Vom ewigen Leben

O Tod, reich mir deinen Stachel!

d'Lëtzebuerger Land vom 04.11.2010

Glaube an Gott und Glaube an das ewige Leben sind eng miteinander verbunden, wenigstens im Christentum und im Islam. Wenn mit dem Tod alles aus ist, verblasst auch die Gottesvorstellung oder verliert zumindest für die Orientierung unseres Daseins ihre Bedeutung. Was aber nicht verhindert, dass es Atheisten gibt, die an ein Weiterleben nach dem Tod glauben.

Dem Tod gegenüber gab und gibt es für die Gläubigen die Aussicht auf ein ewiges Leben in Seligkeit, in einer erfüllenden Einigkeit mit der Liebe Gottes, und doch besteht die Angst, dieses Leben zu verlieren, weil im Jenseits auch ein Leben endloser Qualen warten kann. Hier rutscht der Gläubige sozusagen vom Regen der Todesangst in die Traufe der Höllenangst. Das haben Epikur und Lukrez erkannt und demzufolge Seelenheilung nicht im unterwürfigen Glauben an eine Gottheit gesucht, sondern in einer Vorstellung der Abgeschiedenheit der Götter in einer Zwischenwelt. Vom Tod und den Göttern haben wir nichts zu erwarten, also auch nichts zu befürchten. Diese haben die Welt nicht erschaffen und greifen auch nicht in ihren Ablauf ein. Die frühen Christen haben – wie schon vorher Cicero und Plutarch - ganz richtig in Epikur den Atheisten erkannt, der zwar nicht die Götter leugnete, aber die Angst vor ihnen auflösen wollte, die Menschen von der Gottesangst erlösen wollte. So wie spätere Christen in der Lehre Spinozas, die dauernd von Gott spricht, den Pan- und Atheismus aufspürten. Beide Denker haben das planende und absichtsvolle Eingreifen und Wirken von Gottheiten geleugnet und somit jeder institutionalisierten Religion das starke Mittel der Strafe entwendet. Dass sie auch nicht mit Belohnungen und Tröstungen aufwarten konnten, erklärt wohl bis heute die relative Schwäche ihrer Wirkung.

Der Tod ist die Wurzel vieler Übel, da die Mittel, die er beim Menschen zur Überwindung der Furcht vor ihm, hervorbringt, schlimmer sind als er selbst, dieses Ende aller Dinge. Mit seiner unerschütterlichen Unabwendbarkeit und seiner in unserer Welt einzigartigen Gewissheit erweist er sich als das deutlichste Zeichen unserer Begrenztheit und Schwäche. Viele fühlen sich durch ihn, der ihnen Lebensluft und -lust beschneidet, aufs Unerträglichste beengt; sie können im Leben keinen Sinn mehr sehen, wenn mit dem Tod alles vorbei sein soll und somit allen unseren Bemühungen die Dauer und Beständigkeit versagt bleibt. Wenn nichts bleibt, war alles umsonst und vergeblich.

Das erklärt unter anderem die oft wahnhafte Abwehr und den zähen Kampf gegenüber den Alterserscheinungen am eigenen Körper, die ja nichts anderes sind als ein Hinweis auf den Tod, ein memento mori, das man früheren, historischen Zeiten überlassen will. Die ganze Anti-Aging-Bewegung zieht ihre Motivation aus einer wilden Furcht vor dem Tod, die nicht mehr religiös gedämpft, gezähmt und beruhigt wird.

Es wäre interessant zu untersuchen, ob Menschen, die an ein Leben im Jenseits glauben, dieser Furcht vor Alter und Tod ebenso ausgeliefert sind wie solche, denen dieses Leben alles ist und dieser Tod alles nimmt.

Eine starke Schicksalsergebenheit – die Religion des Islams drückt sie schon in ihrem Namen aus – kennzeichnete die Mentalität in Zeiten, in denen man der kleinsten Infek-tion zum Opfer fallen konnte. Die Leute waren bereit, sehr viel anzunehmen und zu erdulden. Das gab ihnen eine gewisse Gelassenheit und zügelte den Willen, alles bis aufs Blut zu bekämpfen, was auf Krankheit und Tod hindeutete. Da war das Alter der Übel schlimmstes nicht.

Die Fantasieblumen des Glaubens blühen immer noch, auch bei uns. Der Tod des Menschen ist seit dem Tode Gottes nicht leichter geworden, oder sagen wir es so: Das Leben hat an Ge-Wichtigkeit zugenommen. Und so wird der Tod für manchen, der dies kurze Leben nicht mit Erlebnissen überlasten will, zu dem schwarzen Loch, aus dem einzig und allein das Licht eines Glaubens herausfindet. Die Metapher ist insofern aussagekräftig, als mit ihr die transzendentale Natur des Glaubens deutlich wird: Die Gesetze der Wirklichkeit binden ihn nicht. Dem Licht der Fantasie sind die Gesetze der Gravitation so wenig ein Hindernis wie dem Glauben, denn dieser berücksichtigt nicht die Gesetze der Physik, sondern die Bedürfnisse der Seele nach Sinn, Trost und gerechtem Ausgleich. Der späte Heinrich Heine geht dieses Ärgernis in einem Gedicht mit Fragen an, die keine Antwort finden:

Lass die heil’gen Parabolen,lass die frommen Hypothesensuche die verdammten Fragenohne Umschweif’ uns zu lösen.

