Theater

Gegenöffentlichkeitsarbeit

d'Lëtzebuerger Land vom 27.09.2019

Wer sich den Internetauftritt des Luxemburger Pavillons für die Expo 2020 in Dubai auch nur flüchtig anschaut, könnte leicht zur Überzeugung gelangen, dass Satire hier überflüssig ist. „A strong focus lied on circular economy criteria and on how the architecture could form together with the exhibition a perfect symbiosis“, liest man da etwa. Die Mischung aus Buzzwords und Phrasen, grammatischen Fehlern und syntaktischen Holprigkeiten demontiert sich dermaßen selbst, dass man die künstlerischen Mittel der Überspitzung und Persiflage gar nicht mehr bemühen muss. Aus dem Blinkwinkel des Künstlerkollektivs Richtung22 betrachtet, könnte aber selbst dieses PR-Desaster nur ein weiterer Versuch sein, von der viel größeren Katastrophe abzulenken, die die Teilnahme an der Weltausstellung in Wahrheit bedeutet.

Expo2020Dubai nennt sich das neue Theaterprojekt der Neo-Situationist_innen. Es weist sich selbst als „Informatiounsspektakel“ aus und möchte das große Spektakel des globalisierten Kapitalismus, zu dem Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktoum nächstes Jahr einlädt, durch Aufklärungsarbeit bekämpfen. Das Stück ist Teil einer größeren Kampagne, mit der Richtung22 luxemburgische Kulturinstitutionen zu einem Rückzug aus dem Expo-Projekt auffordert. Auf der Bühne des Centaure wird die Öffentlichkeit des Theaters dafür als Gegenöffentlichkeit genutzt, mit der die massive Öffentlichkeitsarbeit der Regierung ausgehebelt werden kann – zumindest für die rund 70 Minuten, die die Aufführung dauert. Expo2020Dubai ist ein Stück über Sinn und Unsinn von PR-Maßnahmen.

Zu Beginn erwacht ein gewisser Luc Friederatu von den Toten und schwärmt von der guten alten Zeit, in der niemand hingeschaut hat, wenn man mit der Handelskammer in den Nahen Osten gereist ist, um „Scharia-kompatibel Finanzproduiten“ zu verkaufen. Aber nun sei eine neue Zeit angebrochen. Der Staat habe sich dem kommunikationsintensiven Nation Branding verpflichtet und sich einen Begriff auf seine Flaggen geschrieben, den der Geldvampir mehr fürchtet als Knoblauch und Weihwasser zusammen: „Transparenz“. Unter dem selbstgeschaffenen Druck, Öffentlichkeit und Presse darüber zu informieren, worin Politik eigentlich besteht, lassen sich die Regierungsvertreter im Stück allerhand hanebüchenen Schwachsinn einfallen – und kommen damit durch, weil weder Öffentlichkeit noch Presse letztlich so genau wissen wollen, woher der sagenumwobene Wohlstand Luxemburgs stammt. Zensur, Entführung, Sklaverei und Folter machen sich nicht gut als Rubriken auf der offiziellen Expo-Homepage.

Um die lange Liste an Menschenrechtsverletzungen auf Seiten der Vereinigten Arabischen Emirate und die Verstrickung darin auf Seiten des Großherzogtum Luxemburgs auf die Bühne zu bringen, verbindet Expo2020Dubai Kabarett und well-made play. Dem gewieften Altmeister Friederatu ist ein (überspielter) Étienne zur Seite gestellt, ein dümmlicher Schuljunge, der dauernd von Visionen träumt. Beide reisen im Verlauf des Abends nach Dubai und zurück, begleitet unter anderem von einer Maggy Nagel, die zuerst als bloße Sekretärin erscheint, später allerdings mehr und mehr die Zügel in die Hand nimmt. Es ist nur eine von vielen Umkehrungen der Verhältnisse in der erstaunlich klassischen Dramaturgie des Abends. Zwischen Klamauk und Politikerschelte, wie man sie auch auf den Kleinkunstbühnen des Landes dargeboten bekommt, mengen sich derweil regelmäßig dokumentarische Passagen, in denen Richtung22 dem Publikum seine Recherchearbeit präsentiert.

Zu den gelungeneren Szenen gehört sicherlich der Auftritt eines Jean Asselborn, den das Establishment als Joker zu Thema Moral ausspielt. Asselborn setzt an mit pathosgeladenem ­Europa-Gefasel, bevor er dann doch über tatsächliche moralische Verfehlungen der Beteiligten zu reden beginnt – ein Irritationsmoment, das das Stück wiederholt zu nutzen weiß. Die Figur der „Kënschtlerin“ entwickelt sich in die andere Richtung, lacht sich ins Fäustchen, weil sie ja „eigentlech kritesch“ ist und dem Expo-Team ein Kuckucksei untergejubelt hat, nur um dann von Nagel als bloße Dekorationsmalerin vorgeführt zu werden. Wer sich auf einen Deal mit dem Kapital einlässt, hat als Künstler_in von vornherein verloren; jegliche Systemkritik entpuppt sich dann als weitere Finte der Macht. Die Botschaft dürfte unmissverständlich sein, provoziert in einem Saal, in dem vermutlich jeder kulturpolitische Seitenhieb augenblicklich verstanden wird, jedoch nicht mehr als zustimmendes Nicken und ein paar Bravorufe am Ende. Für seine Auseinandersetzung mit dem Finanzplatz muss man Expo2020Dubai dankbar sein, ganz so brav hätte die Umsetzung aber nicht ausfallen müssen.

Das Stück Expo2020Dubai von Richtung 22 wird noch heute Abend, 27. und morgen. Samstag den 28 September jeweils um 20 Uhr im Théâtre du Centaure aufgeführt; weitere Informationen und Tickets unter richtung22.org/expo2020dubai.

Jeff Thoss
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