Arcelor-Mittal

Oh no, Mr Mittal!

d'Lëtzebuerger Land vom 30.11.2012

Arcelor-Mittal beabsichtigt, die Büros an der Avenue de la Liberté bis auf weiteres zu schließen“, so die Pressemitteilung vergangenen Freitag. Die Entscheidung, das Gebäude einzumotten, hat Signalcharakter. Dass Arcelor-Mittal spart, ist nicht neu. Seit 2008 hat der Konzern die Funktionskosten um 4,8 Milliarden US-Dollar reduziert. Weil der Stadtpalast an der Avenue de la Liberté ohnehin nur noch als Tagungsort der internen Weiterbildungssparte Arcelor-Mittal University diente – oder zur Abhaltung von Yoga-Kursen, wie der Corporate Responsiblity Report informierte – und die Reisebudgets so weit gekürzt wurden, dass die Seminare der University per Video-Konferenz abgehalten werden, fehlt ein Nutzungszweck. Weil aber der Konzern nicht irgendein Verwaltungsgebäude schließt, sondern den Firmensitz, werden dadurch zwei Dinge so deutlich wie nie zuvor: Dass die Entscheidungen nicht am Firmensitz oder in Luxemburg, sondern am Mittal-Familiensitz in London getroffen werden. Und dass der Konzern so wenig Geld hat, dass wirklich jeder Cent umgedreht werden muss.
Anfang November stufte die Rating-Agentur Moody’s als zweite Agentur nach Standard and Poor’s im August Arcelor-Mittal-Anleihen auf Schrottstatus herunter. Das Wirtschaftsumfeld werde sich für Arcelor-Mittal erst einmal verschlechtern, bevor es Aussicht auf Besserung gebe, so die Analysten von Moody’s. Sie verwiesen auf die schlechten Ergebnisse im dritten Quartal. Das Volumen der Stahllieferungen schrumpfte, das Vorsteuerergebnis ebenfalls. Vor allem aber war der Cash-flow negativ, weswegen die Nettoverschuldung um 1,2 Milliarden auf 23,2 Milliarden Dollar anstieg. Deswegen sei der Schuldenreduzierungsaufwand, den Arcelor-Mittal betreiben müsse, derart groß, dass er entweder unerreichbar sei, oder, sollte er durch den Verkauf von Aktivposten – Produktionsanlagen – bewerkstelligt werden, er nicht ohne Folgen auf Betrieb und Umsatz bleiben würde.
Die Bruttoverschuldung von Arcelor-Mittal betrug, den Konzernergebnissen vom 30. September zufolge, 26,6 Milliarden Dollar. Davon sind dieses Jahr 900 Millionen zurückzuzahlen, kommendes Jahr 3,9 Milliarden Dollar. Der Konzern verfügt daneben über Kreditlinien über zehn Milliarden Dollar, die er Ende September nicht angezapft hatte – es gibt also einen Notgroschen. Die Bankensyndikate, welche die Kreditlinien gewährt haben, stellen als Bedingung, dass die Nettoverschuldung das Vorsteuerergebnis (jeweils über zwölf Monate gerechnet) nicht um das 3,5-fache übersteigt – ansonsten können sie ihr Engagement kündigen. Dieser Marke näherte sich Arcelor-Mittal im Verlauf der vergangenen neun Monate relativ schnell. Ende 2011 betrugen die Nettoschulden das 2,1-fache des Vorsteuerergebnisses. Ende September 2012 waren die Nettoschulden 3,1 Mal so hoch wie das Vorsteuerergebnis.
Wer die Lage optimistisch betrachtet könnte meinen, so dramatisch wie Mitte 2009 sei die Situa­tion derzeit nicht. Damals waren die Nettoschulden auf das 3,4-fache des Vorsteuerergebnisses gestiegen und der Konzern hatte mit den Banken verhandeln müssen, um den Grenzwert, bei dem sie die Weiterfinanzierung verweigern, zeitweise auf 4,5 anzuheben. Deswegen ist das aktive Bilanz-Management – nach Health and Safety – die Priorität Nummer eins für den Betrieb. So hat er seit 2008 die Durchschnittslaufzeiten seiner Schulden von im Schnitt 2,5 Jahren auf über sechs Jahre verlängert, indem bestehende  durch neue Anleihen mit späteren Auslauffristen ersetzt wurden. Je schlechter allerdings die Bonitätsbewertung wird, umso höher die Zinsen, die der Konzern den Investoren zahlen muss.
