Maria Ruiz-Castell hat schon in den Anden und in der Arktis bei den Inuit zur öffentlichen Gesundheit geforscht. Seit drei Jahren arbeitet sie am Luxembourg Institute of Health

Am liebsten unter Menschen

Porträt der Epidemiologin Maria Ruiz-Castell des Luxembourg Institute of Health
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 30.11.2018

„Wir fuhren jede Woche mit dem Bus von La Paz nach Oruro. Meist dauerte das zwei bis drei Stunden, aber manchmal auch länger, es konnte immer irgendwas passieren.“

Zwei Jahre verbrachte die Epidemiologin Maria Ruiz-Castell im Hochland von Bolivien; zwei Jahre, in denen nicht nur auf den Busfahrten immer wieder irgendwas passierte. Kaum hatte sie an der Universität Barcelona ihre Doktorarbeit in Umwelt-Epidemiologie verteidigt, war sie im Auftrag des französischen Institut de recherche pour le développement (IRD) auf über dreieinhalbtausend Meter Höhe in die Anden gezogen. In Bolivien gibt es dort große Städte. Die höchstgelegene ständig bewohnte Siedlung Europas, zum Vergeich, ist das Dorf Uschguli im georgischen Kaukasus auf nur 2 200 Metern und mit 70 Einwohnern.

Dabei sagt Maria Ruiz-Castell von sich: „Ich bin keine Globetrotterin.“ Doch in der kanadischen Arktis bei den Inuit war die in Valencia gebürtige Spanierin auch – forschungshalber. Seit drei Jahren ist sie Gruppenleiterin in der Abteilung Public Health Research am Luxembourg Institute of Health (LIH). Ob das vergleichsweise wenig aufregend ist? – Nicht aus der Forscherinnen-Sicht: „Ich mag es, mich auf einen Ort einzulassen. Zu lernen, wie das Leben dort funktioniert und wie die Menschen sind.“ Deshalb sei, wenn sie mal verreise, eine Woche nicht lang genug. „Kaum habe ich begonnen zu entdecken, was es zu entdecken gibt, muss ich wieder weg.“

Vielleicht muss so eine ruhige, beharrliche Neugier haben, wer die Wissenschaft von der öffentlichen Gesundheit betreibt. Sie ist ein Querschnittsfach, in dem sich Biologie und Medizin mit Statistik und den Sozialwissenschaften treffen, und je nachdem auch noch mit anderen. Liest man, was Ruiz-Castell an Fachartikeln veröffentlich hat, fällt auf, dass sie viel Kontext um ihre eigentliche Forschungsarbeit schildert, nicht nur zur Epidemiologie, also zur Krankheitslage und ihrer Entwicklung vor Ort, sondern auch zu Wirtschaft und Einkommensverhältnissen, zu Geografie und Demografie. Um richtig verstanden zu werden, müsse das so sein, findet sie.

In der bolivianischen Bergbaustadt Oruro untersuchte Ruiz-Castell mit ihren Kollegen von 2007 bis 2009, ob wer in der Nähe der Minen wohnt, gesundheitlich beeinträchtigt ist. Genauer gesagt, wie betroffen Schwangere von Schadstoffen sind und ob sich das nach der Geburt ihrer Kinder in deren erstem Lebensjahr mit kognitiven und Verhaltensproblemen in Verbindung bringen lassen konnte. Anzunehmen war das, denn in Oruro werden Gold, Silber, Zinn, Kupfer, Zink und Antimon abgebaut – Metalle, deren Erze als Verbund mit giftigen Stoffen wie Arsen, Blei und Kadmium vorkommen. Als Ruiz-Castell und ihre Gruppe dort forschten, spielte sich der Großteil des Lebens der 250 000-Einwohnerstadt nahe der Bergwerke ab. Oruro galt als einer der am stärksten kontaminierten Bergbauorte der Welt, ein Drittel der Kinder unter fünf Jahren waren chronisch fehlernährt.

