Esa-Mitglied Luxemburg

Der Weltraum als Nische

d'Lëtzebuerger Land du 19.10.2007

Vollbeweglich mit einem Durchmesser von jeweils 13 Metern. So sollen die beiden TT [&] C* Antennensysteme aussehen, die SES Astra techcom und Hitec Luxembourg gemeinsam bis September 2007 entwickeln und bauen werden. Das Antennenprojekt ist der erste Auftrag für luxemburgische Unternehmen im Rahmen des europäischen Satellitennavigationssystems Galileo. Insgesamt4,2 Millionen Euro ist der Auftrag wert, auf Luxemburg entfallendavon rund 3,3 Millionen. Er soll nicht der letzte sein. 

„Damit haben wir eine Fuß in der Tür“, freut sich Hitec-Generaldirektor und Geschäftsführer Yves Elsen. Bei den Satelliten, für die die Antennen bestimmt sind, handelt es sich um die ersten zwei von vier Satelliten jener In-Orbit-Validation-Phase, während der das Navigationssystem im Weltall erprobt werden soll. Eine Garantie gibt es selbstverständlich nicht, aber mit dem Zuschlag für die beiden ersten Antennen erhoffen sich die beteiligten Firmen bessere Startchancen, wenn es um die Auftragsvergabe der nachfolgenden Antennensysteme geht. Bis 2010, wenn der offizielle Startschuss für die Galileo-Navigation erfolgen soll, sind insgesamt30 Satelliten geplant. Eigentlich war der Start für 2008 vorgesehen, aufgrund der Streitigkeiten mit Washington, aber auch weil sich die beteiligten EU-Länder bei der Frage der Finanzierung und der Nutzung nicht einig wurden, wurde er um zwei Jahreverschoben.

Dann soll, nach den USA mit GPS und Russland mit Glonass, auch Europa über ein eigenes Navigationssystem im Weltall verfügen. Wobei die Systeme, nach jahrelangem politischen Hin und Her zwischen Washington und Brüssel, komplementär geplant sind: Weil GPS und Galileo auf derselben Frequenz senden, wird die Standortbestimmung via Satellit künftig noch präziser. Wer mit einem Galileo-Empfänger auf Reisen ist, bekommt seinen Standort bis auf wenige Meter genau angezeigt. Durch das gegenseitige Ergänzen der beiden Systeme GPS und Galileo sollen Ungenauigkeiten, etwa im Innenstadtbereich durch Hochhäuser, ab 2010 der Vergangenheit angehören. Als besonderes Plus soll der Empfänger später nicht nur wissen, wo er sich befindet. Mittels eines gebührenpflichtigen „Integrationssignals“ erfährt er zudem, wie genau die Angabe ist. Technisch oder atmosphärisch bedingte Verzerrungen werden sofort gemeldet. Vor allem die Luftfahrt verspricht sich von dem Plus an Präzision viel.

Auf bis zu 1,5 Milliarden Euro schätzt das Galileo-Konsortium, das ein Monopol inne hat, den Marktumfang, der im Bereich der individuellen Anwendungen in den nächsten 15 Jahren erzielt werden kann. Dem stehen allerdings Investitionen von insgesamt rund 3,7 Milliarden Euro gegenüber, für die innerhalb eines Public Private Partnership zu einem Drittel die beteiligten Staaten und zu zwei Dritteln das Galileo-Konsortium aufkommen sollen. Bis 2015 sollen 1,8 Milliarden Menschen das Galileo-Angebot nutzen können. 