Dabei beinhaltet die vom Konzern ausgewiesene Bruttoverschuldung von 26,6 Milliarden Dollar längst nicht alles, was ihm an Zahlungen bevorsteht: Zahlungen an Zulieferer, Steuern und Pensionsansprüche der Mitarbeiter beispielsweise. So dass Moody’s schlussfolgert, der Schuldenstand des Konzern betrage insgesamt 34 Milliarden Dollar. Der Börsenwert von Arcelor-Mittal lag zum gleichen Zeitpunkt deutlich unter diesem Wert, bei 22,8 Milliarden Dollar. Im Jahr eins nach der Übernahme von Arcelor durch Mittal Steel, 2007, betrug der Börsenwert im Schnitt über 87 Millionen Dollar, zeitweise war der Konzern über 106 Milliarden Dollar an der Börse wert. Im Februar 2008 wurden Arcelor-Mittal-Aktien zeitweise mit über 90 Dollar gehandelt, vergangene Woche schwankte der Preis zwischen 13 und 16 Dollar.
Im Juni 2013, warnt Moody’s, könnte Arcelor-Mittal wieder in die Situation geraten, dass die Nettoschulden das Vorsteuerergebnis um das 3,5-fache übersteigen und der Konzern bei den Banken um Nachsicht bitten muss. Denn das Problem sind nicht nur die steigenden Schulden, sondern auch die sinkenden Ergebnisse. Bei allem Vorträgen über die zunehmende Bedeutung der Schwellenländer macht der Konzern den größten Teil seiner Umsätze in den Industriestaaten Nordamerikas und Europas. Zum  Konzernumsatz von 116,9 Milliarden Dollar 2008 trug die Flachstahlsparte Europa mit 38,3 Milliarden Dollar bei, der Geschäftsbereich Bergbau mit 3,5 Milliarden Dollar. Doch weil sich die Margen in Europa verschlechtert haben, verdiente Arcelor-Mittal 2011 trotz des relativ bescheidenen Beitrags der Bergbausparte mit dem Verkauf von Eisenerz und Kohle doppelt so viel wie durch den Verkauf von Flachstahl in Europa (siehe Tabelle). So hat sich Arcelor-Mittal, in Luxemburg weitgehend unbemerkt, vom Stahlproduzenten zum Rohstoffunternehmen verwandelt. Ursprünglich als Maßnahme zur Rohstoffversorgung der eigenen Stahlanlagen gedacht, um die Abhängigkeit von den großen globalen Bergbauunternehmen zu verringern und den Rohstoffpreisfluktuationen aus dem Weg zu gehen, investiert Arcelor-Mittal seit Jahren verstärkt in den Kauf von Eisenerz- und Kohleminen. Im laufenden Jahr sind alle Investitionen in Stahlanlagen, die über Wartungsarbeiten hinausgehen, „on hold“. Kapital gibt der Konzern nur für Produktionserweiterungen in Minenprojekten in Liberia, Brasilien und Kanada aus. Die betriebseigene Eisenerzförderung soll von 54,1 Millionen Tonnen 2011 auf 100 Millionen Tonnen 2015 quasi verdoppelt werden. Ebenso wie die Kohleförderung von 8,3 Millionen Tonnen 2011 bis 2015 auf 16 Millionen Tonnen ansteigen soll. Die Ergebnisse von 2011 zeigen, dass diese Strategie aufgeht. Finanziell zumindest.
