Greise tragen keine Sprengstoffgürtel

Senioren sind keine Selbstmordattentäter

d'Lëtzebuerger Land du 23.01.2015

Oder haben Sie schon mal von einem Greis gehört, der sich einen Sprengstoffgürtel umschnallt, um sich todessehnsüchtig ins Paradies zu bomben? Oder auch nur von einem etwas gesetzteren Herrn, einem ein bisschen grau gesprenkelten, mit ein bisschen Bauch oder Doppelkinn, ein paar Furchen?

So eilig scheinen es nur blutjunge Heißsporne zu haben. Alle anderen sind schon so daran gewöhnt, hier zu sein, eine Aufenthaltsverlängerung scheint ihnen durchaus angebracht, sie haben es keinesfalls eilig, ihre Altfrau gegen die berüchtigten Jungfrauen einzutauschen. Die reifen Herrn haben anderes zu tun, als den Propheten zu rächen. Sie horten Gold in der Schweiz, sie sitzen hinter einem Schalter, sie predigen oder spielen Golf, kämmen sich den Bart oder erstehen eine Virgo. Es gibt so viel zu tun und nicht zu tun im Leben, das

wissen die alten Herrn, das wissen die alten Herrn auf der ganzen Welt, die alten Damen auch, lange haben sie oft gebraucht, um das herauszufinden. Wie lebenswert das Leben ist, doch, trotz allem, mit allem, mit Scharf, irgendwie, es könnte so weiter gehen, lebenslänglich. Selbst wenn es immer langsamer geht, bergab, mit Rollator, es geht, jaja, doch.

Sie haben nicht die geringste Lust, sich in die Luft zu jagen, in blutigen Fetzen durch die Luft zu wirbeln, selbst wenn sie noch so viele Ungläubige mit sich nehmen würden und in einem noch so tollen Märtyrerhimmel landen und goldumrahmt über der Fangemeinde schweben würden. Gesetzte Herren, oder auch gesetzte Damen, die Märtyrer_innenkreise sind mittlerweile für alle Geschlechter offen, lassen den Vortritt viel lieber den Jüngeren. Den Söhnen, den Töchtern, den Urenkeln.

Das ist ja an sich nichts Neues, die Alten haben das Sterben immer schon gern an die Jungen delegiert.

Arthritische Ritter und eine herzklapprige Phalanx wären natürlich auch nicht zielführend gewesen, man muss kein großer Stratege sein, um zu diesem Schluss zu kommen. Also machen die Alten den Jungen das Sterben schmackhaft. Mit Idolen, Idealen, Logos, Slogans. Mit Tattoos und Schlachthymnen und Federbüschen. Sterben macht high! Wie unromantisch wären aber auch alte Knochen auf einem Schlachtfeld!

In die Luft sprengen, denkt sich aber der pragmatische westliche Jetztzeitmensch, der das Alter und die Alten nicht sonderlich verehrt und auch nicht ehrt, könnte sich allerdings auch der Urahn, solange er nicht allzu tatterig ist. Der Urahn in dieser Gesellschaft, dem der pragmatische westliche Jetztzeitmensch in tausenden Artikeln und Doktorarbeiten hinterherrätselt, denkt aber gar nicht daran. Er thront viel lieber unter dem immer frisch entstaubten Sohnfoto. Pragmatisch ist diese Gesellschaft sicher auch. Von diesen Söhnen gibt es nämlich sehr viele, viel zu viele, sagen die Experten, es wachsen dauernd welche nach. Sie warnen vor ihnen wie vor Schädlingen.

Soviel Hormone, meistens sind es männliche, soviel Kraft, Leidenschaft, soviel Ungestüm, Traum. Hingabe. Man nennt es Jugend, manche erinnern sich, sie hatten es auch, sie haben es überlebt. Alles schießt übers Ziel hinaus, wo ist das Ziel? Es muss das Große sein, das Ganze, mindestens. Es muss um alles gehen, um Leben, Tod, Liebe, die groß ist und immer oder gar nicht, ein Leben, das groß ist oder gar nicht. Das kann man natürlich noch steigern, es gibt bewährte Mittel.

Zum Beispiel Gott. Im Moment die global beliebteste Droge. Drogen, die ähnliche Rauschzustände bewirkten, gab es schon genug. Je nach Saison, Mode, Jahrtausend. Revolution. Blutsbrüderschaft der Terreur. Die Droge verbindet, verbündet, berauscht.

Der ältere Mensch hingegen ist vorsichtig mit Drogen. Er könnte ja dabei umkommen. Er wirft sich vor Gott auf die morschen Knie, vorsichtig.

Michèle Thoma
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