Kein Wunder, dass neben anderen europäischen Ländern auch Luxemburg dem Projekt große wirtschaftliche Bedeutung beimisst.Rund 6,7 Millionen Euro hat der luxemburgische Staat bisher in das Galileo-Projekt investiert. Damit im Gegenzug Aufträge an hiesige Unternehmen und Forschungsinstitute gegeben werden können, musste Luxemburg der Esa beitreten. Die European Space Agency wurde 1975 gegründet und hat zum Ziel, die Zusammenarbeiteuropäischer Staaten in der Weltraumforschung und -technologie zu fördern. Luxemburg war ab 1999 an die Esa assoziiert, bis es im Juni 2005 unter der damaligen Forschungsministerin Erna Hennicot-Schoepges (CSV) Vollmitglied wurde. Die Satzung der Esa sieht unter anderem vor, dass die staatlichen Gelder, welche die 17 Mitgliedstaaten für die Mitgliedschaft und für Projekte bezahlen, zu einem gewissen Anteil (85 Prozent) in Form von Aufträgen für die heimische Forschung und Industrie zurückfließen. Der Mitgliedsbeitrag bemisst sich am Bruttoinlandsprodukt eines Landes und beträgt für Luxemburg derzeit etwa 1,2 Millionen Euro.

Das ist viel Geld und erhöht den Druck auf die Regierung. Nicht ohne Stolz verkündet Pierre Decker vom Forschungsministerium, man habe bis Mai 2005 bereits 103 Prozent dessen, was man zurückerhalten könne, zurückbekommen. Decker ist gemeinsammit Eugène Berger und Marc Serres im Forschungsministeriumfür Luxemburgs Beziehungen zur Esa zuständig. Seine Angaben beziehen sich auf das Artes-Programm. Im Rahmen von Artes entwickelt die Esa neue Technologien in der Satellitenindustrie (SES Astra) und im Bereich der Medien. Ob die Zahlen für 2006/2007 ähnlich günstig ausfallen werden, wird sich noch zeigen müssen. Mit dem Galileo-Zufließenschlag habe man etwa 70 Prozent der für Luxemburg anfallenden Kosten amortisiert, so Marc Serres.

Luxemburgs Engagement in der europäischen Raumforschung und -technologie ist Teil der Diversifizierungsbemühungen,die unter der vorigen CSV-DP-Regierung begonnen hatten und vom sozialistischen Wirtschaftsminister Jeannot Krecké fortgeführt werden. Welche Erfolgsgeschichte sich daraus in nächster Zukunft schreiben lässt, ist allerdings noch ungewiss. Abgesehen von den „alten Hasen“ der Branche, SES Astra und Hitec Luxembourg, steht Luxemburgs Raumfahrttechnologie erst am Anfang. Und die internationale Konkurrenz ist riesig. Schließlich haben Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien schon seit Jahrzehnten nationale Raumfahrtindustrien und -forschung; zudem ist der Konzen-trationsprozess in der Branche recht weit fortgeschritten.

Als Spätzünder und kleines Land wird es für Luxemburg daher nicht einfach werden, in diesem Markt dauerhaft Fuß zu fassen. „Was wir dringend brauchen, ist Innovation und Kooperation“, sagt Marc Serres. Um diese zu fördern, hat die Regierung im Februar eine Task Force gebildet, in der Vertreter aus dem Wirtschafts-, Forschungs- und Staatsministerium über mögliche Projekte beraten. Wie so oft hoffen die politischen Verantwortlichen, auch in diesem Bereich lukrative Nischen zu finden. Es kommt nicht von ungefähr, dass die ersten größeren Esa-Aufträge an die Firmen SES Astra und Hitec Luxembourg gingen: Beide blicken auf eine langjährige Expertise im Weltraum und in der Satellitentechnik zurück.

Um sich ein Bild über das Potenzial der Luxemburger Wirtschaft und Forschung zu machen, besuchten Esa-Experten 2003 das Land. In ihrem Bericht sehen sie Chancen zur Zusammenarbeit insbesondere im Bereich der Bodentechnologie, bei den anwendungsorientierten Diensten, bei der Erdbeobachtung und bei der Telekommunikation, wo mit Artes bereits Projekte gemeinsam mit der SES Astra gelaufen sind und auch noch laufen. So ist Luxemburg bei Artes 11 am Bau kleiner geostationärer Satelliten beteiligt (Small Geo), und mit zehn Millionen Euro ist das Land nach Deutschland und der Schweiz der drittgrößte Finanzgeber.