Am Ende fanden die Forscher nichts Außergewöhnliches – weder übermäßig viele Schadstoffe im Blut der 413 untersuchten Frauen, noch ließ sich an den 246 Kindern etwas feststellen, was auf Entwicklungsprobleme durch Schadstoffbelastungen hindeutete. „Wissenschaft kann so sein“, sagt Maria Ruiz-Castell. „Wir hatten verschiedene Hypothesen, weshalb unsere Resultate so ausfielen.“

Auf jeden Fall sei diese Studie eine der ersten in Bolivien gewesen, die Umwelt und Gesundheit miteinander in Verbindung zu bringen versuchte. Land und Leute hatten lange andere Probleme. Was das Forscherteam auch erfuhr: „Ich war die einzige Nicht-Bolivianerin unserer Gruppe. Die Frauen, die wir aufsuchten, dachten, ich sei eine neue Ärztin.“ Krankenhäusern wurde prinzipiell misstraut: „Die Leute gingen dahin nur im äußersten Notfall, verließen sich lieber auf ihre traditionelle Medizin. Als wir den Frauen sagten, sie müssten mit ihren Kindern zu Untersuchungen in eine Klinik gehen, glaubten sie, wir wollten ihnen die Babys wegnehmen oder sie in Maschinen legen. Dabei wollten wir nur Gewicht und Körpergröße messen.“ Die Arbeit in Bolivien sei „sehr, sehr schwierig“ gewesen. „Man brauchte nicht nur einen Plan B, sondern einen Plan C und D.“

Doch das fand Ruiz-Castell eher anspornend als lästig: „Ich war nah bei den Menschen, und die Menschen waren großartig.“ Für das IRD zu arbeiten, sei etwas Besonderes gewesen: Feldforschung im wahrsten Sinne des Wortes. So ähnlich hatte sie sich das gewünscht, als sie ihr Studium in Barcelona in dem sehr angesagten Fach Biomedizin nur bis zum Bachelor abschloss und für ihr Master-Studium lieber zur Public Health wechselte. „Als junge Studentin hatte ich mir vorgestellt, ich würde eine Erfindung machen, die die Gesundheit der Leute verbessert. Doch im Labor fühlte ich mich mit meinen Versuchsreihen einsam. Ich hätte umsatteln und Ärztin werden können, aber neben dem Kontakt mit Menschen interessierte mich der Zusammenhang von Umwelt und Gesundheit stark. Deshalb Public Health und anschließend das Doktorat in Umwelt-Epidemiologie.“

Auf dem Gebiet arbeitet sie nun am LIH. Nach Luxemburg kam sie nach einem Postdoc-Aufenthalt an der Université Laval im kanadischen Québec City. „Ich wollte zurück nach Europa, am liebsten nach Spanien, aber dort sind wegen der anhaltenden Wirtschaftskrise die Stellen sehr knapp.“ Am LIH wertet die Wissenschaftlergruppe um Maria Ruiz-Castell Daten des European Health Examination Survey (EHES) aus, die in Luxemburg gewonnen wurden. Was durchaus an Pionierarbeit grenzt: Mit EHES nahm Luxemburg zwischen 2013 und 2015 zum ersten Mal an einer für die Bevölkerung repräsentativen Studie teil, die den Vergleich mit den anderen EU-Ländern erlaubt. Nach der Euriscav-Studie, die 2007 bis 2009 entstanden war, EU-weite Vergleiche aber nicht ermöglichte, ist EHES erst die zweite bevölkerungsbasierte Untersuchung zur öffentlichen Gesundheit hierzulande.

Schon Euriscav hatte zum Teil aufsehenerregende Ergebnisse geliefert. Etwa, dass anscheinend 34 Prozent der erwachsenen Bevölkerung einen behandlungsbedürftig hohen Blutdruck haben. EHES zufolge ist dieser Anteil in fünf Jahren um drei Prozentpunkte gesunken. „Das ist auf jeden Fall eine gute Nachricht“, sagt Maria Ruiz-Castell. In den EHES-Daten stecke aber noch viel mehr, was sich auswerten lässt. In einem Projekt, das der Forschungsfonds FNR finanziert, werden Umweltschadstoffe und „Mikronährstoffen“ analysiert, die bei den EHES-Teilnehmern gefunden wurden. Sie könnten bedeutsam sein für die Entwicklung von Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes. „Was Schadstoffe betrifft, suchen wir nach Pestiziden und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen. Mikronährstoffe wiederum geben Aufschluss über Ernährungsgewohnheiten.“ Ob sich das in Verbindung bringen lassen kann mit Erkrankungen und ihren Vorstufen, soll eine andere Untersuchung erhellen, die im März dieses Jahres angelaufen ist.

