20 Uhr und am 21., 25., 28. Januar und 1. und 4. Februar um 18.30 Uhr im Dierfgen (Telefon für Vorbestellungen: 22 28 28). Am 14. und 15. Februar wird das Stück in der Escher Kulturfabrik und am 16. und 17. Februar im Ettelbrücker Centre des Arts pluriels gespielt.

 

 

josée hansen
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