Auch die Unternehmen wurden tätig. Angelockt von der Aussicht auf Millionengewinne schlossen sich im Februar dieses Jahres SES Astra, Hitec Luxembourg, P[&]T, Lux-space (eine Tochterfirma des Bremer Raumfahrtunternehmens OHB Technology) und Telindus zum Fachverband für Luft- und Raumfahrttechnologie (Groupement luxembourgeois de l’aéronautique et de l’espace, Glae) zusammen. Eine der ersten Aktionen dieser inzwischen auf acht Vollmitglieder angewachsenen Interessenvertretung war es, ihrerseits ein Strategiepapier mit dem Titel Luxembourg in the EuropeanSpace Arena zu erstellen. Kernziele sind neben der Entwicklung einer dauerhaften nationalen Raumfahrtindustrie und -forschung die Schaffung neuer Arbeitsplätze insbesondere im Bereich der Hochtechnologie. Zwischen 50 und 100 neue Arbeitsplätze, so die optimistische Schätzung des Glae-Vorsitzenden Yves Elsen, könnte der Sektor in den kommenden zehn Jahren zusätzlich zu den bestehenden circa 400 schaffen. Sollte dies zutreffen, ist damit aber noch nicht gesagt, dass diese Stellen vor allem Luxemburgernzugute kommen. Der Fachkräftemangel ist in der Hochtechnologiebesonders groß. Hinzu kommt, dass Luxemburgs Bildungswesen vergleichsweise wenige Schüler zum Hochschulstudium befähigt und das Image der Naturwissenschaften wegen der späten Aufnahme im Lehrplan eher zu wünschen übrig lässt.

Neben der Esa und dem Glae, deren Einschätzungen laut Yves Elsen „zu 80 Prozent übereinstimmen“, hat auch das Forschungsministerium die Lage sondiert. Die Liste der 25 bis 30 Firmen und Forschungsinstitute, die der Esa-Bericht nennt, wurdenin Gemeinschaftsarbeit erstellt. Und sie ist erst der Anfang. Bei einem Call for ideas der Esa Ende vergangenen Jahres wurden immerhin rund 40 Ideen eingereicht. Davon sind zehn Vorschläge in einer ersten Runde zurückbehalten worden. Die Verhandlungen mit der Esa über drei Projektvorschläge laufen noch. Einer betrifft das Bodensegment, ein anderer ist netzwerkorientiert und der dritte, für den die Esa ein RFI (Request for further information) angefragt hat, befasst sich mit Testtechnologien für Satelliten. Besonders viel versprechen sich Regierung und Industrie von den Anwendungen.

Eine Projektgruppe arbeitet daran, verschiedene Applikationenin Verbindung mit der Galileo-Navigation zu entwickeln. So wird es vielleicht eines Tages möglich sein,  nicht nur die Reiseroute via Satellit genannt zu bekommen, sondern zusätzlich Informationen über auf der Strecke liegende Hotels und Sehenswürdigkeitenabzurufen. Den Reiseführer immer an Bord.

Im Rahmen des Esa-Projekts Global Monitoring for Environment and Security (GMES) hat die Regierung überdies eine Liste möglicher, in Frage kommender Dienste erstellt. Diese reicht von satellitengesteuerten Hochwasserschutz für das Innenministeriumbis hin zur Wald-Beobachtung für das Umweltministerium.„Wir haben natürlich das Problem der kleinen Flächen“, räumt Pierre Decker ein. Die angebliche Notwendigkeit für den Staat, sein Territorium zu überwachen, ist aber nicht nur aus Kostengründen kritisch zu sehen. Das Forschungsministerium  hofft zudem, über die Beteiligung am Erdbeobachtungsprogramm das in Luxemburg ansässige Europäische Zentrum für Geodynamik und Seismologie aufwerten zu können.

Doch das ist alles noch Zukunftsmusik. Ob sich die stattlichen staatlichen Investitionen in Millionenhöhe auszahlen werden und ob es Luxemburg eines Tages tatsächlich gelingen wird, über SES Astra hinaus im Weltall auf Dauer Fuß zu fassen,steht noch in den Sternen.

* Telemetrie, Steuerung und Kontrolle

Ines Kurschat
© 2018 d’Lëtzebuerger Land