Warum schleppt sich blutend elendunter Kreuzlast der Gerechte,Während glücklich als ein Siegertrabt auf hohem Ross der Schlechte?

Woran liegt die Schuld?Ist etwa unser Herr nicht ganz allmächtig?Oder treibt er selbst den Unfug,ach, das wäre niederträchtig!

Also fragen wir beständig,bis man uns mit einer Hand vollErde endlich stopft die Mäuler -aber ist das eine Antwort?

Die Nicht-Antwort des Todes ist eine Zumutung, der sich viele nicht unterwerfen wollen. Es sollen der Hunger nach Trost und die Erfüllung der tiefsten Sehnsüchte nicht unbefriedigt bleiben. Auf diese Art überwindet der Glaube den Tod, den größten Feind und Schrecken des Menschen, und deshalb ist er so erfolgreich. Ist es nicht wunderbar, mit dem bekehrten Gläubigen triumphierend zu fragen: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (Korinther 15, 55)

Stärker als der Tod in unserer Welt kann die Liebe sein; die Hoffnung und der Glaube haben zwar auch den Anspruch darauf, doch die Erfüllung ihrer Versprechen könnten sie nur im Jenseits bewahrheiten. Die Hoffnung und besonders der Glaube müssen sich diesseitig begnügen mit dem Hinweis auf die den Tod überwindenden Kräfte, die ihre Versprechungen mobilisieren.

Wir wachsen auf und leben in einer Gesellschaft, in der das Leben als so kostbar erachtet wird, dass sein Ende, der Tod, einfach ausgeklammert werden muss nach dem Prinzip, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Verdrängung geschieht nach zwei Modellen: Man denkt nicht an den Tod oder man nimmt ihn nicht ernst. Im letzteren Fall gilt er nicht als endgültiger Schluss des Lebens. Überwindung nennt man dann gerne diesen Akt träumenden Glaubens aus unerfüllter Sehnsucht. Durch diese Erfindung eines Lebens nach dem Tod wird diesem Leben in gewissem Sinn sein letzter Ernst genommen. Wenn es nicht nach Wunsch und Vorstellung gelungen ist, dann ist das ja nicht so schlimm, da das Spiel ja nicht ein für alle Mal zu Ende ist und ein New Deal wartet.

Wer hingegen auf seine „unsterbliche Seele“ in einem Leben nach dem Tod verzichtet, indem er keine Hoffnungen auf irgendeine Form des Weiterlebens hegt und dieses Leben als einzige Gelegenheit versteht, wird oft nicht verstanden. Oder man glaubt ihm nicht. Er ist in der Tat angewiesen auf das Hier und Jetzt. Gottfried Keller setzte dem Vergehen der Seele den Aufruf entgegen, sich mit dem Überfluss des verbleibenden Lebens zu füllen, so gut und so lang es geht.

Abendlied

Augen, meine lieben Fensterlein,Gebt mir schon so lange holden Schein,Lasset freundlich Bild um Bild herein:Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die müden Lider zu,Löscht ihr aus, dann hat die Seele Ruh’;Tastend streift sie ab die Wanderschuh’,Legt sich auch in ihre finst’re Truh’.

Noch zwei Fünklein sieht sie glimmend steh’nWie zwei Sternlein, innerlich zu seh’n,Bis sie schwanken und dann auch vergeh’n,Wie von eines Falters Flügelweh’n.

Doch noch wandl’ ich auf dem Abendfeld,Nur dem sinkenden Gestirn gesellt;Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,Von dem goldnen Überfluß der Welt!

Manche naturwissenschaftlich denkende Atheisten schlagen unter dem Druck der Angst vor dem Tode einen Weg ein, der in meinen Augen ein Irrweg ist: Sie wollen das ewige Leben ohne Gott. Aber sie überlassen den Himmel doch nicht den Engeln und den Spatzen, sondern wollen diese religiöse Verheißung in dieser Welt verwirklichen. Sie rauben der Transzendenz die vita aeterna, um sie in die Immanenz einzuführen. Die einen, die Kryoniker, wollen die Leichen von kürzlich Verstorbenen in flüssigem Stickstoff tiefgekühlt konservieren, in der Hoffnung, dass spätere Forscher fähig sein werden, sie fachgerecht aufzutauen und dann mit den Mitteln der Wissenschaft Jesu Werk an Lazarus zu wiederholen. Andere lassen sich klonen, weil sie auf diese Art der Selbstvervielfältigung den Weg in die Unsterblichkeit finden wollen. Auf das Missverständnis und die Kurzsichtigkeit dieser Lösungsversuche werde ich nicht eingehen. Ob Bewegungen wie der Posthumanismus und der Transhumanismus da viel versprechender sind, lasse ich mal dahingestellt. (Wenn nach der Vorstellung der Post- und Transhumanisten der Mensch die Evolution steuern soll, statt sie dem Zufall zu überlassen, so stellt sich doch die Frage, inwiefern diese Steuermänner, die ja selber Produkte des Zufalls sind, sich selber aber als Diener der ratio sehen, in ihrer steuernden Wirkung den Zufall transzendieren sollen. Hier scheint ein gravierender Fehler in der Selbsteinschätzung einer technologischen Avantgarde vorzuliegen. Man hofft als Produkt des Zufalls den Zufall zu überwinden in einer Art absolut richtigem Wissen, fast hätte ich geschrieben: göttlichem Wissen. Wie das gelingt, ist wohl das Geheimnis der Singularität.