„In den nächsten zehn Jahren wird unsere Wissenschaft Gesundheit als komplexes System erklären können“, glaubt Ruiz-Castell. „Gesundheit ist ja nicht nur individuell bedingt. Welchen Einfluss die natürliche Umwelt, sozioökonomische, demografische und kulturelle Faktoren im Verbund haben, werden wir dann deutlicher sehen. Wir werden nicht nur Krankheiten in der Bevölkerung besser verstehen, sondern auch Ungleichheiten in der Gesundheit reduzieren können.“

Wie multifaktoriell Gesundheit sein kann, hat Ruiz-Castell in der kanadischen Arktis erfahren: in Nunavik, jenem Teil der Provinz Québec, der etwa so groß ist wie Spanien, aber nur 11 000 Einwohner hat. Sie leben entlang der Küsten an der Hudson Bay und der Hudson Strait in Dörfern, die nur auf dem Luftweg oder im Schiff zu erreichen sind. Temperaturen von unter minus 30 Grad herrschten, als Ruiz-Castell mit Kollegen der Université Laval die Wohnsituation der einheimischen Inuit und die Ernährungslage der Kinder im Schulalter erhob. Resultat: Fast 62 Prozent der Haushalte wohnten unter beengten Verhältnissen, und 27 Prozent der Familien verkleinerten die Mahlzeiten ihrer Kinder aus Mangel an Geld. Was wiederum umso häufiger vorkam, je beengter die Wohnverhältnisse waren.

Beengt zu wohnen hieß, dass zwei Personen oder mehr sich ein Zimmer teilten. „Doch man muss bedenken, dass die kanadischen Inuit vor wenigen Jahrzehnten noch Nomaden waren, die von Fischfang und Jagd existierten und in Iglus und Zelten lebten. Eng beieinander zu wohnen, ist Teil ihrer Tradition.“ Zum Problem wurde eher das vielen Familien mangelnde Geld: Fischfang und Jagd spielten nach wie vor eine große Rolle, deckten aber nicht mehr den Nahrungsmittelbedarf ab. „In Läden einzukaufen ist jedoch extrem teuer, und überhaupt ist in Nunavik alles teuer, weil es per Flugzeug oder Schiff herantransportiert werden muss.“ Wohnungsbau werde öffentlich betrieben, reiche aber nicht. Bedürftige Familien erhielten Lebensmittelbeihilfen, doch die reichten ebenfalls nicht immer weit genug.

In Nunavik finde ein allmählicher Wandel in der Gesellschaft statt, der in den 1950-er Jahren einsetzte, als die kanadische Regierung begann, die Inuit sesshaft machen zu wollen: „Als ich dort war, stellte unsere Gruppe nicht nur zum Teil große soziale Gegensätze fest, sondern auch einen Generationen-Unterschied: Die Jungen nutzten ihr Smartphone wie ihre Altersgenossen in Montréal; die Traditionen ihrer Eltern werden vielen fremd, und nicht mehr jeder will ein stolzer Jäger oder Fischer sein.“ Kaum überraschend hätten Zivilisationserkrankungen wie Übergewicht und Herzinfarkt zugenommen, was die Inuit kaum kannten, als quasi alle körperlich sehr aktiv waren. Und wer nicht viel Geld hat, kaufe bei Lebensmittelpreisen, die viel höher sind als der kanadische Durchschnitt, eben das Billigste, was nicht gerade das Nahrhafteste sein muss.

Vor allem zur Verbesserung der Gesundheit „besonders angreifbarer Bevölkerungsgruppen“ beitragen möchte Maria Ruiz-Castell als Wissenschaftlerin: zur Verbesserung der Gesundheit von Kindern, sozial Schwachen, Älteren und Immigranten etwa. „Wir brauchen in der Gesellschaft einen Mentalitätswandel, in dem Gesundheit als ein Wertegefüge verstanden wird, das eine höhere Lebensqualität einschließt, aber auch eine nachhaltige Nutzung von Ressourcen und die Achtung der Vielfalt sozialer Kontexte.“

Peter Feist
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