Die bisherigen Resultate von 2012 zeigen hingegen, dass diese Rechnung nicht immer aufgeht. Und dass deswegen die Ergebnisse, anders als von CEO Lakshmi Mittal in vielen Jahresberichten versprochen, nicht weniger zyklisch werden. Das hat verschiedene Ursachen. Zum einen ist das Bergbaugeschäft ein schwieriges. Auf Baffin Island im Norden Kanadas, wo Arcelor-Mittal in ein Minenprojekt investiert hat, herrscht Permafrost, was den Eisenerzabbau nicht gerade einfacher macht. In Liberia hat Arcelor-Mittal erst einmal in hunderte Kilometer Eisenbahninfrastruktur investiert, damit die Rohstoffe abtransportiert werden können. In Indien kämpft der Konzern seit Jahren um Genehmigungen – ohne merkliche Fortschritte. Zwar konnte Arcelor-Mittal die Rohstoffförderung auch dieses Jahr steigern. Doch wegen anstehender Infrastrukturarbeiten und der schwächelnden Weltkonjunktur wurde weniger Eisenerz verkauft und die Preise sind gesunken. So beläuft sich der Betriebsgewinn der Bergbausparte der ersten neun Monate 2012  auf 1,009 Milliarden Dollar im Vergleich zu 1,936 Milliarden Dollar in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres.
Hinzu kommt, dass längst nicht alle Stahlwerke vom Rohstoffselbstversorgerprinzip profitieren. Zwar deckte die Firma 2011 den Bedarf an Eisenerz mit Erz aus eigenen Minen und dem aus strategischen Lieferverträgen, insgesamt 65,2 Millionen Tonnen, zu 57 Prozent. Davon hat sie 28 Millionen Tonnen zu Marktpreisen entweder an Dritte oder an die eigenen Stahlwerke verkauft. Nur den Stahlwerken, die direkt an Minen angeschlossen sind, verkauft der Konzern Erz und Kohle nach dem „Kosten-Plus“-Prinzip, also zum reduzierten Preis.
Die europäischen Werke, wo Arcelor-Mittal 37 Prozent seiner 260 500 Beschäftigten in Lohn und Brot hat, profitieren nach dieser Logik nicht von vergünstigten Rohstoffpreisen. Obwohl von den 63 Hochöfen, die Arcelor-Mittal 2011 weltweit besaß, allein 25 zur Flachstahlsparte Europa (FCE) und weitere sieben zur Langstahlsparte Europa gehören – die einzigen Minen in Europa sind in Bosnien und der Ukraine. Die Flachstahlsparte Europa, unter der Leitung von Michel Wurth, wurde im Jahresbericht 2011 noch hochgelobt, wegen ihrer Exzellenz und dominierenden Marktposition im Autostahl. Doch Anfang 2011 wurde die Leitung der Flachstahlsparte von Michel Wurth an Aditya Mittal übertragen. Ab dem zweiten Semester 2011 sanken die Verkaufszahlen von FCE, was der Konzern auf das Schuldenkrisen-bedingte schlechte Wirtschaftsklima und den Abbau der Lagerbestände bei den Kunden zurückführt. Der Konzern kündigte unter anderem Schließungen in Florange und Lüttich an. Michel Wurth, mittlerweile für das Langstahlsegment zuständig, muss deswegen zwar die Restrukturierung der Langstahlwerke in Europa – dazu gehört die Schließung von Rodingen-Schifflingen – verantworten, steht aber etwas außerhalb der Schusslinie, wenn es in Belgien und Frankreich hart auf hart geht. Anfang nächster Woche läuft die Frist aus, die Arcelor-Mittal der französischen Regierung gewährt hat, um einen Käufer für die Hochöfen zu finden. Doch die Interessenten, die sich bisher gemeldet haben, wollen nur einsteigen, wenn sie auch die dazugehörigen Walzwerke kaufen können, was der Konzern bisher ablehnt. Wem aber sollten die neuen Eigentümer ihren Stahl verkaufen, wenn die Floranger Walzwerke ihr Halbzeug wie geplant aus anderen Arcelor-Mittal-Hochöfen beziehen? Deswegen wundert die Eskalation in Frankreich, wo der Minister für den Wiederaufbau Arnaud Montebourg Anfang der Woche sagte, „Mittal“ sei in Frankreich nicht mehr willkommen, nicht wirklich. Verwunderlicher ist eher, dass Montebourg nur den Firmenchef ins Visier nimmt, nicht aber den Konzern als Ganzes. Der ist schließlich weder indisch, noch britisch, sondern – trotz geschlossenem Firmensitz – luxemburgisch.  Die Luxemburger, die sich augenblicklich noch über den Abzug der Raubtierkapitalisten aus dem Katar freuen, hat Montebourg in der Vergangenheit öfters wegen der niedrigen Mehrwertsteuer und des Bankgeheimnisses angegriffen.

Michèle Sinner
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