Ich imaginiere, dass im Lauf der Jahre und Wiederholungen der Überdruss und die Langeweile wohl so übermächtig werden, dass sie sich als eine andere Form der Hölle entpuppen. Einer subtilen religiösen Sicht der letzten Dinge ist ein Vorzug zuzugestehen: Sie ist einsichtig genug, das ewige Leben nicht nur als Fortsetzung des diesseitigen zu verstehen. So imaginiert man etwa ein Leben, das in dem Sinne als ewig zu verstehen ist, als der Begriff Zeit keine Bedeutung mehr hat, da er sich in einer Art zeitloser Erfüllung auflöst. Boethius definiert Ewigkeit als stehendes Jetzt (nunc stans), als gleichzeitig ganzer und vollkommener Besitz eines unendlichen Lebens (interminabilis vitae tota simul et perfecta possessio).

Und doch gibt es auch Menschen, die aus dem Wissen um den Tod Kräfte schöpfen und nicht nur Angst. Es gibt eine „atheistische Erlösung“ im Tode: die Befreiung von den unauflöslichen Widersprüchen, den Leiden und den Mühen des Lebens; eine Erfüllung ist diese Erlösung nicht, aber eine Befreiung ohne neue Versklavung. Vielleicht war es u.a. diese Haltung, die Fontane bei der Abfassung des folgenden Gedichtes beseelt hat:

Leben; wohl dem, dem es spendetFreude, Kinder, täglich Brot,Doch das Beste, was es sendet,Ist das Wissen, daß es endet,Ist der Ausgang, ist der Tod.

Eine solche Haltung zum Leben lässt eine gewisse Müdigkeit und Resignation durchscheinen. Sie ist ein Palliativum gegen die Todesfurcht und damit eine Befreiung vom Glauben an ein Jenseits. Ein Mittel also, das nicht die Krankheit beseitigt, sondern nur die Beschwerden lindert. Aber vielleicht war Fontane gar nicht krank. Das Palliativum hat sich bei ihm aus der Lebenserfahrung ergeben. Hier scheint jemand den Tod zu begrüßen als Abschluss eines erfüllten Lebens. Und diese Sättigung drückt auch ein Gefühl des Genug aus, das sich so formulieren lässt: „Bitte nichts mehr, es reicht.“ (Thomas Bernhard hat sogar dem überlebenshungrigen Goethe Lebensüberdruss unterstellt, weil der sterbende Dichter statt „Mehr Licht!“ einfach nur gesagt habe: „Mehr nicht!“) Eine Hoffnung auf irgendeine Form von Weiterleben fehlt jedenfalls bei Fontane genauso wie ein Glaube daran. Der Text ist meines Erachtens allein auf dieses Leben und sein Ende bezogen. Das verhindert aber nicht, dass ein anderer ihn anders versteht, indem er den Ausgang als Neu-Eingang liest und darin (s)eine Sehnsucht, nach mehr oder noch besser entdeckt.

Wenn wir nun an Gottfried Kellers Abendlied zurückdenken, so erkennen wir, dass er den fast mystischen Gedanken des Boethius ins Diesseits zwang, um den Augenblick der Aufnahme und Wahrnehmung zu verewigen. Das Lebenswerk von Marcel Proust liest sich als ein Versuch, dem Tod in der Erinnerung an das verflossene Leben ein nunc stans, ein Einfrieren der Zeit im Werk entgegenzustellen. Das war eigentlich schon immer ein zentrales Anliegen der Kunst: Dem Tod ein Nein im Festhalten des einmal Gewesenen entgegenzuschleudern. Das wurde in der Architektur (Pyramiden, Tempel, Paläste…), in der Bildhauerei und der Malerei offensichtlicher als in der Musik und der Literatur. Die bildenden Künste arbeiten im festen, dauerhaften Material, während die Musik und die Literatur in Zeichensprachen leben, welche die Vermittler, die Interpreten, Schauspieler und Leser immer wieder neu beleben, aber auch verändern. Wenn Horaz die Dichtung als dauerhafter als Erz (aere perennius) hinstellt, so drückt sich darin der Wunsch des Literaten aus, dass seine Produkte wenigstens so alt werden wie die seiner Kollegen in den bildenden Künsten und noch etwas älter. Hier geht es um die einzige irdische Form des Überlebens, den Nachruhm. Dass ein solches Überleben im Vergleich der kosmischen Zeiträume nur von minimaler Dauer ist, ändert nichts an der Tatsache des Einmal-Gewesenseins.

Jacques Wirion
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